Die schöne Gefangene
Zhang Yimous neuer Film „Shanghai Serenade“ beschreibt die Welt der chinesischen Gangster auf ungewöhnliche Weise.

Rückblende: Cannes, 1995. Zhang Yimou, erklärter Liebling internationaler Festivalprogrammierer und mehrfach für seine Filme ausgezeichnet, fällt mit „Shanghai Triad“ (deutscher Titel: „Shanghai Serenade“) vom Himmel ins Bodenlose. Der Film wird praktisch totgeschwiegen, einer der erklärten Favoriten gestürzt. Welcher „Vergehen“ sich Zhang schuldig gemacht hat, ist auch beim zweiten Hinsehen nicht ersichtlich.
Zwar hat er sich vom „realistischen“ Stil seiner beiden letzten Arbeiten, „Die Geschichte der Qiu Ju“ und „Leben!“. abgewendet, führt aber konsequent die Themen seiner großen Erfolge, „Das rote Kornfeld“, „Judou“ und „Rote Laterne“ weiter: Liebe. Verrat , Hingabe, Tod. Vielleicht rührt die Enttäuschung daher, daß Zhangs Blick hinter die Kulissen der Triaden im Shanghai der frühen dreißiger Jahre nicht jener episch breite Bogen geworden ist, als der er ursprünglich konzipiert war, eine Art „Pate“ des Fernen Ostens. Zhang sagte in einem Interview, er habe sich relativ bald von dieser Idee verabschiedet: „Die Gewalt ist im Kino heute etwas sehr Modisches. Dem wollte ich entgehen. Die erste Version des Drehbuchs war in recht konventioneller Weise auf die Gewalt zwischen verschiedenen mafiosen Gruppen konzentriert. Jetzt aber erzählt der Film in erster Linie vom Schicksal einer Frau, die in einer von der Mafia kontrollierten Gesellschaft Iebt. Die Bandenkriege laufen sozusagen im Hintergrund dieser Geschichte ab.“
Eine Frau in das Zentrum eines Gangsterfilms zu stellen, ist ein gewagtes Unterfangen, das nur gelingen kann, wenn man eine Hauptdarstellerin wie Gong Li zur Verfügung hat. Die mittlerweile 31-jährige Schauspielerin, seit kurzem von Zhang getrennt, fügt ihrer Galerie beeindruckender Frauenfiguren, die sie in den letzten Jahren für den Regisseur gestaltet hat, eine weitere hinzu: Xiao Jinbao („Bijou“), die Mätresse des allmächtigen „Paten“, die dank dessen „Unterstützung“ seit zehn Jahren die Königin der Cabaret-Sängerinnen Shanghais ist.
Zhang Yimou geht in seiner Dezentralisierung der Gangster-Saga aber noch einen entscheidenden Schritt weiter: Erzählt wird das Geschehen aus der Perspektive des 14-jährigen Shuisheng, eines Bauernjungen, der von seinem Onkel, einem der treuen Vasallen des Paten, in die Stadt geholt wird. Daß dies, gemäß den strengen Codices des Gangster-Systems, eine geradezu unfaßbare Ehre ist, erschließt sich dem Jungen nur langsam. Er wird so etwas wie der Kammerdiener der launischen Xiao Jinbao, die den unerfahrenen und völlig überforderten Shuisheng nach allen Regeln der Kunst schikaniert.
Der erste Teil des Films widmet sich ausführlich dem „täglichen Leben“ in einem geschlossenen System, in dem jeder seine strong definierte Aufgabe und seinen Platz hat, von dem auch nur einen Millimeter abzuweichen ein selbstmörderisches Unterfangen ist. In dieser hermetischen Welt erscheint Xiao Jinbao wie ein bunter Vogel in einem Käfig. Zhang Yimou: „Bijou Iebt in extravagantem Luxus und scheint alle ihre Launen befriedigen zu können. Aber in Wirklichkeit ist sie unter Kontrolle, ohne Freiheit . Sie ist ein Opfer.“ Xiao Jinbaos Jugend, ihr Talent, ihr Leben ersticken in dieser Anhäufung von Luxus. Aus dieser prototypisch melodramatischen Situation – zu finden etwa in Fassbinders „Effi Briest“-Verfilmung – gibt es nur zwei (fatale) Auswege: den stillen Rückzug in die völlige Isolation oder den gewaltsamen Ausbruch. Bijou entscheidet sich für letzteres: Ihre Frustration entlädt sich in unkontrollierten Wutanfällen, unter denen vor allem der arme Shui-sheng zu leiden hat, und sie verleitet Bijou zu einem tödlichen Fehler – zu einer Affäre mit Song, dem „zweiten Mann“ des Paten.
Zhang hat darauf verzichtet, ein „realistisches“ Shanghai zu zeigen: „Unsere Vorstellung vom alten Shanghai ist ohnehin eine mythische. Es existiert nur in unseren Träumen und in unserer Phantasie.“ Die kalte Pracht des Paten-Palastes und der Nachtclubs, die Künstlichkeit der Dekors und Gong Lis überladene Kostüme verstärken noch den Eindruck einer bloß imaginären Welt. Umso heftiger – und das ist der dritte ungewöhnliche Aspekt an „Shanghai Triad“ – ist der Kontrast, den der zweite Teil des Films bietet: Die vermeintliche Flucht des Paten auf eine idyllische Insel, der in Wahrheit nur seine Widersacher aus der Stadt lockt, etabliert einen für einen Gangsterfilm exotischen Schauplatz, der jedoch nicht ohne Bedacht gewählt ist. In der freien Natur, im Sonnenlieht, hat Georg Seeßlen einmal geschrieben, sind Gangster – des schützenden Großstadtdschungels beraubt – orientierungslos. Die schockierende Grausamkeit des Paten erschließt sich dennoch nicht so sehr in der Abrechnung mit seinen Feinden als in seiner „Personalpolitik“. Den jungen Shuisheng wird er zu seiner rechten Hand aufbauen, und das kleine Mädchen A Jiao, das auf der Insel lebt, wird er nach Shanghai mitnehmen, um sie zur Nachfolgerin von Xiao Jinbao heranzuziehen – zwei neue Gefangene des Systems von Macht, Gewalt, Geld und Luxus.
Der Text erschien anlässlich des KInostarts im Falter 14/96 (April 1996).



