Die Guten und die Bösen
Harald Sicheritz gilt so manchem in der heimischen Filmbranche als der Gottseibeiuns, als eine Art postmoderner Franz Antel: Seine vier Kinofilme schafften locker die 100.000-Besucher-Grenze, Mit „Hinterholz 8“ stellte mit 617.000 Zuschauern sogar einen einsamen Rekord auf. Ende August kommt sein neuester Film „Poppitz“ in die Kinos.

Die Zuschauer stürmen seine Filme, nicht zuletzt wegen seiner Spezis/Partner/Co-Autoren/Darsteller Alfred Dorfer und Roland Düringer, die er Anfang der 90er kennenlernte. Der 1958 „eher zufällig“ in Stockholm geborene „brave Schüler“ Harald Sicheritz wurde beim Versuch, sich an der Wiener Filmakademie anzumelden, von einer harschen Sekretärin in die Flucht geschlagen und sattelte auf Publizistik und Politikwissenschaft um. Er dissertierte mit einer Arbeit zum Thema „TV-Unterhaltung“, die er, wie er sagt, „heute noch gerne durchblättert“. Praktizieren konnte er seine Vorstellungen in Beiträgen für das ORF-Jugendmagazin Ohne Maulkorb.
Sicheritz spielte Bass bei der 80er-Jahre-Band Wiener Wunder, unter anderem mit dem Keyboarder Lothar Scherpe, der bis heute die Musik zu seiner Filmen schreibt. 1986 waren sie auf dem Soundtrack zu Niki Lists Müllers Büro vertreten, jenem Film, dessen Kassenrekord der Regisseur Sicheritz 1998 mit Hinterholz 8 brechen sollte. Seine filmische Ausbildung erhielt er in Seminaren am American Film Institute und bei Krzysztof Kieslowski. Mittlerweile durfte er auch die hiesige Filmakademie betreten: Sechs Jahre lang war er Lehrbeauftragter für Film und Musik. 1993 entstand – gemeinsam mit der Kabarettgruppe Schlabarett (Düringer, Dorfer, Andrea Händler und Reinhard Nowak) – der erste Kinofilm: Muttertag. 1995 folgte Freispiel, 1998 Hinterholz 8 und die TV-Sitcom MA 2412 (nach dem Schlabarett-Programm Mahlzeit aus dem Jahr 1992), 1999 Wanted und 2001 der historische TV-Film Zwölfeläuten, der sich quotenmäßig auch gegen Antonio Banderas in Zorro durchzusetzen vermochte. Sicheritz ist nicht unwesentlich beteiligt an dem, was als sogenannter „Kabarettfilm“ seit Paul Harathers Indien (1993) beim Publikum heftigen Zuspruch, bei der Kritik aber vor allem Krämpfe auslöst – eine Trennlinie, entlang derer es sich trefflich polemisieren lässt.
Wahr ist auf jeden Fall, dass sich in seinen Filmen die Komik vor allem aus individueller Tragik speist; etwa aus dem verpfuschten Leben des Musiklehrers und Leider-nicht-Popstars Robert Brenneis in Freispiel und – noch drastischer – aus der katastrophalen Entscheidung des Büroangestellten Herbert Krcal, sich ein heruntergekommenes Haus auf dem Lande „herrichten“ zu wollen (Hinterholz 8).
In Poppitz – dessen Pointe strengster Geheimhaltung unterliegt – ist es nicht anders. Der verdiente Autoverkäufer Gerry Schartl (Düringer) sieht seine Zeit gekommen, als der Seniorchef das Zeitliche segnet. Doch der „Junior“ (Dorfer), den er glaubte im Griff zu haben, telefoniert in letzter Zeit auffällig oft mit einem Herrn Poppitz aus Deutschland. Unter solchen Vorzeichen und überschattet von solch urösterreichischer Paranoia kann Schartls Urlaub mit Frau und Tochter in einem All-Inclusive-Club voller besserwisserischer „Piefkes“ nur zur Höllenfahrt werden.
Wie, würden Sie sagen, schaut ein typischer Sicheritz-Film aus?
Ich hoffe, gar nicht. Leute, die mir etwas Nettes sagen wollen, meinen, sie seien sehr unterschiedlich, man könne sie nicht schon nach fünf Minuten als Sicheritz-Film erkennen. Ich finde, dass sie sehr verschieden sind.
Was verstehen Sie unter Komik?
Komik ist für mich die Hohe Schule des Erzählens; das kennt man von jeder Festivität, vom Wirtshaus: Dort sieht man, wer eine Geschichte komisch erzählen kann und wer nicht. Es ist ein hochsensibler Bereich, sehr schwierig und immer noch viel zu wenig anerkannt.
Wie „tief“ darf Komik sein – oder wie sophisticated muss sie sein?
Das ist gar nicht so wichtig. Sie muss „richtig“ sein, dem Milieu entsprechen, den Leuten. Das Leben ist ebenso tragisch, wie es komisch ist. Die Trennung zwischen den beiden Bereichen ist eine akademische. Das ist keine sensationelle Erkenntnis, aber ich versuche immer zu zeigen, wie schmal die Grenze ist. Das ist mir ein Anliegen.
Haben Sie „Hinterholz 8“ mit Publikum gesehen? Warum lachen die Leute?
Ich habe ihn mehrmals mit Publikum gesehen. Ich glaube, es ist ein Lachen der Befreiung, das kennt man ja aus der griechischen Tragödie, die Reinigung durch den Schrecken. Und das Gefühl: „Gott sei Dank passiert mir das nicht.“ Genau. Roland und ich waren uns einig, dass alles, was in seinem Bühnenstück „komisch“ war, nicht vorkommen dürfe. Wir haben das gestrichen. In dem Film gibt es keine einzige „Wuchtel“, nur diese Stelle, wo er sein Auto kaputtschlägt und sagt: „Made in Japan, destroyed in Sulz am Wienerwald“. Immer wird an dieser Stelle gelacht. Ich glaube, das liegt daran, dass vorher gar nichts lustig ist. Die Leute warten auf diesen Moment der Befreiung.
Das heißt, die Filme treffen – siehe Zuschauerzahlen – offensichtlich einen Nerv.
Das freut mich sehr, denn das kann man ja nicht planen. Ganz besonders gefreut hat es mich bei Zwölfeläuten, der ja einen historischen Stoff behandelt, aus einer Zeit, die ganz und gar nicht komisch war. Der hat eine sehr gute Quote im ORF gehabt. Die Leute haben ihn verstanden.
Wie sehen Sie die in Österreich tapfer hoch gehaltene Trennung zwischen Kunst- und Kommerzfilm?
Die entspringt einem Gefühl der Hilflosigkeit. Viele Menschen haben einen Synchronisationszwang. Es muss alles eingeordnet werden, damit eigenes Erleben und Wirklichkeit synchron sind. Und es macht alles einfacher. So sind die Einen die Bösen und die Anderen die Guten. Das ist etwas, was ich als ungerecht empfinde: Dass Menschen, die – ungeplant, unverhofft, glücklicherweise, was auch immer – einen Publikumserfolg haben, ins Reich des Bösen verbannt werden.
Das trifft Sie also?
Ja, aber das ist das Einzige. Ich bin nicht wehleidig, aber ich wundere mich, dass es so ist. Offenbar sitzt das tief in uns drinnen. Aber gut: In Deutschland ist es noch viel ärger. Und das Schlimmste ist, wenn Politiker kommen und sagen, Film muss sich selbst erhalten und finanzieren oder nach dem oder jenem Muster gestrickt sein, damit er Erfolg habe. Das halte ich für blanken Zynismus. Das ist krank.
Wie sehen Sie denn die Situation des österreichischen Films allgemein – nach den großen Erfolgen von Haneke und Seidl?
Ich meine, dass wir alle – ob wir jetzt dem Reich des Bösen oder dem des Guten angehören – Guerilla-Kämpfer sind. Wir alle tun etwas, was wir nicht tun sollten, weil es eigentlich nicht geht: Mit zu wenig Geld etwas drehen, was dann doch gut ausschaut. Aber das betrifft nicht nur uns Regisseure, sondern alle: Kostümbildner, Ausstatter usw. Dann kommen die Wohlmeinenden und sagen: „Was wollt ihr? Es geht ja eh.“ Und es gibt die, die sagen: „Na gut, es ist armselig, aber ihr wollt es ja unbedingt machen“. Das prägt unsere Situation.
Wie sehen Sie die heimische Filmförderung?
Ich habe immer gesagt und sage es auch heute, dass ich sie beschämend finde. Das hat nichts damit zu tun, wer an den Hebeln sitzt. Das war bei denen, die sie früher verwaltet haben, nicht anders als jetzt. Film hat kein Gewicht. Ein sehr sympathischer Finanzpolitiker, dem wir unser Leiden einmal vorgetragen haben, hat gesagt: „Jungs, ich glaube euch, aber das ist nicht einmal ein Autobahnkilometer.“ Genauso ist es. Trotzdem meine ich natürlich, dass Kunst und Film gefördert werden müssen. Das ist ja wohl klar.
Stört Sie mehr das Finanzielle oder das Systematische?
Das hängt zusammen. Das System bedingt das Finanzielle. Wenn der Politik etwas wichtig ist, dann ist auch Geld dafür da. Der Film interessiert niemanden. Und damit kommen die durch – ein seltsames Land.
Kommen wir zu „Poppitz“. Wie entstand das Projekt?
Nach Hinterholz 8, als wir staunend feststellten, dass so viele Leute das sehen wollten, haben wir uns gefragt: Was soll als Nächstes kommen? Roland, der ja einen Instinkt dafür hat, was die Menschen betrifft, kam mit der genialen, weil simplen Idee: Wenn man Österreicher auf Urlaub schickt, treffen sie z.B. auf Deutsche. Das war die Basis. Dann kam die Überlegung: Wie sollte die Hauptfigur sein? Ein kleiner Mann, der ein Besserer sein will; damit kam das Berufsleben dazu und die Familie. Dabei ist uns fast zwingend eingefallen, dass seine Frau eine Deutsche sein muss. Und so weiter.
Das Projekt hieß ursprünglich „All Inclusive“, dann „Cosamera“ und jetzt „Poppitz“. Was haben diese Titeländerungen zu bedeuten?
„All Inclusive“ hieß es nie. Möglich, dass das im Gespräch einmal angedacht wurde. Wir wollten nicht unterstellen, dass alle Menschen, die Club-Urlaub machen, Idioten sind, denn das ist nicht das Thema des Films. Daher haben wir eine fiktive Insel namens Cosamera erfunden. Aber nachdem die Figur des Poppitz sehr oft erwähnt wird, haben wir uns bald für diesen Namen entschieden.
Club-Urlaube und -Urlauber kommen jedenfalls nicht sehr gut weg.
Ich glaube, in dem Film kommt nichts und niemand gut weg. Das muss auch so sein: Wir wollen ja nicht den Zeigefinger erheben.
Außer Schartls Tochter hat aber kaum jemand positive Erlebnisse. Die Urlauber müssen Armbänder zur Identifizierung tragen, dürfen nicht aus dem Club hinaus usw.
Das ist so. Da gibt uns die Wirklichkeit Recht. Wenn wir überhaupt so etwas wie eine Botschaft vermitteln wollen, dann die, dass man sich bewusst mit dem auseinandersetzt, was man ist und was man tut. Denn die Crux am Massentourismus ist doch, dass sich die Leute zu wenig überlegen, was sie tun. Das heißt: Man bucht und sitzt dann in einer Art Lager und hat gar keine Gelegenheit, das Land kennenzulernen, indem man sich befindet.
Es gibt diesen kleinen politischen Einschub, dass draußen vor dem Club offenbar Bürgerkrieg herrscht. Haben Sie an ein konkretes Land gedacht?
Nein, gar nicht. Es ist nur in sehr vielen Ländern so, dass die Urlauber bewacht werden müssen. Und oft muss man sie auch voneinander trennen, so wie in Mallorca, wo links von der Hauptstadt die Engländer sind und rechts die Deutschen, damit es keine Wickel gibt. Das ist Massentourismus.
Es ist doch verblüffend, dass die Deutschen in dem Film oder zumindest die Figur des Ben, den Kai Wiesinger spielt, den besseren Schmäh haben.
Wir haben viel über die beiden Figuren gesprochen, Roland und ich, und er sagte sehr richtig: „Ich glaube, der Ben ist genauso wie ich, nur besser.“ So ist das eben oft, wenn Österreicher und Deutsche einander begegnen. Die Deutschen sind nicht besser, aber sie kommen besser daher. Mit dieser Erkenntnis hat sich Kai ganz gut durch den Film geschlagen.
Sie haben – auch überraschend – mehrere Erzählebenen eingezogen. Gerry Schartl reflektiert über das, was er getan hat, spult den Film zurück usw. Glauben Sie nicht, dass Sie die Zuschauer überfordern? Vor allem zum Schluss wird es ziemlich turbulent.
Wir haben bewusst versucht, nicht Hinterholz II zu machen, und ich hoffe, das wird auch so wahrgenommen. Das wäre ja hirnrissig. Die beiden Filme sind einfach zu verschieden. Es gibt eben filmische Mittel, die genauso heißen, weil es sie in anderen Medien nicht gibt. Und da gehören die erwähnten Dinge dazu. Ich will die Leute fordern. Wenn sie zeitweise verwirrt sind, stört mich das nicht. Mich würde es stören, wenn es sie nicht mehr interessiert.
Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) vom Juli/August 2002.



