Das Leben ist nicht so
Sidney Lumet gilt als letzter aufrechter Demokrat des amerikanischen Filmbusiness. Anläßlich der Premiere von „Q&A“ („Tödliche Fragen“) in Deauville führte Andreas Ungerböck das folgende Gespräch mit dem Regisseur.

Können Sie mir sagen, warum Sie fast zehn Jahre nach „Serpico“, „Prince of the City“ oder „The Verdict“ wieder zurückgegangen sind zum Polizeifilm, zur Korruption, zur Suche nach dem verrotteten Kern im Justizsystem?
Offensichtlich ist es immer noch interessant. Jedesmal, wenn ich etwas finde, das ich zuvor noch nicht untersucht hatte – und „Q&A“ geht tatsächlich in eine ganz neue Richtung – werde ich hellhörig. Ich arbeite auch schon wieder an einem Skript über einen Mann im Polizeidienst, der eine sehr interessante Metamorphose durchmacht. Es ist eine wahre Geschichte: Er arbeitete als Undercover-Agent und wurde so verstrickt in das kriminelle Leben, daß es ihn einfach überrollte und er letztlich große Schwierigkeiten hatte, gegen diese Leute auszusagen.
Glauben Sie, daß es seit den siebziger Jahren schlimmer geworden ist?
Ich glaube, die Korruption ist schlimmer geworden, weil es mit den Drogen heute um soviel schlimmer ist. Auch die Geldbeträge sind soviel größer geworden ...
Wenn man „Serpico“, „Prince of the City“ und „Q&A“ als eine Art Trilogie sieht, gibt es da eine große Veränderung von der „Unschuld“ hin zur Desillusionierung?
Ich weiß nicht genau. „Q&A“ ist fiktiv. „Serpico“ und „Prince of the City“ sind wahre Geschichten. Reilly in „Q&A“ ist viel unschuldiger als Serpico, und er kämpft auch um seine Unschuld, während die Treat-Williams-Figur in „Prince of the City“ praktisch von Geburt an weiß, daß es eine Art „underlife“ gibt. Ich weiß, daß die Leute diese drei Filme immer in Zusammenhang bringen. Ich tue das eigentlich nicht. zumindest tat ich es nicht, als ich anfing. „Q&A“ zu drehen.
Wie haben die New Yorker Cops auf diese drei Filme reagiert?
Sie lieben diese Geschichten und die Art, wie wir sie gemacht haben, weil sie wissen, daß es ganz genauso ist. Die Presse mag sie nicht, aber die einfachen Polizisten mögen sie.
Glauben Sie, daß die Zustände in „Q&A“ dem generellen Stand der Dinge in den USA entsprechen?
Unbedingt. Nicht nur in den Vereinigten Staaten übrigens. Ich glaube, Rassismus ist etwas, das wir Weißen nie so richtig erforscht haben. Denken Sie nur an England; die dachten doch niemals, daß sie eine rassistische Gesellschaftsordnung hätten, bis auch dort Rassenunruhen ausbrachen oder denken Sie an Carpentras. (1)
Hat das etwas mit der Regierung zu tun, die Sie haben?
Ja, in dem Sinne, daß unter Rechtsaußen-Regierungen die Dinge lauter ausgesprochen werden. Ich glaube nicht, daß diese Dinge unter linken Regierungen verschwinden, aber sie werden nicht so offenkundig.
Haben Sie also eine Rechtsaußen-Regierung?
Oh ja. die haben wir, und zwar seit Jahren.
Als Moralist und Pessimist – welche Hoffnungen haben Sie. daß das Kino Einstellungen verändern kann?
Ich glaube überhaupt nicht daran. Vielleicht sehen die Leute kurze Zeit etwas und denken ein bißchen darüber nach, aber ich glaube nicht, daß das Kino irgend jemand ändert.
Das offene Ende vieler Ihrer Filme, so auch von „Q&A“, läßt sowohl Zuschauer als auch Protagonisten mit dem Gefühl zurück. die Machtstrukturen, gegen die man ankämpft, seien etwas Naturgegebenes.
Das heißt aber nicht. daß nichts getan werden kann. Diese Filme zeigen ja, wie jemand versucht. etwas dagegen zu tun. Sie sind so viel jünger als ich. Junge Leute haben die schlechte Gewohnheit, daß sie eine Belohnung erwarten; daß die Arbeit für das, wogegen man kämpft, mit einem Sieg endet. Ich glaube. das Leben ist nicht so: Man gewinnt nicht. Das heißt aber nicht, daß man nicht weiter kämpfen soll. Oh man gewinne oder nicht: Es ist wichtig, zu kämpfen.

Das heißt, diese Mächte, so wie in „Q&A“ sind unbezwinglich.
Ganz einfach gesagt: Ich war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, es würde wieder religiöse Kriege geben. hätte ich erwidert: Sie sind verrückt. Wenn mir jemand gesagt hätte, es würde wieder Leute geben, die buchstäblich an ihre Bibel glauben, so hätte ich das nie für möglich gehalten. Aber genau das passiert heute. In vieler Hinsicht heißt das: Wir sind wieder im 10. Jahrhundert gelandet. Akzeptiert man das? Nein, man akzeptiert es nicht, aber das heißt nicht, daß man deswegen schon gewonnen hat.
“Q&A“ war ein Erfolg bei der Kritik, aber nicht beim Publikum ...
Nein. Ich bin traurig und enttäuscht. Aber das war auf der ganzen Welt so. Ich habe erst vor kurzem die australischen Kritiken gelesen: Die sind so, als hätte ich sie selbst geschrieben. Genauso ist das in Deutschland und in Frankreich. Aber ich hoffe, daß sich da noch ein bißchen etwas tut.
Ihre Filme waren nie die ganz großen kommerziellen Erfolge. Woher bekommen Sie die großen Stars, wie Sean Connery, die doch unter einem bestimmten Preis nicht zu erwischen sind? Haben Sie da besondere Beziehungen?
Viele von den großen amerikanischen Stars sind sehr offen und ehrenhaft, was ihren Beruf betrifft. Nick Nolte etwa, der sonst vier Millionen Dollar für einen Film bekommt, arbeitete bei „Q &A“ für den gewerkschaftlichen Mindestlohn, weil er wußte, daß wir kein Geld haben und weil er die Rolle unbedingt spielen wollte.
Als jemand, der aus dem „Goldenen Zeitalter“ des amerikanischen Fernsehens stammt, wie beurteilen Sie das heutige TV?
Überraschenderweise wird es viel besser. Das hängt mit der Konkurrenz zusammen, mit diesen vielen Kabelstationen. Einige von ihnen sind wirklich couragiert, und manches, was sie machen, ist sehr aufregend.
Würden Sie gerne wieder für das Fernsehen arbeiten?
Ja, ich denke schon. Ich würde sogar wieder Live-Sendungen machen, falls das technisch überall noch machbar ist. Vielleicht bin ich auch zu alt, aber das würde mich reizen.
Daß Sie Ende der vierziger Jahre einen Off-Broadway-Workshop gegründet haben, war ja eine Reaktion auf die Strasberg-Schule. Was mochten Sie daran nicht?
Vieles. Hauptsächlich diese Konzentration auf Realismus. Das ist doch nur eine Art von Schauspielstil. Es gibt so viele andere. Und auch innerhalb dieses Stils gibt es noch diese Konzentration auf eigene Erfahrungen, und das schließt meiner Meinung nach einen ganz wesentlichen Bereich aus: die Imagination. Sie hat keine Grenzen – im Unterschied zur persönlichen Erfahrung.
Hatten Sie später Schwierigkeiten mit Schauspielern die im „Method Acting“ ausgebildet waren?
Nein, denn innerhalb der Technik ist es eine sehr gute und brauchbare Art zu spielen. Ich glaube aber, daß es nur 35 Prozent aller Möglichkeiten eines Schauspielers darstellt.
Sie arbeiteten dann auch mit Lee Strasbergs Tochter Susan. War das nicht gefährlich?
Es war weniger gefährlich als langweilig. Sie war ein perfektes Beispiel für das, was ich eben sagte: Der Film „Stage Struck“ war ein richtiges Märchen, und Susan diese Art von Method Actor, die nichts anderes tun konnte. Wenn sie bei der Tür hereinkam, hatte sie bestimmt genug geistige Flexibilität, aber die war weg, sobald sie zu arbeiten anfing.
Sie werden oft als ein Regisseur der geschlossenen Räume angesehen.
Ich glaube nicht, daß das ein Limit bedeutet. Es hat seine eigenen Möglichkeiten, die man, wenn man ein versierter Techniker ist, sehr gut verwenden kann. Viele Leute verwechseln Kino mit Szenerie. Ein Gesicht vor einer Wand kann genauso viel Bedeutung haben wie ein Gesicht vor einem Berggipfel.
Sehen Sie sich selbst alsAuteur?
(2)
Nein, ich bin gegen diese ganze Theorie.
War es denn beispielsweise nicht Ihre Idee, die berühmte Dialogszene aus „Stage Struck“ zwischen Henry Fonda und Christopher Plummer im Central Park bei Schneefall zu drehen?
Da sind wir schon wieder bei dieser Auteur-Sache. Ich würde das keine Idee nennen. Wir hatten die Szene gedreht und Essenspause. Als wir zurückkamen, schneite es. Also sagte ich: Drehen wir es noch einmal, es ist wundervoll! Und binnen einer Stunde waren wir fertig. Pures Glück. Also, was bin ich für ein auteur, wenn alles von solchen Zufällen abhängt?
(1) Jüdischer Friedhof in Frankreich, der heuer von Antisemiten verwüstet wurde.
(2) 1955 entwickelte Truffaut die s.g. „politique des auteurs“ forderte einen Film-der-Autoren, in dem sich die gestaltende Individualität des Regisseurs frei entfalten konnte.
Sidney Lumet
Geboren 1925 in Philadelphia, begann seine Karriere als Theaterschauspieler und Fernsehregisseur. 1957 inszenierte er seinen ersten Film über die Tücken der Justiz, „Twelve Angry Men“. Es folgten unter anderem: „Stage Struck“ (1958), „The Pawnbroker“ (1964) mit Rod Steiger, „The Group“ (1966) nach Mary McCarthy, „The Hill“ (1965), „The Anderson Tapes“ (1971) und „Murder on the Orient Express“ (1974), alle drei mit Sean Connery; „Serpico“ (1974, Vorläufer der gleichnamigen Fernsehserie) und „Dog Day Afternoon“ (1975), beide mit Al Pacino; „Network“ (1976) mir Peter Finch und Faye Dunaway, „Prince Of the City“ (1981), „The Verdict“ (1982) mit Paul Newman. „Q&A“ (1990).
Das Interview erschien anlässlich des Kinostarts von „Q&A“ im Falter 37/90 (September 1990)



