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PorträtsStanley KwanJuni 2003

Commitment gefragt

Regisseur Stanley Kwan ist einer der Protagonisten des anspruchsvollen Hongkong-Kinos. Mit „Lan yu“ verfilmte er in Festland-China einen schwulen Undergroundroman.

Stanley Kwan
Foto: Lethal Magma, CC BY 3.0

Queer zu sein in Hongkong bzw. in China ist kein Spaß. Das ersieht man unter anderem daran, dass dem am 1. April freiwillig aus dem Leben geschiedenen Pop- und Filmstar Leslie Cheung noch auf der Kondolenz-Homepage wüste Beschimpfungen nachgereicht wurden – und das, obwohl seine Homosexualität gar nicht „offiziell“ bekannt war. Auch für den Regisseur Stanley Kwan (der Leslie Cheung 1987 in Rouge eine seiner schönsten Rollen geschenkt hatte) war es keine leichte Sache, sich offen zu seinem Schwulsein zu bekennen. In einer ausgeprägten Machogesellschaft wie der chinesischen spricht allein die Tatsache, wie Schwule (häufig) und Lesben (eher spärlich) in Hongkong-Filmen dargestellt werden, Bände: Bestenfalls zeigt man sie als komische, ewig kichernde Tunten, die nicht alle Tassen im Schrank haben.

Stanley Kwan (Kwan Kampang), 1957 in Hongkong geboren, studierte am Baptist College seiner Heimatstadt und arbeitete wie viele andere Filmemacher seiner Generation (etwa Tsui Hark und Wong Kar-wai, um die bekanntesten zu nennen) zunächst beim Fernsehen und danach als Regieassistent.1985 entstand seiner erster eigener Film mit dem paradigmatischen Titel Women: Kwan etablierte sich in der Folge als „Women’s Director“ und schuf betörend schöne Melodramen wie Love unto Waste (1986, mit Elaine Jin), Rouge (1987, mit Anita Mui), Center Stage / Actress (1991; Maggie Cheung wurde für ihre Darstellung der unglücklichen Stummfilmdiva Ruan Lingyu bei der Berlinale als beste Schauspielerin ausgezeichnet), und Red Rose White Rose (1994, mit Veronica Yip und der unvergleichlichen Joan Chen).

Erst 1995 wagte Kwan mit seinem Dokumentarfilm Yang +/- Yin: Gender in Chinese Cinema, der im Rahmen von identities 2003 gezeigt wird, den entscheidenden Schritt: In Auftrag gegeben vom British Film Institute für die weltweit produzierte Serie „100 Jahre Kino“, wurde Kwans Film zu einer hymnischen Huldigung an die maskuline Körperlichkeit des chinesischen Martial-Arts-Kinos, aber auch an das zart Feminine, die Kehrseite der Medaille. Ein Jahr später entstand – aus Anlass der Rückgabe der Kronkolonie Hongkong an China – ein weiterer sehr persönlicher Dokumentarfilm, Still Love You After All These Years. Ebenfalls 1997 drehte Kwan einen der ganz, ganz seltenen Queer-Filme Hongkongs, den allerdings wenig überzeugenden Hold You Tight. Nach dem Versuch, sich in The Island Tales (1999) als der „bessere Wong Kar-wai“ zu behaupten (etwas, was schon einigen Regisseuren in Hongkong missglückt ist), drehte er 2001 in Festlandchina Lan Yu, ein Stück handfestes und relevantes politisches Kino, das in mehrerer Hinsicht bemerkenswert ist: zuallererst wegen seiner Vorlage: Beijing gushi (Beijing Story) ist ein in der Volksrepublik außerordentlich populärer Roman, der allerdings nur im Internet existiert, wo er 1996 auftauchte, geschrieben von einem anonymen Autor, dessen Pseudonym „Beijing Comrade“ sich auf das Slang-Wort für schwule Männer („comrades“) bezieht.

Lan yu
Lan yuFoto: Kwan's Creation Workshop

Jimmy Ngai, Kwans langjähriger Partner, straffte den Internet-Roman, und Kwan drehte zum ersten Mal in der Volksrepublik, unter nicht ganz einfachen Bedingungen, denn neben der Gay-Thematik sind Roman und Film auch noch 1988 angesiedelt, kurz vor den Turbulenzen, die letztlich zum Massaker am Tiananmen-Platz führten. Der reiche Geschäftsmann Chen Handong, der über gute Kontakte zur Partei verfügt, ist ein „closet gay“; sein engster Vertrauter, Liu Zheng, ist einer der wenigen, der von Handongs tatsächlicher sexueller Orientierung weiß. Liu Zheng hat einem schwulen Barbesitzer einen einfachen jungen Burschen vom Land namens Lan Yu vorgestellt. Lan Yu ist Student, der vor allem Geld braucht und dafür fast alles tun würde. Im Zuge eines wilden Trinkgelages in einer Poolhalle lernen einander Handong und Lan Yu kennen, und schon bald ist beiden klar, dass sie außer wildem Sex noch mehr miteinander verbindet. Handong jedoch, scheinbar der „Realistischere“ der beiden, warnt Lan Yu, sich allzu sehr zu engagieren; er selbst wolle vor allem einen Sexpartner, und irgendwann würden sie sich doch trennen. Doch als die politischen Ereignisse Beijing und die beiden Männer zu überrollen beginnen, müssen Lan Yu und Handong sich über sich selbst und über ihre Beziehung klar werden. Lan Yu ist ein mutiges Statement innerhalb der homophoben Alltagskultur Chinas, aber auch in politischer Hinsicht: Er setzt an dem Punkt in der jüngeren Geschichte an, an dem die scheinbare Lockerung der politischen und sozialen Gegebenheiten einen schweren Dämpfer erhielt. Mit der Niederschlagung der Studenten-Unruhen in Beijing am 4. Juni 1989 (ein weiteres Tabu übrigens im Hongkong-Kino, das nur ganz selten angepackt wurde) wurde ein Point of No Return erreicht, nach dem nichts mehr war wie vorher. Vor allem für Hongkongs Bürger, die damals ja schon wussten, dass die Stadt 1997 an China zurückgegeben würde, waren die Ereignisse am Tiananmen-Platz ein klares Signal dafür, dass den Versprechungen der Beijinger Regierung nicht zu trauen war. Aus dem vorsichtigen Optimismus bzw. der „Sehnsucht“ nach Wiedervereinigung mit dem Mutterland wurde blankes Entsetzen.

Stanley Kwan zeigt meisterhaft, wie sehr politische Ereignisse Einfluss auf Individuen haben; zwar ist das keine neue Erkenntnis und auch im Film schon sehr oft abgehandelt worden, noch nie aber unter diesen speziellen Voraussetzungen. Handong, der trotz seines deutlich höheren Alters der Unreifere der Beiden ist, der sich nicht „committen“ will, sieht sich einem Schock gegenüber, der seine mehr oder weniger problemfreie Existenz über den Haufen wirft. Kwan gelingt es, diese Umwälzung darzustellen, ohne Moralismus, ohne pädagogischen Zeigefinger und auch ohne jede Sentimentalität: An einem bestimmten Punkt im Leben, so sagt Lan Yu, ist es Zeit, die Spiele bleiben zu lassen und Farbe zu bekennen: politisch ebenso wie im persönlichen Umfeld.

Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) im Juni 2003.

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