Ein Engel, der vom Himmel fiel
Jane Campion gilt als die große Hoffnung des neuseeländischen Films. Ihre fulminante zweite Regiearbeit, „An Angel at My Table“, hat im Wiener Stadtkino Premiere.

Es ist die Lebensgeschichte von Janet Frame. einer jahrelang in psychiatrische Anstalten gesperrten, bemerkenswerten neuseeländischen Schriftstellerin, die An Angel at My Table erzählt. Der Film. basierend auf der gleichnamigen autobiographischen Romantrilogie der Autorin, wunde ursprünglich als Dreiteiler für die TV-Reihe „Lives of Great Writers“ gedreht. Ganz schlicht, mit vielen Großaufnahmen und jähen Abblenden, evoziert Regisseurin Jane Campion eine Welt zwischen wirklichem Leben und literarischer Fiktion, setzt die komplizierte Textur von Frames Oeuvre in klare, stimmige Bilder um. An Angel at My Table, darüber kann es keinen Zweifel geben, zählt zu den schönsten Filmen, die man in diesem Jahr im Kino zu sehen bekommen wird.
Es ist noch keine zehn Jahre her, daß Sie zum ersten Mal eine Kamera zur Hand genommen und begonnen haben, mit Film zu experimentieren. Heute, nach dem internationalen Erfolg Ihrer beiden ersten Kinoarbeiten,SweetieundAn Angel at My Table, gelten Sie als die große Hoffnung des neuseeländischen Films. Wie ist das tatsächlich vor sich gegangen?
Ich bin selber überrascht, heute schon den dritten Interviewtermin zu haben, das hätte ich mir vor ein paar Jahren noch gar nicht träumen lassen. Aber Sie haben ganz recht, ich habe einfach angefangen. mit einer Kamera zu arbeiten, nachdem ich mich eine Zeitlang mit Malerei und Theater beschäftigt hatte. Ich machte alles, was mich interessierte, zu Bildern: Sex, Liebe, einfach alles. Ich arbeitete zwölf oder vierzehn Stunden jeden Tag und war vollkommen glücklich, weil die Bilder, die daraus entstanden, meine eigenen waren. Ein Video von einer meiner Performances, die an der Kunsthochschule in Sydney entstanden, war mein „erster Film“ sozusagen; als man mir dann riet, mir doch einmal Gedanken über Einstellungsfolgen und Perspektiven zu machen, da merkte ich, daß doch nicht alles toll war, nur weil es von mir war. Ich hatte keine Ahnung, wovon die Leute da überhaupt sprachen, auch nicht davon, wie roh mein Film war. Also habe ich begonnen. das Medium Film sehr genau zu studieren.
Ihr erster Erfolg,“Sweetie“, ein unkonventionelles Frauenporträt, zeichnet sich vor allem durch eine eigenartige, fast experimentelle Kameraarbeit aus, seither scheint sich Ihr Stil ziemlich verändert zu haben. Stimmt das?
Ich glaube nicht, daß sich der Stil so sehr geändert hat. Bei Sweetie war es vor allem meine persönliche Neugier, und eine Erweiterung meiner Arbeiten auf der Filmschule. Ich meinte da-mals, ich hätte das Ende der Entwicklung noch nicht erreicht, und machte das daher weiter. An Angel at My Table war für das Fernsehen konzipiert. Ich liebte Janet Frames Buch, und es wäre nicht passend gewesen, etwas „Persönliches“ aufzupfropfen. lch wollte es auch zugänglicher machen und der Autorin die entsprechende Würdigung verschaffen. Der Stil von Sweetie wäre viel zu „eindringlich“ gewesen für die sanften, zarten Momente in diesem Buch. Der Erfolg ihrer autobiographischen Trilogie ist ja, daß man ein Gefühl für Janet entwickelt, sich für sie interessiert, und ich versuchte, genau das in eine filmische Sprache zu übertragen.
“Sweetie“ war also der Abschluß Ihrer ersten, experimentellen Arbeiten, aggressiv und impulsiv. Wie stehen Sie heute zu diesem Film?
Ich liebe Sweetie nach wie vor, ich mußte auch meine Meinung nicht ändern, weil ich etwa nicht mehr zufrieden damit wäre. Aber verschiedene Geschichten erfordern eben einen unterschiedlichen Zugang. Man ist da ein bißchen wie ein Schauspieler, der seine Rolle interpretiert: Auch als Regisseurin versucht man zu interpretieren, was das Wichtige einer Geschichte ist.
So unterschiedlich die Filme sind, so ähnlich scheinen sich doch die beiden Frauenfiguren zu sein— in ihrer Verletzlichkeit ebenso wie in ihrem „Verrücktsein“.
Ja, es gibt viele Leute, die das festgestellt haben. Ich glaube aber, daß Sweetie eine sehr extrovertierte Person ist, ganz im Unterschied zu Janet.
“An Angel at My Table“ könnte man als antiromantisch bezeichnen, mit seiner Kritik am Bild des Künstlers als „Verrücktem“…
Das stimmt. Der Begriff „Romantik“ wird oft mißverstanden. Für mich ist Romantik eine Bewegung des 19. Jahrhunderts, die eine gewisse Verachtung für „normale“ Emotionen ausdrückte, für normales Sicherheitsdenken, und meinte, man solle auch extreme Gefühle zulassen. Das ist der Romantikbegriff, dem ich nachgehe. Nicht. daß ich selber so handeln würde, aber in gewisser Weise hat wohl jeder manchmal das merkwürdige Gefühl, sein Leben nicht gelebt zu haben. Auch ich habe manchmal dieses Gefühl, und das wollte ich erforschen.
Die Bücher von Janet Frame sind eher lyrisch, Ihr Film hingegen ist sehr trocken, manchmal fast absurd.
Ich glaube nicht, daß die Biographien Janet Frames so lyrisch sind: ich denke. sie sind verschieden von den anderen Dingen, die sie geschrieben hat. Es gibt darin eine Qualität, die ich als eine überraschende „Gewöhnlichkeit“ und Ehrlichkeit bezeichnen würde, das hat mich sehr angezogen.
Inwiefern war es schwer. diese Ehrlichkeit in das Medium Film zu übertragen?
Eines der Probleme beim ersten Buch war, daß es völlig in Anekdoten und kleinen Geschichten geschrieben ist. Es galt also, eine Struktur zu finden, die das dem Publikum vermittelt – eine Art Essay über Janet Frames Kindheit zu machen, denn genau darum geht es in dem ersten Buch. Wir mußten also eine Anzahl verbindender Szenen gestalten, um eine klare Form zu finden. Die anderen Teile, das zweite und das dritte Buch, waren da viel geradliniger, eher narrativ, da gab es weniger Probleme.
Janet Frame soll ja sehr glücklich sein über Ihren Film.
Ich weiß nicht, ob sie glücklich ist oder nicht. Sie ist eine sehr höfliche Frau, die einem Mut macht, aber Sie müßten sie selbst fragen. wie ihr der Film gefällt. Ich denke, ihr größtes Anliegen war, wie der Rest ihrer Familie dargestellt werden würde... Wir hatten Janet Frame eingeladen, eine Woche lang bei den Dreharbeiten mit dabei zu sein, denn ich wäre sehr neugierig gewesen, ihre Meinung zu hören. Leider hat sie das dann doch abgelehnt, nachdem wir uns ein paar Mal ausführlich unterhalten hatten, um bestimmte biographische Details zu klären. Letzten Endes hatte ich den Eindruck, sie hielte mich ohnehin für ziemlich clever und dachte, ich würde schon einen ordentlichen Film machen.
Sehr interessant scheint mir die Art und Weise, wie sie den weiblichen Körper filmen, sowohl in „Sweetie“ als auch in „An Angel at My Table“.
Nun, das liegt daran, daß ich nicht versuche, Frauen „sexy“ aussehen zu lassen. Ich fühle mich wirklich irritiert, wenn ich sehe, wie Männer Frauen für die Kamera ausziehen. Da gibt es nur diesen Blickwinkel in Richtung Sex — aber so einfach ist es nicht. Es ist viel komplizierter zu vermitteln, was sexy ist oder aufregend.
Sie verwenden sehr leuchtende Farben in Ihrem Film.
Das liegt nur daran, daß Janet wirklich leuchtend rotes Haar hatte und daß die neuseeländischen Landschaften sehr grün sind. Man müßte das Wort „grün“ neu definieren, wenn man sie sieht. Aber es bedeutet nicht wirklich etwas, es soll damit nichts ausgedrückt werden. Wenn sie ins Spital kommt, wird es viel weniger strahlend, fast grau. Ich mag, wie der Film ausschaut, aber es steckt keine intellektuelle Überlegung dahinter. Es ist mehr eine sinnliche Entscheidung. Ich mag das alles auch nicht zu Tode analysieren.
Was bedeutet der Titel „An Angel at My Table“ Ihrer Meinung nach?
Ich weiß es auch nicht genau. Es ist der Titel, den Janet für den zweiten Teil ihrer Autobiographie verwendet. Er hat sicher eine metaphorische Komponente: daß der Tisch ihr Schicksal bedeutet, als Schreibunterlage, der Engel als Inspiration. So sehe ich das jedenfalls.
Haben Sie eine spezielle Methode, mit Schauspielern zu arbeiten, oder mit Kindern, wie in diesem Fall?
Natürlich ist das Arbeiten mit Erwachsenen viel schwieriger. Wir Erwachsenen „leiden“ viel mehr, wir haben mehr Identität, und die Identität jedes einzelnen, auch der Schauspieler, muß man berücksichtigen. Man hat sie eben, und manchmal kommt sie einem in die Quere, auch mir, aber zeitweise muß man das zugunsten der Arbeit beiseite schieben. Bei Schauspielern, so verschieden sie sind, versuche ich, jedem das Gefühl zu geben, daß ich ihm/ihr nur hellen will. Und ich wähle die meisten Leute schon deswegen aus, weil ich sie mag. Schauspieler sind natürlich auch Menschen, und sie sind besonders verletzlich, weil sie so viel von sich bloßlegen müssen. Je mehr man ihnen zeigt. daß man das versteht, desto mehr vertrauen sie einem.
Und wie ist es Ihnen dann gelungen, die enormen Besetzungsprobleme zu lösen? Immerhin wird Janet in den drei verschiedenen Altersstufen von drei verschiedenen Frauen dargestellt.
Das bereitete mir sehr viel Kopfzerbrechen. Denn wir mußten ja nicht nur eine erwachsene Janet finden, sondern auch Janet als Jugendliche und Janet als Kind. Drei Visionen ein und derselben Frau. Wir klapperten diverse Schulen ab und waren sehr erleichtert, als wir Alexia (Keogh, Janet als Kind. Anm. d. Aut.) entdeckten; wir probierten ein paar Sachen aus, improvisierten, und begannen zusammen mit den Kindern, die Janets Schwestern spielen sollten, die einzelnen Charaktere und Szenen zu entwickeln.
Als Sie den Film vorstellten. sagten Sie, Janet Frames Bücher hätten Sie besonders berührt als Sie dreizehn Jahre alt waren. Können Sie mehr darüber sagen?
Als Teenager hat man oft das Gefühl, daß die Welt, daß niemand einen versteht; man ist sehr emotionell und weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Ich glaube, was mich am meisten berührte, war, daß Janet in ihren Büchern eine Art „teenage heroine“ beschrieb, die leicht wütend wurde, und diese Wut drückte sie sehr lyrisch aus. Ich wurde mir bewußt, daß es Ideen auf der Welt gab, die so zart und subtil und zerbrechlich waren, daß man sie mit gewöhnlicher Prosa nicht beschreiben konnte. Ich war sehr dankbar, daß diese Bücher mir diese Idee vermittelten. Wenn ich jemanden fragte, wer Janet sei, hieß es immer: Ach das ist diese Verrückte —in Wirklichkeit wußte niemand etwas Genaues, weil sie sehr zurückgezogen lebt — und das machte mich neugierig.

War das eine Art Identifikation?
Ich glaube nicht, daß man das Identifikation nennen kann, aber ... ich schuf mir eine Mythologie rund herum.
Kerry Fox, die Darstellerin der erwachsenen Janet, ist der Autorin sehr ähnlich.
Ja. Nachdem wir den Film hauptsächlich für Neuseeland machten und sehr viele Leute wissen, wie Janet Frame aussieht, wäre es für uns nicht sehr befriedigend gewesen, eine andere, womöglich besonders „schöne“ Frau auszusuchen. Es muß jemand nicht unbedingt schön sein, um interessant zu sein. Es ist sicher interessanter, wenn ein Charakter angreifbar. verletzlich ist.
Die Männer in Ihren Filmen scheinen immer ein bißchen verloren, besonders im Vergleich zu diesen starken, interessanten Frauen.
Wahrscheinlich habe ich auch ein paar klischeehafte Vorstellungen über Männer und ihre Probleme. In einer gewissen Weise, glaube ich, ist es schwerer, ein Mann zu sein als eine Frau. Ich glaube, Männer wachsen mit noch mehr Klischees und Erwartungshaltungen auf als Frauen. Eine meiner Enttäuschungen mit Männern ist, daß sie zu ernsthaft sind, daß sie nicht genug bereit sind, ihre Gefühle, ihre Verletzlichkeit auch zu zeigen. Ich finde das langweilig, weil ich weiß, daß sie unter der Oberfläche sehr weich sein können. Der Zugang, den sie einer Frau gewähren, ist sehr begrenzt, aber vielleicht ist auch das nur ein Klischee.
Stört es Sie, wenn man Ihre Filme als „feministische Filmarbeiten“ tituliert?
Ich denke, feministische Filmarbeit entstand als Gegenreaktion zu den normierten Sichtweisen der Filmindustrie, und zwar mit gutem Recht. Mein Selbstverständnis als Filmemacherin erschöpft sich darin allein aber sicher nicht; etwa ist eines meiner nächsten Projekte ein Stoff von Christopher lsherwood, und diesen Film werde ich wohl in Hollywood realisieren.
Ist es für Sie „als Frau“ manchmal schwer, mit einer großen Film-Crew zurechtzukommen?
Ich hatte nie Probleme damit. Allerdings ist es schon so. daß man einen guten Regieassistenten braucht, dessen Job es ist, jedermann auf Trab zu bringen. Aber natürlich hätte ich wenig Lust, mit einer sexistischen Macho-Crew zu arbeiten.
Sie machen auch den Eindruck, als seien Sie wesentlich selbstsicherer als die Charaktere Ihrer Filme..
Manchmal vielleicht, aber natürlich spiele ich jetzt auch. Man muß eine Art „persona“ für sich finden. die mit Situationen wie dieser fertig wird, mit diesen vielen Interviews. Ich bin genauso unsicher wie jeder andere auch. Ich gehe vielleicht nach Hause und denke: Heute hast du dich wieder wie ein Arschloch benommen.
Das Interview wurde gemeinsam mit Michael Omasta geführt.
Das Interview erschien im Falter 31/91 (Juli 1991).



