Bin keine Legende
Im Alter von 14 Jahren avancierte er zum Star der Nouvelle Vague, mit 35 schien das Ende seiner Karriere sich abzuzeichnen; heute, als 46-Jähriger, feiert Jean-Pierre Léaud mit „I Hired a Contract Killer“ sein triumphales Comeback. Ein Gespräch mit dem Schauspieler.

Es scheint ein bißchen unwahrscheinlich: ein finnischer Regisseur, der in London einen Film dreht, und in der Hauptrolle Jean-Pierre Léaud, Inbegriff des französischen Kinos der sechziger Jahre. Wie haben Sie Aki Kaurismäki kennengelernt?
Ich war Juror beim Festival des Nordischen Films in Rouen, wo Kaurismäkis Film Shadows in Paradise gezeigt wurde. Auch Kaurismäki selbst war da, da haben wir das erste Mal miteinander gesprochen, über Truffaut und Godard, die er sehr mag. Etwas später tauchte die Idee auf, daß er einen Film eigens für mich schreiben wollte, und daraus wurde dann eben I Hired a Contract Killer.
Kannten Sie damals schon die Filme von Kaurismäki?
Nein, zunächst nur Shadows in Paradise, erst später sah ich auch die anderen und lernte seinen Stil allmählich kennen.
Henri, die Figur, die Sie in Kaurismäkis Film verkörpern, scheint mir gewisse Ähnlichkeiten mit der des Antoine Doinel zu haben. Sehen Sie das auch so?
Nun, die Figur. die ich in I Hired a Contract Killer spiele, entspricht auf jeden Fall mehr meinem jetzigen Alter, also 46. Sie ist in gewisser Hinsicht auch ein bißchen verrückt und ebenso phantastisch wie Antoine Doinel. Aber es gibt auch Unterschiede, vor allem in der Art, wie Kaurismäki mich dirigiert hat: Er wollte, daß ich möglichst wenig Gesten verwende und wenig Mimik, und das ist wohl ein sehr einschneidender Unterschied.
Dieser Wechsel von Ihrem typischen Truffaut-Stil zu der fast stoischen Darstellung bei Kaurismäki, ist Ihnen der schwer gefallen?
Nein. Das ist einfach eine Sache des Arbeitens. Truffaut und Kaurismäki, obwohl sie beide große Autoren sind, arbeiten völlig unterschiedlich.
„I Hired a Contract Killer“ ist der erste Film, den Sie in Englisch gedreht haben. Wie war das für Sie in Anbetracht der ständigen Schwierigkeiten, die Antoine Doinel mit der englischen Sprache hatte?
Nun, das war nicht besonders schwer es gibt ja nicht sehr viel Dialog.
Kommen wir zu einem anderen sehr wichtigen Film, der derzeit wiederentdeckt wird, zu Jacques Rivettes „Out One“. Inwiefern beeinflußten die Ereignisse des Jahres 1968 diesen Film?
Out One beruht einzig und allein auf Improvisation. Als man Rivette damals fragte, sagte er, man könne mit einem Film entweder noch eine Geschichte erzählen oder aber etwas anderes tun. Diesmal, so meinte er, würde eben etwas anderes gemacht, die Schauspieler würden improvisieren und ihren Text selbst gestalten. Und sicher behandelt Out One viele Probleme, die die Intellektuellen und Rivette damals bewegt haben.
Die Idee, in dem Film einen Stummen zu spielen, stammte die von Ihnen?
Nein, das war Rivettes Idee. Doch ich erinnere mich, daß die Idee, Mundharmonika zu spielen. von mir stammt. Das ist aber fast zwanzig Jahre her. und ich kann mich nicht mehr besonders gut erinnern.
Wie haben Sie sich dabei gefühlt, in die Cafés zu gehen und die Leute um Geld anzubetteln?
Ich hatte keine Probleme damit. Für mich war das eine Rolle wie jede andere, ich ging eben in Cafés, spielte Mundharmonika und bat die Leute um Geld. Das ist alles.
Jetzt kommt natürlich die unvermeidliche Frage: Was bedeutet Antoine Doinel heute für Sie?
Es ist nicht so wichtig. was er für mich, sondern was er für die Geschichte des Kinos bedeutet. Ich meine, daß er eine einzigartige Figur ist. Man begegnet ihm zum ersten Mal, als er vierzehn Jahre alt ist, man sieht seine seelischen Blockaden, als er siebzehn ist, man sieht ihn in Baisers volés, wie er das Leben in Angriff nimmt, in Domicile conjugale als verheirateten Mann und schließlich in L‘Amour en fuite noch einmal. Es ist in der Filmgeschichte einzigartig, daß man die Entwicklung eines Mannes, einer Figur so mitverfolgen kann – das ist die große Bedeutung Antoine Doinels, glaube ich. Außerdem ist es sicher auch die Figur, die ich von allen, die ich gespielt habe, am liebsten mochte.

Was haben Sie empfunden, als sie das erste Mal hörten, Sie würden diese Rolle bekommen?
Also, stellen Sie sich das vor. Ich war vierzehn Jahre alt, hatte ein paar Mal mit François Truffaut gesprochen. Dann gab er mir eines Tages das Drehbuch und sagte nebenbei: Jean-Pierre, du spielst die Hauptrolle. Für ein vierzehn Jahre altes Kind war das natürlich eine außergewöhnliche Sache – ein absolut außergewöhnliches Erlebnis. Und auch die Dreharbeiten verliefen so: François liebte Kinder sehr, konnte sehr gut mit ihnen umgehen und hat sich viel um mich gekümmert. Alles war einfach außergewöhnlich.
Sie waren damals ja völlig unerfahren als Schauspieler. Gab es jemand, dein Sie nachzueifern versuchten?
Ja, Tarzan.
Wie haben Sie oder wie hat sich dieser sehr persönliche Léaud-Stil entwickelt?
Das hat sich mit der Zeit so ergeben, mit den Rollen, die ich gespielt habe, und nicht zuletzt mit den Regisseuren, mit denen ich gearbeitet habe; die haben mich entscheidend beeinflußt, denn jeder hatte natürlich eine andere Auffassung darüber, wie ich eine Rolle zu spielen hätte.
Wie denken Sie heute über Ihre Position als sozusagen „lebende Legende“ des europäischen Kinos? Nein, nein, ich sehe mich nicht als eine Legende...
Aber Sie waren doch wohl der zentrale Schauspieler des sogenannten Autorenfilms?
Ja, das ist vielleicht eine gute Definition.
Sie haben mit so vielen bedeutenden Regisseuren gearbeitet, mit Truffaut, Godard, Rivette, Eustache, Pasolini, Bertolucci, Cocteau. Gibt es noch andere Regisseure, mit denen Sie gerne einen Film machen würden?
Zweifellos, da gibt es eine ganze Menge. Aber im Moment bin ich einmal froh, mit einem der besten europäischen Regisseure der Gegenwart gearbeitet zu haben.
Was war der Grund, daß Sie in den letzten Filmen Truffauts nicht mehr aufgetreten sind?
Immerhin hatten wir schon sieben Filme zusammen gemacht, und da schien es mir auch einmal an der Zeit, etwas anderes zu versuchen. Aber bestimmt hätten wir wieder einmal zusammen gearbeitet.
In den achtziger Jahren hielt man Sie praktisch für verschollen. Was haben Sie während dieser Zeit wirklich gemacht?
Nun, auf jeden Fall habe ich in zwei Filmen Godards mitgespielt, in Détective und in Grandeur et décadence d'un petit commerce de Cinéma, und in einem Film meiner alten Freundin Suzanne Schiffman, die lange Zeit Drehbücher für François geschrieben hatte. Was ich sonst gemacht habe, darüber möchte ich lieber nicht sprechen.
Das Interview erschien im Falter 24/91 (Juni 1991).



