Der Film hat mir richtig Spaß gemacht
Im Kino verhalf er seinem Freund Robert De Niro zum Weltmeistertitel im Mittelgewicht, führte einen aussichtslosen Kampf gegen Kevin allein zu Haus und winde für sein Portrait eines Good Fellas in Scorseses gleichnamigem Mafiaepos mit einem Oscar belohnt: Joe Pesci. In seinem neuen Film „Mein Vetter Winnie“, der Ende Mai in den Kinos anläuft, darf man sich erstmals auch vom komödiantischen Talent dieses kommenden Stars der neunziger Jahre überzeugen.

Wenn man Sie auf der Leinwand sieht, egal ob als psychopathischen Mafioso in Scorseses „Good Fellas“ oder als schwulen Redneck in „JFK“, und Sie jetzt erlebt, dann erwartet man: ein bißchen so, wie er in den Filmen erscheint, muß er auch privat sein – sehr intensiv, schnell sprechend, dynamisch.
Das liegt nur daran, daß ich müde bin und heute schon einige Interviews hinter mir habe. Da neige ich dazu, schnell zu sprechen. Es ist eine nervöse Energie, die man mit der Zeit, so nach dem vierten oder fünften Pressetermin hintereinander, entwickelt. Am Beginn der Interviews geht das alles noch viel langsamer. Aber machen Sie sich nichts draus: Die einzige Person. die mich in New York verstehen kann, wenn ich wirklich schnell spreche, ist Martin Scorsese.
Ihren ersten Film haben Sie schon Anfang der siebziger Jahre gedreht, es hat also ziemlich lange gedauert, bis Sie ein „Name Above the Title“-Star geworden sind. War der Weg nach oben sehr schwierig für Sie?
Ja. sehr. Aber natürlich ist es niemals leicht. Das ist ein bißchen so wie in der Lotterie. Erst wenn man in erfolgreichen Filmen mitspielt, wird man selber auch erfolgreich.
Welcher Film war für Sie der Wendepunkt in Ihrer Karriere?
Das war sicher Lethal Weapon. Danach ging es dann ziemlich steil bergauf, bis zum Oscar für Good Fellas.
Mit Martin Scorsese und Robert De Niro haben Sie zuvor schon einmal bei „Raging Bull“ (Wie ein wilder Stier) zusammengearbeitet. Können Sie mir etwas über diese langjährige Beziehung erzählen?
Nun, wir sind eine Runde von guten Freunden – Marty, Bobby, Christopher Walken, Danny Aiello, Harvey Keitel und ich. Wenn wir nicht gerade arbeiten, versuchen wir, uns so oft wie möglich zu treffen. Das begann schon vor Raging Bull, als Bob und ich uns ein Jahr lang ein Apartment teilten und gemeinsam boxen lernten, weil wir wußten, daß wir diesen Film machen würden und eigentlich immer zusammen waren, wie Brüder.
Bereiten Sie sich auf alle Filme so intensiv vor?
Das ist, offen gestanden, nicht immer möglich. Aber natürlich ist es gut, wenn man sich mit dem, was man zu spielen hat, auch beschäftigt, und nicht bloß so tut, als wüßte man Bescheid.
Ein Film, der in Ihren offiziellen Biographien leider nicht mehr aufscheint, ist Peter Lilienthals „Dear Mr. Wonderful“ aus dem Jahr 1973, den ich persönlich sehr schön finde.
Ja? Ich liebe diesen Film sehr und gehe ihn selbst auch immer noch an. Aber die Produktionsfirmen stellen die Biographien ihrer Mitarbeiter, die ja immer umfangreicher werden, je mehr Filme man gemacht hat, fast ausschließlich danach zusammen, wieviel ein Film eingespielt hat. Dear Mr. Wonderful bekam in den Staaten sehr gute Kritiken und war, glaube ich, auch in Deutschland recht erfolgreich. Peter Lilienthal gehört sicher zu meinen liebsten Regisseuren; und auch Michael Ballhaus, der Kameramann, wurde gerade wegen dieses Films in Amerika so bekannt.
Ein anderer, ganz bescheiden produzierter Film, der 1990 dann völlig unvorhersehbar alle Kassenrekorde brach, war „Home Alone – Kevin allein zu Haus“. Wie sind Sie während der Dreharbeiten mit dem Kinderstar Macaulay Calkin zurechtgekommen?
Ach, er ist okay. Ein kleiner Junge, der weiß, daß er ein großer Filmstar ist und alle nur für ihn arbeiten. Er bekommt eben alles, was er will, ist vielleicht ein bißchen verzogen, aber ansonsten recht normal. Ich verstehe ihn ganz gut, weil ich ja auch einmal ein Kinderdarsteller war; Daniel Stern, mein Einbrecher-Kumpel in dem Film, hat versucht, mit ihm herumzuspielen, aber das ging meistens schief. Ich behandle ihn ganz normal, daher hat er vor mir mehr Respekt, und er weiß auch, daß ich ihn mag. Außerdem ist er so reich, daß er, wenn ihm mein Gesicht einmal nicht mehr paßt, sagen wird: „Dieser Joe Pesci ist immer so gemein.“ Und alle würden antworten: „Keine Sorge, du bekommst jemand anderen.“
Erkennen die Kinder, die diesen Film gesehen haben, Sie auf der Straße wieder?
Oh ja. Ich stehe irgendwo am Flughafen und plötzlich marschieren ein paar Kinder daher und geben mir ihre Adresse, damit ich ihr Haus ausrauben komme und sie mich fertigmachen können wie Kevin in Home Alone.
Und wir waren Sie als Kind?
Nun. ich war eben auch schon mit fünf Jahren auf der Bühne, nur daß ich nicht fünf Millionen Dollar dafür kassierte wie Macaulay heute für einen Film. Ich spielte Theater und Varieté und stage shows, später auch im Fernsehen. Ich habe sogar ein wenig gesungen und mußte daneben immer wieder noch in anderen Berufen arbeiten, um über die Runden zu kommen. Eine Zeit lang war ich Briefträger, sortierte Briefe im Postamt, dann war ich Produktmanager, Friseur, bin Lastwagen gefahren. Nachts habe ich in Clubs gearbeitet, gesungen, Gitarre gespielt et cetera.

Kommen wir zu Ihrem neuen Film, „My Cousin Winnie“, in dem Sie als engagierter, aber völlig unerfahrener Anwalt aus New York zwei Jugendliche in einem Südstaatenkaff verteidigen, die des Mordes angeklagt werden. War das nach den vielen Gangsterrollen ein Versuch, einen neuen, komischen Joe Pesci zu zeigen?
Sicher ist das eine Gefahr, bis an sein Lebensende nur noch Kriminelle spielen zu dürfen; ich war schon heilfroh darüber, daß ich in Lethal Weapon nur einen Buchhalter zu spielen hatte. Deswegen hat mir die Arbeit als Cousin Winnie auch sehr viel Spaß gemacht. Diese Rolle fiel mir wirklich leicht.
Ich finde, die Beziehung zwischen Ihnen und Marisa Tomei, die Ihnen als Assistentin zur Seite steht, ist eine der schönsten, die es in den letzten Jahren auf der Leinwand zu sehen gab.
Marisa ist wundervoll. Ich war sehr froh, als wir sie fanden, denn wir hatten ziemliche Probleme, eine passende leading lady aufzutreiben. Zuerst rief ich Ellen Barkin an, aber die erwartete gerade ein Kind, danach Melanie Griffith, und die wiederum hatte keine Zeit. Dann brachten mir die Produzenten eines Tages ein Video von Marisas Vorsprechen und sagten: „Vielleicht magst du sie, sieh sie dir einmal an.“ Ich sah mir das Band an und sagte: „Verpflichtet sie!“ Worauf die Produzenten etwas nervös wurden und fragten, ob ich sie vorher nicht noch treffen wolle. Und ich sagte: „Ja, aber erst nachdem ihr sie unter Vertrag genommen habt.“
Regie bei „My Cousin Winnie“ führte der auf schräge Komödien spezialisierte Brite Jonathan Lynn. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Sehr gut. Am Anfang war ich nicht so begeistert von der Idee, daß Lynn Regie führen sollte, weil mit Nord- und Südstaaten ohnehin schon zwei sehr verschiedene Kulturen in dem Film aufeinandertreffen. Ich dachte, wenn da noch ein ausländischer Regisseur dazukommt, gibt es ein Chaos, aber die Produzenten wollten eben Jonathan – vor allem wegen Nuns on the Run, seinem letzten Film. Ich meinte das auch gar nicht persönlich, denn ich mochte seine bisherigen Arbeiten. aber ich dachte eben, es würde ein bißchen viel culture clash geben. Aber letztlich erwiesen sich meine Befürchtungen dann auch als unbegründet —vielleicht war es sogar gut, daß jemand von außen gekommen ist, der in dieses kulturelle Gefälle nicht so involviert ist. Der Film wirkt irgendwie sehr irisch und nicht so stereotyp, wie er sonst möglicherweise geworden wäre.
Wenn wir schon beim Thema sind, wie denken Sie über die politischen Ereignisse der letzten Wochen, die Rassenunruhen in Los Angeles?
Ich denke eigentlich gar nichts darüber, dazu kenne ich mich zu wenig aus. Nur weil ich ein Schauspieler oder ein Star bin, muß ich mich doch nicht zu allem öffentlich äußern, auch wenn ich eine Meinung zu diesen Ereignissen habe.
Ich frage Sie, wenn Sie so wollen, auch nicht als Star, sondern ganz generell, als Amerikaner.
Ich sehe das Ganze in erster Linie nicht als Rassenproblem, sondern eher als Klassenproblem. Ich selbst habe jahrelang in sehr armen Gegenden gewohnt, das können Sie mir glauben, und ich weiß heute, das Wichtigste ist, daß die Kinder zur Schule gehen können und eine gute Erziehung bekommen. Ich glaube auch, daß es immer eine Handvoll Krawallmacher gibt, die viel kaputtmachen, selbst aber von den Folgen natürlich kaum betroffen sind. Tatsächlich trifft es immer nur die Armen unter den Schwarzen und den Latinos, aber auch unter den Weißen, die sehr wohl arbeiten und lernen und in Frieden leben wollen, nur ein paar Arschlöcher versuchen, das zu verhindern. Natürlich gibt es immer auch ein Rassenproblem, wenn unterschiedliche Leute auf engem Raum zusammenleben. Als ich jung war, gab es auch italienische Gangs und irische und jüdische und schwarze und chinesische, und immer gab es ähnliche Probleme. Wie man aus der Scheiße rauskommen kann? Ganz einfach: Indem man zur Schule geht und etwas lernt, das ist der einzige Weg. Nur haben wir in dieser Richtung bisher sicher nicht genug getan.
Das Interview erschien anlässlich des KInostarts von „My Cousin Vinnie“ im Falter 21/92 (Mai 1992).



