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RezensionenThe Age of InnocenceNovember 1993

Ein bürgerliches Trauerspiel

Martin Scorseses neue Arbeit, „The Age of Innocence“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edith Wharton, weist ihn einmal mehr als den bedeutendsten Regisseur der Gegenwart aus.

Michelle Pfeiffer, Daniel Day-Lewis
Michelle Pfeiffer, Daniel Day-LewisFoto: Columbia TriStar Films

Wenn, wie Georg Seeßlen sagt, das Melodram „die bürgerliche Form der Tragödie“ ist, dann ist Edith Whartons Roman „The Age of Innocence“, 1920 erstmals erschienen und ein Jahr später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, ein später, meisterlicher Ausläufer dieser üblicherweise dem 19. Jahrhundert zugeordneten Gattung. Es ist das Porträt einer geschlossenen, in ihren Moralvorstellungen und Zwängen gefangenen Welt, und für den Regisseur, dem deutsche Feuilletonisten den Vorwurf machten, er bewege sich mit diesem „Kostümfilm“ in einem für ihn „falschen“ Genre, eine Fortschreibung „seines imposanten Œuvres mit anderen Mitteln.

Das Setting im New York der 1870er kann über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß Scorsese hier nach wie vor seinen Generalthemen, der Analyse eines sozialen Milieus und der präzisen Beschreibung seiner Heimatstadt New York auf der Spur ist, nicht viel anders als in Mean Streets oder GoodFellas. Ungewöhnlich sind allerdings die Mittel, mit denen Scorsese – und mit ihm der Zuschauer — in diese starre, kalte Weh taucht, in den von Dante Ferretti grandios überladenen Salons der New Yorker Upper Class nach den sorgsam verborgenen Emotionen der Protagonisten sucht. Die virtuose, dynamische Kameraarbeit von Scorseses deutschem director of photography Michael Ballhaus, die Musik von Elmer Bernstein und vor allem Thelma Schoonmakers schwindelerregende Montage (zusammen mit Scorsese) haben so gar nichts mit dem getragenen Duktus ähnlich gearteter Filme (etwa denen James Ivorys oder Luchino Viscontis, mit denen The Age of Innocence auch verglichen wurde) zu tun und ziehen einen sogartig in das Geschehen, lassen die Möglichkeit des distanzierten Beobachtens von außen nicht zu.

Whartons Roman, eine scheinbar im Plauderton der Gesellschaftsspalten gehaltene, in Wahrheit aber bittere Abrechnung mit dem Leben und Treiben von New Yorks High Society beschreibt — kurz gesagt — die Liebe des jungen Anwalts Newland Archer (Daniel Day-Lewis) zu der gesellschaftlich „fragwürdigen“ Madame Olenska (Michelle Pfeiffer). Daß er dieses Glück, das vor allem in der Seelenverwandtschaft der beiden inmitten des steifen Society-Zeremoniells besteht, opfern wird, um die gute, nette, liebe, blasse, phantasielose May Weiland (Winona Ryder) zu heiraten und den yuppiehaften Sohn Dallas großzuziehen, heißt hier nicht, den Inhalt zu verraten, sondern ist, wie der Literaturwissenschaftler Peter Szondi sagt, eine Grundkonstellation des bürgerlichen Trauerspiels, in dem „nicht nur der, der der Versuchung erliegt, sondern auch der, der ihr widersteht, es teuer bezahlen muß“. Es ist die konsequente „Lösung“ innerhalb der Zwänge einer völlig in Erstarrung befindlichen bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Gefühle in starren Formeln der „Moral“ und der Etikette selbst domestiziert.

Die süffisanten Charakterisierungen, die Wharton von den Personen und Ereignissen des erlauchten Zirkels der „zehn besten“ Familien New Yorks gibt, werden bei Scorsese in der Voice-over-Erzählung durch Joanne Woodward zum Leitfaden der Geschichte. Es ist ein schmaler Pfad zwischen den ungeschriebenen Gesetzen der Etikette und der seelischen Grausamkeit, die ihre rigorose Durchsetzung zur Folge hat, sinnfällig verkörpert in der beeindruckend differenzierten Darstellung Archers durch Daniel Day-Lewis. Das Dilemma zwischen Anpassung und Auflehnung, der Schmerz über den Verzicht, der ihm zwar die Karriere rettet, aber sein Lebensglück zerstört, sind ihm ins Gesicht geschrieben.

Man muß eigentlich aber Scorseses Qualitäten als Metteur-en-scène und als Schauspieler-Regisseur kein Wort mehr verlieren — das alles ist hinlänglich bekannt. Noch mehr als je zuvor aber bemerkt man seine Bereitschaft, visuell innovativ zu sein. Die (auch optische) Zelebration der Gala-Diners, der Opernbesuche in immer neuen Kamerabewegungen und Schnittfolgen, die furiosen Überblendungen, das macht den besonderen Reiz von The Age of Innocence aus. Es ist ein Film von jemandem, der mit seinen verzweifelt Liebenden in einer seelenlosen Gesellschaft leidet, so wie etwa Fassbinder in seinem formal völlig anders gearteten, thematisch aber sehr ähnlichen Meisterstück Effi Briest mit seiner Protagonistin fühlt, die am starren preußischen Moralkodex zerbricht. Edith Wharton ist dabei eine Spur grausamer als Theodor Fontane: Während Effi an ihrem gebrochenen Herzen sterben „darf“, müssen Archer und Ellen Olenska ihr Leben lang mit dem Verzicht leben.

Der Text erschien anlässlich des KInostarts im Falter 46/93 (November 1993).

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