Der melancholische Rebell
Mit „Chungking Express“ kommt zum ersten Mal ein Film von Hongkongs herausragendem Regisseur Wong Kar-wai in die heimischen Kinos.

Seit zehn, zwölf Jahren nun schon kämpft eine neue Generation von Hongkong-Filmemachern gegen die alter Vorurteile vom blutrünstigen „Kung-Fu-Kino“ der frühen siebziger Jahre an, und mit steigender internationaler Präsenz bei Festivals und Retrospektiven wird klar, welches unerschöpfliche Talentereservoir diese Filmszene aufzuweisen hat.
Mit den Filmen Wong Kar-wais ist der vorläufige End- und Höhepunkt dieser erfreulichen Entwicklung erreicht. Dabei deutete zunächst nichts in der Karriere des 1958 in Shanghai geborenen und als Kind nach Hongkong übersiedelten Wong auf diese dominierende Stellung hin. Nach einem Grafikstudium begann er, wie alle jüngeren Hongkong-Regisseure, beim lokalen Fernsehen das Handwerk zu lernen. Später schrieb er Drehbücher für alle Arten von kommerziellen Filmen, um sich finanziell über Wasser zu halten. 1988 drehte Wong Kar-wai dann seinen ersten Film. Der ehemalige Schauspieler Alan Tang, heute eine wichtige Figur in der Triaden-Szene Hongkongs, leistete sich neben zahlreichen Nachtklubs und Restaurants auch den Luxus einer Filmproduktionsfirma namens In-Gear, die — neben allerlei Schrott — auch Wongs Regieerstling „As Tears Go By“ produzierte. der auf Anhieb nach Cannes eingeladen und vom „Fachpublikum“ gründlich mißverstanden wurde. Wenig wußte man damals mit Wongs ungewöhnlicher Mischung aus mitleidloser Gewalt und hemmungsloser Sentimentalität anzufangen, wenig mit seiner stakkatoartigen Schnittechnik und seinen in Superzeitlupe gefilmten, fast eingefrorenen Schießereien, wenig auch mit der ins Kantonesische übertragenen Version der Schnulze „Take My Breath Away“, die den Film wie ein Leitmotiv begleitet. „As Tears Go By“ war ein Versuch, das Gangster-Genre, zu jener Zeit in Hongkong extrem populär, neu zusammen- und zugleich auf den Kopf zu stellen. Die herzzerreißende Geschichte vom abgebrühten Profi und seinem jungen, hitzköpfigen Freund, der mit allen (untauglichen) Mitteln versucht, sich als großer, cooler Gangster zu etablieren, erinnerte manche westliche Kritiker immerhin an Scorseses „Mean Streets“. Vergleiche wie diese sind ebenso schmeichelhaft wie beliebig. Wenn es denn eine Parallele zwischen den bei-den Regisseuren gibt, dann ist es der extrem sorgfältige Umgang mit Musik, ein auffälliges Charakteristikum, das sich durch alle fünf Filme Wongs zieht. Mit „As Tears Go By“ jedenfalls etablierte sich Wong auf Anhieb als Idol einer jungen, hippen, cinephilen Schicht in Hongkong.
Vereinzelte Versuche, Wong als Hersteller überlanger MTV-Clips zu desavouieren, strafte er mit seinem nächsten Film Lugen. Anstatt den Erfolg von „As Tears Go By“ auszuschlachten, drehte Wong Kar-wai „Days of Being Wild“, eine radikale Abkehr vom Genre-Film. Bemerkenswert ist zunächst das Setting im Hongkong der frühen sechziger Jahre (der Zeit seiner Kindheit), eine durchaus riskante Entscheidung angesichts der Tatsache, daß das nationale Kino damals vor allem an aktuellen, schnellebigen Geschichten interessiert war. Im Gegensatz zu dem Farben-und Schnittfurioso seines Debuts ist „Days of Being Wild“ fast monochrom (grün): „Am liebsten hätte ich in Schwarzweiß gedreht, aber das ist in Hongkong ein Unding. Niemand würde sich einen solchen Film anschauen“, sagt Wong. „Days of Being Wild“ zeichnet sich durch ein eigenartiges Tempo aus, langsam, zerdehnt, wie ein seltsamer Tranquilizertrip — ein Eindruck, der durch die Farbtönung und durch die Musik (ein stark an Xavier Cugat orientierter Score, angereichert mit melancholischen Schlagern) noch verstärkt wird. Zudem handelt der Film von zwei für Wongs Werk wesentlichen Themen: (über)große Uhren, flüchtige Begegnungen, Erinnerungen, Melancholie, das große Warten und die Vergänglichkeit — das sind die Topoi, mit den sich der Regisseur schon fast obsessiv beschäftigt.
Kein Wunder, daß Artikel über Wong Kar-wai stets Titel tragen wie „Poet of Time“ (Sight and Sound), „Time Pieces“ (Film Comment) oder „Time of Your Life“ (Filmmaker). Wenig überraschend auch, daß sein nächster Film „Ashes of Time“ hieß.
„Days of Being Wild“ wurde zwar allgemein als Meisterwerk anerkannt, an den Kinokassen Hongkongs und Südostasiens aber war Flaute — und das trotz eines Großaufgebots an lokalen Stars, die für einen gemeinsamen Film zu verpflichten ein geradezu unerhörtes Unterfangen darstellte. Stars aber sind (wie Genres) für den Regisseur nur Mittel zum Zweck: „Geld für meine Filme bekomme ich nur aufgrund einer Besetzungsliste und einer Inhaltsangabe.“ Ansonsten sind das extrem ausgeprägte Starsystem und die traditionelle Fixierung auf Genres im Hongkong-Kino für ihn etwas, wogegen man ankämpfen muß.
Gesagt, getan: In „Ashes of Time“ zerlegte Wong das Genre der Martial-Arts-Filme auf seine Weise, bis nur noch die nackte Struktur übrigblieb, versetzte es mit den ihm eigenen Stil-mitteln (Zeitlupe, extreme Großaufnahmen, Reduktion des Tempos) und ließ erneut eine Armada von Stars aufmarschieren, deren Images— vor allem die der schönen Manner des Hongkong-Kinos er gehörig gegen den Strich bürstete. An dieser De- und Rekonstruktion einer im Kern recht herkömmlichen Kampfsaga (einmal mehr zusammengehalten von einem minutiös durchkomponierten Soundtrack) arbeitete Wong zwei Jahre lang; immer wieder mußten die Dreharbeiten aufgrund finanzieller Engpässe unterbrochen werden. In einer solchen „Pause“ entstand — gleichsam als Gegenstück — „Chungking Express“, jener Film, der Wong endgültig zu internationalem Ruhm katapultierte.
Hier entwickelt Wong Kar-wai seine Obsession. das Spiel mit Zeit und Zufall, virtuos wie noch nie: Er zeigt zwei namenlose Polizisten in zwei Geschichten, die in mancher Hinsicht parallel und doch wieder völlig auseinanderlaufen. Beide haben vor kurzem ihre Freundinnen verloren, beide frequentieren den gleichen Fast-Food-Stand. „California Dreaming“ ist diesmal das Leitmotiv, Ausdruck einer namenlosen Sehnsucht, des Wartens auf das große Glück. Dazwischen liegen komische Episoden (etwa als Polizist Nummer 223 hektisch nach Ananasdosen mit dem Ablaufdatum 1. Mai sucht), die bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck erwecken, „Chungking Ex-press“ sei eine bloße Komödie. Mißverständnisse, Verwechslungen und das Verfehlen von Treffpunkten aber überlagern den Film mit jener melancholischen Grundstimmung, die alle Arbeiten Wongs kennzeichnet. Die Beziehungen der Menschen sind so flüchtig wie das bunte Treiben, das in den Chungking Mansions herrscht, jenem riesigen und verzweigten Konglomerat aus Geschäften, Wohnungen und kleinen Hotels, das dem Film den Titel gibt. Aus „Chungking Express“ wiederum entwickelte Wong eine weitere Geschichte namens „Fallen Angels“, die dereinst hoffentlich auch den Weg in unsere Kinos finden wird. Dann womöglich anders als im Falle von „Chungking Express“ — auch ohne die überflüssige und aufdringliche Anpreisung durch Herrn Tarantino. Wongs Filme nämlich können durchaus für sich selbst sprechen.
Der Text erschien im Falter 15/96 (April 1996).



