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PorträtsWilliam FriedkinJuli 2005

Ein Regisseur zum Angreifen

Der Hurrikan hat sich gelegt. Kurz vor seinem 70. Geburtstag zieht der amerikanische Regisseur William Friedkin sehr entspannt Bilanz – eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.

William Friedkin
Foto: Wikimedia Commons

William Friedkin, geboren am 29. August 1935 in Chicago, der nie eine formale Ausbildung erhielt, sondern nach der Highschool bei einem lokalen TV-Sender anheuerte, vollbrachte das Kunststück, einerseits zu einem der Protagonisten des New Hollywood zu werden, das Ende der 1960er, Anfang der 1970er dem US-Kino neues Leben einhauchte, andererseits waren seine Filme kommerziell so erfolgreich, dass er zumindest eine Zeit lang zu den hottest tickets in Hollywood zählte. Seinen Spitznamen „Hurricane Billy“ bekam er wegen seines aufbrausenden Temperaments, wegen seines waghalsigen Arbeitsstils und -tempos und wegen der Kompromisslosigkeit, mit der er seine Filme drehte. Er war der Albtraum von Produzenten und Journalisten, die zu Interviews eher geduckt schlichen, weil sie nie wissen konnten, welche verbalen Geschosse auf sie zukommen würden.

ABGESANG

Dass zum 70-Jahre-Jubiläum von Twentieth Century Fox im fashionablen Pacific Design Center in Los Angeles unter all den Fox-Klassikern ausgerechnet The French Connection (1971) gezeigt wird, macht ihn sichtlich stolz. Aber so überraschend ist das nicht: Der Film ist, nach allen Maßstäben, eine Sternstunde des Kinos. Friedkin verpackte ein schwieriges Thema (der von den US-Behörden zumindest geduldete Heroin-Traffic von Südostasien in die Vereinigten Staaten via Marseille) und einen tatsachlichen Fall (die New Yorker Cops Eddie Egan und Sonny Grosso, die beide im Film kleine Rollen spielen, knackten mit viel Geduld, Geschick und übermenschlichem Einsatz einen 32-Millionen-Dollar-Deal, der größte Schlag gegen die Drogenmafia ever) in einen bahnbrechenden Polizei-Thriller mit einer legendären, bis heute unerreichten Verfolgungsjagd (zu Fuß, per Auto und per Bahn). Als einer von ganz wenigen Actionfilmen wurde The French Connection mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnet, daneben gab es noch Trophäen für Friedkin (mit 36 Jahren damals der jüngste Regisseur, der je als bester Regisseur gewürdigt wurde), für das Drehbuch (Ernest Tidyman), für den Schnitt und für Gene Hackman, der eine seiner vielen Glanzrollen spielt.

Aber Friedkin schenkte Hollywood quasi ein trojanisches Pferd: So groß der künstlerische und kommerzielle Erfolg (52 Mio. Dollar Einspiel bei nur 1,8 Mio. Dollar Budget) auch war, so düster war der Film – eine Tatsache, die in der allgemeinen Euphorie fast ignoriert wurde. Er ist überschattet vom Drogentod von Janis Joplin im Oktober 1970 (kurz vor Beginn der Dreharbeiten), vom Albtraum Altamont (als 1969 bei einem Rolling-Stones-Konzert ein Besucher von einem Ordner erstochen wurde), von Vietnam, in dem sich die US-Niederlage abzeichnete: Friedkins Cops Jimmy Doyle und Buddy Russo sind Besessene, die den großen Fang durch ihren Übereifer und ihre Aggressionen mehr als einmal gefährden, rassistisch, gewalttätig und zynisch. Sie toben durch ein desolates, schäbiges New York ohne jeden Glamour.

The French Connection ist, wie sonst nur noch Easy Rider (1969), ein Abgesang auf die Love&Peace-Ära; danach war nichts mehr wie bisher. Heerscharen an Desillusionierte-Cops-Filmen haben sich an French Connection bedient, ohne sich mit dessen gnadenloser Härte, seinem fast dokumentarischen Stil, mit seiner wild gewordenen Kamera (zu einer Zeit als es „eigentlich“ weder Steadycam noch Handkamera gab) messen zu können. Gedreht wurde, so Friedkin im Interview, im Guerillastil. „Das Team schwärmte aus, um die Passanten vorzuwarnen, und dann kamen wir schon angedonnert.“ Tatsächlich sieht man des öfteren harmlose BürgerInnen im Bild, die erschreckt das Geschehen beobachten. „Das war mir völlig egal“, sagt Friedkin. „ich wollte es rau und direkt haben, und [Kameramann] Owen Roizman hat Unglaubliches geleistet, vor allem bei der Verfolgungsjagd. Wir haben fast ohne Drehgenehmigung gearbeitet, denn sonst wäre der Film heute noch nicht fertig.“ 14 Tage dauerten die Arbeiten an der wilden Jagd, bei der „wir 26 Häuserblocks mit Tempo 130 abgefahren sind“, die Produktion insgesamt aber nur drei Monate – für heutige Begriffe unvorstellbar.

Gene Hackman, The French Connection
Gene Hackman in The French ConnectionFoto: 20th Century Fox

ANGST UND SCHRECKEN

Gleich nach diesem Triumph schob Friedkin mit The Exorcist (1973) den bis heute am meisten diskutierten Horrorfilm nach. Über diesen gigantischen Erfolg, künstlerisch (zehn Oscar-Nominierungen) wie kassenmäßig, muss nicht mehr viel gesagt werden (zum Re-Issue im Jahr 2000 wurden alle alten Geschichten wieder aufgewärmt), außer vielleicht das Eine: Der Film widersetzt sich bis heute allen Versuchen, ihn in den Mainstream zu integrieren und damit zu verharmlosen. Auch wenn man seitdem Härteres, Blutigeres, auch Blasphemischeres gesehen hat – The Exorcist ist nach wie vor ein Schocker, und, gemessen an seiner Entstehungszeit, einer der großen „Skandale“ der Filmgeschichte. Der Film ist in jeder Hinsicht erschreckend. Friedkin liebt ihn heute noch und hat die Aufführung des Director’s Cut massiv unterstützt. „Es war einfach ein Glücksfall: eine solche Story, solche Schauspieler, so ein Erfolg — es war wie ein Traum, der niemals endet.“ Dass der Film so heftig angegriffen wurde, kam dem streitbaren Regisseur gelegen. Provokante, vielleicht auch unüberlegte Interviews trugen ihm von links den Ruf ein, ein „Faschist“ zu sein, während die amerikanische Rechte ihn für den Abgesandten des eben noch Exorzierten hielt. Friedkin saß zwischen allen Stühlen und fühlte sich wohl dort. Er drehte mit The Sorcerer (1977) ein vorzügliches Remake eines seiner Lieblingsfilme (Henri-Georges Clouzots Le Salaire De La Peur / Lohn Der Angst, 1953) und heiratete Jeanne Moreau. Diese „French Connection“ hielt allerdings nur zwei Jahre. 1980 schlitterte er in den nächsten Skandal: In Cruising muss Al Pacino als Undercover-Polizist und Lockvogel einem Killer nachspüren, der in der schwulen Leder- und S/M-Szene New Yorks wütet. Friedkins Darstellung des Milieus war in vieler Hinsicht unerhört: Zum einen wurde einem Mainstream-Publikum erstmals diese „fremde Welt“ recht detailreich vorgeführt, zum anderen kam die Szene darin gar nicht gut weg. Die Gay-Presse verglich Cruising mit D.W. Griffiths rassistischem Klassiker Birth Of A Nation (1915). Der Film musste umgeschnitten und mit einem „distanzierenden“ Insert zu Beginn versehen werden. Friedkin: „Dass Schwule auch Menschen sind, die Fehler haben, das wollte man einfach nicht sehen. Aber es ging mir vor allem um eine korrupte, kaputte Welt, die sich natürlich anhand von Außenseitern viel genauer darstellen lässt.“

1985 ließ Friedkin der French Connection neuerlich einen fulminanten Polizeifilm folgen: To Live And Die In L.A. ist ein.punktgenauer, energie- und aggressionsgeladener Film über den Secret-Service-Mann Richard Chance (William L Petersen), der sich auf der Jagd nach einem genialen Geldfälscher (Willem Dafoe in einer seiner besten Rollen) bald zwischen dem Gesetz, das in den Büchern steht, und dem Gesetz der Straße verhaspelt. Mit rasiermesserscharfen Dialogen, fast dokumentarischen Szenen von Polizeiarbeit und Fälscherei und einer weiteren atemberaubenden Verfolgungsjagd (diesmal die verkehrte Richtung eine Autobahn hinunter) gelang Friedkin ein Instant-Klassiker: „Ja, ich liebe diesen Film. Er ist gelungen. Das kann man wohl sagen.“ Als Vorlage diente der Roman des Polizisten Gerald Petievich, der mit Friedkin zusammen auch das Drehbuch schrieb; gemeinsam drehten die beiden danach auch zwei TV-Polizeifilme.

Mindestens so aufregend, wenn auch weit weniger bekannt als seine großen Erfolge, ist Rampage (1988), ein Serienkiller-Film, der alle weiteren Beispiele des später inflationär werdenden Genres vorwegnahm. Auch Jonathan Demmes unzweifelhaft gruseliges Schweigen Der Lämmer (1991) nimmt sich gegen Rampage gemütlich aus: Charlie Reece, ein scheinbar freundlicher junger Bursche, schlachtet am Weihnachtstag auf unbeschreibliche Weise eine ganze Familie ab. Selbst dem liberalen Staatsanwalt (Michael Biehn) bleibt nichts anderes übrig, als seine Haltung zur Todesstrafe zu überdenken. Doch Charlie gelingt (wie, das muss man gesehen haben) und mordet weiter. Friedkins Haltung bleibt ambivalent, er bezieht keine eindeutige Position: „Ich meine, wir haben ja alle Augen im Kopf. Jeder kann sich doch seine Meinung bilden. Das ist das, was Hollywood den Leuten austreiben will.“ Der Film wurde ein Flop und kaum gezeigt – in Österreich nur ein einziges Mal, bei der Viennale.

OPA UND SEINE ENKEL

Danach hate Friedkin offenbar sein kinematografisches Pulver verschossen. Wie viele andere Regiehelden der 1970er und 1980er (John Carpenter, Tobe Hooper, Paul Schrader) scheint auch ihn der Zug der Zeit überrollt zu haben. Im Unterschied zu anderen jedoch gibt er das unumwunden zu: „Hollywood kann mit mir, und ich kann mit Hollywood nichts anfangen. Mir sind die Filme zu lieblos, alles ist viel zu schnell und zu schlampig geschnitten. Da kann ich nicht mehr mit.“ Er drehte ein sehr gediegenes TV-Remake von Twelve Angry Men (1997), ansonsten oszillieren seine neueren Filme zwischen ganz anständig (The Rules Of Engagement, The Hunter) und eher zum Vergessen (The Guardian, Jade). Friedkin wendet sich der Oper zu: Er inszeniert er in Florenz Alban Bergs Wozzeck, danach in Los Angeles HerzogBlaubarts Burg, Gianni Schicci und Ariadne auf Naxos. Noch in diesem Jahr wird er in Italien Verdis Aida auf die Bühne bringen. Überraschend? „Nein, gar nicht. Die Oper war das Kino früherer Jahrhunderte. Und sie hält sich seit fast 500 Jahren. Ob das Kino das auch schafft?“ Er genieße das Inszenieren, „ohne den ganzen Wahnsinn, der einen belastet, wenn man einen Film dreht.“

Wie viele andere seiner Regiegeneration ist er aber weiterhin ein unglaublicher Filmfreak. Seine scharfe Beobachtungsgabe hat er nicht eingebüßt. Er entdeckt eben Val Lewton wieder, den Produzenten meisterlicher, atmosphärischer Horrorfilme der 1940er Jahre (Cat People, 1942), liebt moderne japanische Horrorfilme (aber nicht in ihrer Hollywood-Variante), schwärmt von Paul Thomas Anderson („Magnolia gehört für mich zu den ganz großen Filmen der Geschichte“) und kann auch Oliver Hirschbiegels Der Untergang viel abgewinnen („Man muss nicht Hitler mögen, um zu sehen, dass dieser Film ein großer Wurf ist“). Die DVD ist für ihn „wohl die einzige Segnung, die die Entertainment-Industrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat.“ Deshalb habe er auch die DVD-Editionen seiner Filme sehr sorgfältig bearbeitet, Farben neu bestimmt, den Ton überprüft usw. „Das ist eine große Überlebenschance für jeden Film.“ Mit seiner Frau Sherry Lansing, Ex-Chefin von Fox und mehr als zwölf Jahre lang Chairwoman von Paramount, lebt er ein „möglichst geruhsames Leben. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen.“ In der Tat nicht.

PS: Nach den offiziellen Interviews, beim Dinner, begibt sich Ungewöhnliches: Ex-„Hurricane Billy“ Friedkin sitzt wie ein Großvater, umringt von seinen (Journalisten-)Enkeln, am Tisch, zeichnet Storyboards seiner Filme auf Servietten, signiert die Aushangfotos, die vor dem Kino hingen und erzählt (zum Tell nicht druckreife) Anekdoten, sodass kein Auge trocken bleibt. Der Mann hat es geschafft: Er ist völlig entspannt.

Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) vom Juli/August 2005.

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