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ThemenAsien 3DOktober 2013

Balsam für müde Augen

Über Sinn und Unsinn von 3D und über sechs aktuelle asiatische 3D-Filme – anlässlich des Viennale-Specials 2013 im Gartenbaukino.

Uproar in Heaven
Uproar in HeavenFoto: The Film Library

“Ich habe noch nie jemanden getroffen, der dieses Format wirklich mag. (Christopher Nolan)

Einen Text über eine 3D-Reihe mit dem Zitat eines ausgesprochen prominenten 3D-Kritikers zu beginnen, mag seltsam erscheinen. Doch Christopher Nolan, der wegen oder trotz seiner ungewöhnlichen ersten Filme Following (1998) und Memento (2000) eine steile Karriere in Hollywood (inklusive Batman-Trilogie) machte, ist nicht prinzipiell gegen 3D, wie das oft kolportiert wird, sondern er ist gegen 3D, wenn die Handlung des Films und die Aufbereitung des Stoffes es nicht zwingend notwendig erscheinen lassen: „Ich habe 3D-Arbeit in [James Camerons] Avatar gesehen, die aufregend war. Aber für mich war das Spannendste an Avatar die Erschaffung einer Welt, die Verwendung visueller Effekte, Motion Capture, Performance Capture, all das. Man kann Avatar nicht auf 3D reduzieren. Da war viel mehr an Innovation drinnen, die wirklich aufregend war. 3D war immer ein interessantes technisches Format, eine Art, dem Publikum bestimmte Dinge zu zeigen. Aber zuerst man muss die Story anschauen, die man erzählen will, und sich fragen: Ist es dafür das Richtige?“[1] Und er führt ein weiteres Argument gegen 3D an: „Es bekümmert mich, wenn man einen höheren Preis für etwas verlangt, wovon eigentlich niemand sagen zu können scheint, dass er es besonders liebt.“[2] Es ist eine Tatsache, dass Christopher Nolan mit mit seiner Meinung nicht alleine dasteht, auch wenn es sich nicht jeder Filmemacher erlauben kann, den dringenden Wunsch des Studios (in diesem Fall: Warner Bros.) so hartnäckig zu ignorieren wie der 43-jährige Brite im Falle von The Dark Knight Rises (2012).

Aufbruch und Katzenjammer

Gut sieben Jahre ist es her, seit Hollywood begann, mit Hilfe von 3D und entsprechend höheren Ticketpreisen die stetig sinkenden Einnahmen an den Kinokassen zu kompensieren. Anläufe, den 3D-Film zu etablieren, gab es ja schon mehrere im Laufe der Filmgeschichte, die Begeisterung des Publikums allerdings war stets enden wollend. Und auch diesmal war der Start eher schleppend. Erst 2009 kam eine größere Anzahl an 3D-Filmen in die Kinos, und im Dezember desselben Jahres mit Avatar schon einer der Höhepunkte. Seither sind vor allem die auf Familien abzielenden Animationsfilme aus den großen Studios obligat auch (oder nur) in 3D zu sehen, wobei gewisse technische Mängel nicht restlos kaschiert werden konnten: So konnten selbst die Koryphäen des Pixar-Studios der oft grotesk falschen Proportionierung der Figuren in Up (Oben, 2009) nicht Herr werden.Rückblickend gesehen, sind die Höhepunkte spärlich gesät, ob es sich nun um Original-3D-Filme oder um nachträglich von 2D auf 3D umgearbeitete handelt. Zu den interessantesten Arbeiten zählen ausgerechnet solche von Veteranen wie Werner Herzog (Cave of Forgotten Dreams, 2010), Wim Wenders (Pina, 2011) oder Martin Scorsese (Hugo, 2011). Und der Film, der die Verwendung von 3D bisher am zwingendsten erscheinen ließ, war ausgerechnet ein stilles Drama: Ang Lees mit vier Oscars ausgezeichneter The Life of Pi (2012). Was war noch? Viel Mittelmaß, wenig Subtilität, technische Mängel, dazu oft ungenügende 3D-Projektionen in den Kinos und schlicht die Überforderung des Publikums. 36 Filme in 3D kamen hierzulande 2012 in die Kinos, im Schnitt also drei pro Monat – definitiv zu viele.Kein Wunder also, dass sich die propagierte 3D-Euphorie nicht mehr so recht einstellen will. Das Publikum, so scheint es, hat sich allmählich satt gesehen, und der Katzenjammer in Hollywood wächst: „Wie Chris Meledandri – Produzent und Studiogründer von Illumination Entertainment (Ich – Einfach unverbesserlich, Der Lorax) – zugab, rechnet Hollywood mittlerweile mit beträchtlich weniger 3D-Einnahmen. Zielgruppenstudien hätten ergeben, dass Kinder zwar nach wie vor stereoskopische Vorführungen bevorzugen, aber Erwachsene diese mit überwältigender Mehrheit ablehnen. Konkret sagte Meledandri, er ginge davon aus, dass nur 30 Prozent des Einspielergebnisses von Ich – Einfach unverbesserlich 2 (Despicable Me 2) aus 3D-Vorführungen stammen werden. Im Vergleich dazu waren es beim ersten Teil noch satte 45 Prozent.“[3]

Nach Osten

Was nun? Wie so oft, wenn die Film-Spaßfraktion im Westen nicht recht weiter weiß, wandert der Blick sehnsuchtsvoll nach Osten. Das passiert in fast zyklischen Abständen: In den 70er Jahren, als in Sachen Actionfilm hier so gut wie gar nichts mehr ging, wurde man im „Eastern“ fündig und importierte sicherheitshalber neben einigen Spitzenfilmen auch Unmengen von schnell und schleißig produzierter B- und C-Ware, die man mittels brachialer Kürzungen und hanebüchener Synchronfassungen endgültig meuchelte. Ab den 90er Jahren „importierte“ Hollywood dankbar Menschen (John Woo, Jackie Chan, Ringo Lam, Chow Yun-fat, Ronnie Yu, Yuen Woo-ping u.a.) und Filme – zunächst aus Hongkong (was wäre Kill Bill ohne Kungfu-Filme, was Reservoir Dogs ohne Ringo Lams City on Fire?), später auch aus Korea und Japan, deren filmische Erzeugnisse in Hollywood reihenweise, aber diesmal wenigstens offiziell Remakes erfuhren. Selbst Martin Scorsese war von Andrew Laus Polizei-Trilogie Infernal Affairs (2002/2003) so fasziniert, dass er daraus The Departed (2006) machte; demnächst kommt Spike Lees Version von Park Chan-wooks heftigem Rachedrama Oldboy (2003) in die Kinos. Es ist unbestritten, dass auch die asiatischen Produzenten klauen. Die Zahl der Filme, die von westlichen Kassenerfolgen „beeinflusst“ sind, ist Legion. Aber es ist ebenso evident, dass viele westliche Filmfans und auch Professionals am asiatischen Kino etwas schätzen, was ihnen im Filmschaffen Europas und der USA fehlt. Erschöpfend zu benennen, was genau das ist, würde den Rahmen sprengen, doch der vielleicht wichtigste Faktor ist klar und fast mit Händen zu greifen: Asiatische Filme, vor allem jene, die an den Kinokassen erfolgreich sind, sind niemals so „clever“ und so selbstreferenziell, wie das bei vielen Kassenhits aus Hollywood der Fall ist. Genrefilme aus Asien sind genau das: Genrefilme. Da wird nicht gemischt und nicht verwässert, es gibt kein Augenzwinkern und keine Metaebenen. Es gibt nur den „puren Stoff“.

Wie etwa lässt sich der gigantische Erfolg jenes Mannes erklären, der – überspitzt gesagt – seit mehr als 30 Jahren immer den gleichen Film macht, und das noch dazu ziemlich oft? Jackie Chan wurde zum Idol von zig Millionen Zuschauern in Ost und West, weil er immer alles gibt, weil er nichts vortäuscht und weil er nie sein Publikum überfordert oder in die Irre führt. Wo Jackie Chan draufsteht, ist auch Jackie Chan drinnen. „Es sind alles meine Kinder“ sagte er einmal, noch in jungen Jahren, über seine zahllosen Fans. Besser kann man es nicht beschreiben.Und siehe da: Als sei es ein Naturgesetz, wurde bei der Berlinale 2012 „der erste 3D-Film“ aus Asien präsentiert: Tsui Harks Flying Swords of Dragon Gate (Longmen fei jia, 2011), des Hongkonger Filmemachers bereits zweites Remake seines Lieblingsfilms, Dragon Gate Inn (Longmen ke zhan, 1967) von seinem Lieblingsregisseur King Hu. Es war zwar nicht der erste asiatische 3D-Film, und er war auch nicht außergewöhnlich gut, aber einem aufmerksamen Beobachter konnte nicht verborgen bleiben, wie erwartungsvoll und mit welch leuchtenden Kinderaugen abgebrühte Professionals und sonstiges Festivalvolk in den Film drängten. Kleine historische Reminiszenz: Tsui Hark war jener Regisseur, dessen fulminante Komödie Peking Opera Blues (Dao ma dan, 1986) den Siegeszug des „neuen“ Hongkong-Kinos im Westen eingeläutet hatte. Seit Flying Swords sind natürlich weitere asiatische 3D-Filme entstanden. Wie steht es nun mit Christopher Nolans Postulat, die Geschichte müsse den Einsatz von 3D rechtfertigen? Zumindest bezüglich der sechs für diese Mitternachts-Reihe ausgewählten Filme kann man guten Gewissens sagen, dass sie den Nolan-Test bestanden haben und noch etwas von der berechtigten Erwartung, die man vor einigen Jahren an das Phänomen 3D geknüpft hatte, atmen.

Natürlich sind Martial-Arts-Filme (nur einer der sechs gezeigten Filme ist ein Horrorfilm) prädestiniert für 3D: So wird das Handgreifliche, das diesem faszinierenden Genre innewohnt, noch plastischer, die „menschengemachte“ Action verdichtet sich noch einmal auf einer nächsten visuellen Ebene. Wie State-of-the-Art-3D aussehen kann, zeigt ausgerechnet der Zeichentrick-Klassiker The Monkey King: Uproar in Heaven (Da nao tian gong, 1961/1964) von Wan Laiming, dem großen Trickfilmpionier Chinas. 2012 wurde der Film vollständig restauriert, es wurde einige wenige Szenen behutsam hinzugefügt, und er wurde in einem komplexen Verfahren auf 3D umgearbeitet. Wan Laimings Film war – bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen – immer schon ungeheuer beliebt, vor allem wegen seiner phantasievollen und farbenfrohen Gestaltung, die, wie er selbst sagt, auch den japanischen Anime-Meister Miyazaki Hayao beeinflusste. Durch die 3D-Konvertierung wurde ihm nun buchstäblich eine weitere, geradezu magische Dimension hinzugefügt.

Handfeste Action in 3D und eine skeptische Düsternis, die an sein großartiges dreiteiliges Polizei/Gangster-Melodram Infernal Affairs (2002/03) erinnert, das von keinem Geringeren als Martin Scorsese neu verfilmt wurde (The Departed, 2006), prägen Andrew Laus The Guillotines (Xue di zi, 2012). Lau entwirft eine bittere Parabel um Macht, Loyalität, Verrat und um eine Freundschaft, die in Mühlen der Politik und des historischen Wandels gerät. Weniger düster, aber mindestens ebenso Action-orientiert präsentiert sich Stephen Fungs Tai Chi Hero (Taiji yingxiong jueqi, 2012), der zweite Teil seines „Steampunk“-Abenteuers Tai Chi Zero. Fung verpflichtete dafür zwei der kenntnisreichsten Spezialisten Hongkongs, Sammo Hung und Yuen Biao – den einen als Actionregisseur, den anderen als Protagonisten des phantastischen Zweikampfes gegen Ende des Films, mit dem der Regisseur eindrucksvoll demonstriert, was 3D im Martial-Arts-Genre leisten kann.

The Lady Assassin
The Lady AssassinFoto: HK Film

Aber nicht nur im chinesischen Raum beschäftigt man sich mit den Möglichkeiten von 3D. Vikram Bhatt drehte mit Haunted (2011) den ersten 3D-Film Indiens und verzeichnete damit einen großen Kassenerfolg. Bhatt greift den beliebten Topos des „verwunschenen Hauses“, in dem verlorene Seelen auf Erlösung warten, auf – reichlich Gelegenheit, das Publikum mit heftigen 3D-Effekten aus den Sitzen zu reißen. The Lady Assassin (My nhan ke, 2013) von Nguyen Quang Dung erweist sich als ganz dem klassischen Hongkong-Kino verpflichteter Martial-Arts-Film, verblüfft aber durch die in dem Genre eher unübliche starke weibliche Präsenz und vor allem durch seine Herkunft: Der Film, der erstmals in Europa gezeigt wird, ist das spektakuläre Beispiel eines hierzulande völlig unbekannten vietnamesischen Action-Kinos und beweist, dass ein virtuoser Umgang mit 3D nicht auf die großen, klassischen Kinematografien beschränkt ist.

Der bisher wohl Aufsehen erregendste 3D-Film Asiens schließlich stammt von Hongkongs Star-Komiker Stephen Chow, der durch Shaolin Soccer und Kung Fu Hustle auch im Westen bekannt wurde. Wie The Monkey King ist auch Journey to the West: Conquering the Demons (Xi you xiang mo pian, 2013) eine – eher lose – Adaption des klassischen Romans „Die Reise nach Westen“ aus dem 16. Jahrhundert. Chow spielt zwar – zum Leidwesen seiner Fans – diesmal nicht selbst mit, aber er ist ein Vollblutkomödiant und ein Mann mit einem unglaublichen Gespür für das Kino. Virtuos demonstriert er anhand dieser turbulenten Geschichte mit ihrem Reichtum an Figuren und Ereignissen (im Roman bestehen die Helden nicht weniger als 81 Abenteuer!), welche Möglichkeiten 3D bietet, wenn man es auf die richtige Geschichte anwendet. Nicht bloß das Einspielergebnis von mehr als 200 Millionen US-Dollar allein in China gibt Stephen Chow Recht – auch Mr. Nolan hätte an diesem Film ganz gewiss seine Freude.

*[1] http://screenrant.com/christopher-nolan-3d-batman-3-dark-knight-rises-rob-95386/

[2] http://www.salon.com/2012/07/17/dark_knight_creator_nolan_sticks_to_2_dimensions/?source=newsletter, 17. Juli 2012

[3] http://www.animationsfilme.ch/2013/03/12/hollywood-rechnet-mit-weniger-3d-einnahmen-bei-animationsfilmen, 12. März 2013*

Der Text erschien im Viennale-Katalog 2013.

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