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RezensionenGoodFellasOktober 1990

A Man's World

Martin Scorseses „GoodFellas“: Henry Hill will ein Gangster sein. Das erscheint ihm noch großartiger zu sein als selbst das Amt des US-Präsidenten.

Joe Pesci, Ray Liotta
Joe Pesci, Ray LiottaFoto: Warner Bros.

Nach dem „Skandalfilm“ „The Last Temptation of Christ“ ist Scorsese wieder zu der Welt seiner ersten Filme zurückgekehrt: einer Welt, die geprägt ist von der Herrschaft uralter ethnischer Traditionen (Familie, Religion), von Männerfreundschaft und Gewalt und von der hervorstechendsten kulturellen und populären Errungenschaft des modernen Amerika: der Rockmusik.

Drei Männer fahren in einem Auto, als plötzlich klopfende Geräusche zu hören sind. Ein rivalisierender Gangster, den sie zuvor halbtot geschlagen haben, liegt im Kofferraum. Die Männer bleiben stehen, öffnen den Kofferraum und töten den Mann – mit einer unvorstellbaren Brutalität. Und doch: obwohl man aus amerikanischen Gangsterfilmen einiges gewohnt ist, ist es Scorsese wieder einmal gelungen, diese Brutalität greifbarer, drastischer darzustellen, indem er nicht so sehr die Opfer als vielmehr die Täter in den Mittelpunkt seiner Szenen stellt. Erzählt werden dreißig Jahre aus dem Leben Henry Hills, der schon mit elf Jahren beschlossen hatte, ein Gangster zu werden, etwas, das ihm großartiger schien, als Präsident der Vereinigten Staaten.

Henry (Ray Liotta) beginnt klein, steigt aber rasch auf. Seine Partner sind der smarte Jimmy Burke (Robert De Niro) und der psychopathische Tommy De Vito (Joe Pesci). Zusammen sind sie fast unschlagbar. Unbeirrbar, mit der alle seine Filme auszeichnenden Akribie, zeichnet Scorsese den Weg dieser drei Männer von der Mitte der 50er bis in die 80er Jahre, als auch sie die Grenzen ihrer Macht erkennen müssen. Henry ist zum Kokain-Dealer großen Kalibers geworden, die Droge macht ihn zu einem übernervösen Wrack und zu einer leichten Beute für die Polizei. Mit seiner Hilfe – er wird im Rahmen einer sogenannten Zeugenschutzprogramms zu einer völlig anderen Person „gemacht“ – gelingen den Behörden die entscheidenden Schläge gegen eine zuvor schier unbezwingbare Macht.

Die reale Figur des Henry Hill gab die Vorlage für diesen Film ab, der Einblick gibt in eine nahezu unbekannte Welt, unendlich fern der bürgerlichen. Getragen von drei großartigen Schauspielern, der exzellenten Arbeit des ehemaligen Fassbinder-Kameramannes Michael Ballhaus und der der jeweiligen Epoche angepaßten Musik, die das zeitgenössische Lebensgefühl ausdrückt, entwickelt sich vor dem Zuschauer eine Art „Lebensgeschichte“, wie sie faszinierender und stimmiger nicht sein könnte. Henry Hills Aufstieg und Fall sind ohne Zweifel in ihrer schockierenden Härte realistisch, zugleich haftet ihnen die ungebrochene Faszination großer Gangster-Figuren in der populären Literatur und im populären Film an.

Der Text erschien in den Salzburger Nachrichten am 13. Oktober 1990.

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