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RezensionenFarewell My ConcubineApril 1994

Eine chinesische Tragödie

Neben „The Piano“ gab es 1993 in Cannes noch einen zweiten triumphalen Sieger: Chen Kaiges „Lebewohl meine Konkubine“, der nächste Woche endlich auch in Wien anläuft.

Leslie Cheung
Leslie CheungFoto: Filmladen

„Lebewohl meine Konkubine“ ist ein Melodrama, ja eine Tragödie von gewaltigen Dimensionen. Getragen von jener GefühIsdichte, mit der chinesische Regisseure, allen voran Chen Kaige und sein Freund und Kollege, Zhang Yimou, seit Jahren die großen Festivals in aller Welt im Sturm erobern, und die dem westlichen Kino völlig abhanden gekommen zu sein scheint. Chen entwirft in seinem bisher größten und aufwendigsten Film einen opulenten Bilderbogen, der nicht weniger als dreiundfünfzig Jahre chinesischer Geschichte (1924–1977) erzählerisch umfaßt. Anhand des Schicksals zweier genialer Peking-Oper-Schauspieler, Cheng Dieyi und Duan Xiaolou, entsteht vor unseren Augen ein kühn angelegtes Panorama der menschlichen Befindlichkeit in Zeiten konstanter politischer und sozialer Umwälzungen, die so gigantisch sind wie das Land selbst.

Chen, das ist bekannt, nimmt sich in politischer Hinsicht niemals ein Blatt vor den Mund. Ebenso wie die Filme Zhangs sind auch seine Arbeiten in der Heimat nicht unbedingt gerngesehen, wenngleich die große internationale Beachtung ihm natürlich zu Hilfe kommt. Mit „Lebewohl meine Konkubine“ allerdings wird ein absolutes Tabu gebrochen. Anders als in Japan, wo das filmische ,,Coming Out“ schon vor längerer Zeit erfolgte, gibt es Homosexualität in China offiziell nach wie vor nicht. In der Beziehung zwischen dem sanften Dieyi (überwältigend gespielt von Hongkongs Pop- und Filmstar No. 1, Leslie Cheung) und dem „männlichen“ Xiaolou ((Zhang Fengyi) offenbart sich eine tragische Dimension, die politisches und privates Schicksal der beiden untrennbar miteinander verknüpft.

Als sich Xiaolou in die schone Prostituierte Juxian (Gong Li) verliebt, bricht für Dieyi eine Welt zusammen. Es ist die Zeit der japanischen Okkupation. Xiaolou wird von den Japanern verhaftet. Dieyi arrangiert sich, um den „untreuen“ Freund wieder für sich zu gewinnen, mit den neuen Machthabern, spielt für die Japaner und verliert alles: sein künstlerisches Ansehen ebenso wie Xiaolou, der Juxian schließlich heiratet. Dieyi ergibt sich dem Opium.

Erst 1977 treten die beiden wieder gemeinsam auf, noch einmal in ihren Paraderollen. die sie berühmt gemacht haben: Xiaolou als König Chu und Dieyi als dessen schöne Konkubine Yu. Mit dieser berührenden Szene auf einer leeren Bühne in Peking beginnt und endet der Film. Dazwischen liegen die Machtübernahme durch die Kommunisten und die Katastrophe der Kulturrevolution, die Tausenden Intellektuellen und Künstlern das Leben kostete, Jahre zwischen Anpassung und Verweigerung. Denunziation, Verrat und Entfremdung. 1977 ist davon nichts mehr zu merken, es herrscht Ruhe im Land, und doch ist das Wiedersehen der beiden alten Männer so schmerzhaft und brutal wie die Umstände, unter denen sie sich Anfang der zwanziger Jahre kennengelernt hatten. Die Schule, in der beide die Kunst der Peking-Oper erlernen, ist nicht nur einzige Zufluchtsstätte für Kinder aus armen Familien, sondern auch sondern auch ein Ort, wo sadistische Lehrer mit ihren brutalen Züchtigungen absoluten Gehorsam und eiserne Disziplin in die verängstigten Kinder und Halbwüchsigen prügeln.

Man mag als Einwand geltend machen, daß das alles viel zu viel ist für einen Film, zu lang (169 Minuten!), zu breit, des Öfteren zu kulinarisch, zu „schön“. Aber solche Kriterien verblassen angesichts der Leistungen vor allem Leslie Cheungs, der Ausstatter, des Kameramanns Gu Changwai und nicht zuletzt Chens selbst, der dieses gewaltige Werk meisterhaft in Szene gesetzt hat.

“Lebewohl meine Konkubine“ ab 5. Mai im Votiv (OmU) und im Künstlerhaus (DF).

Der Text erschien anlässlich des KInostarts von „Farewell My Concubine“ im Falter 17/94 (April 1994).

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