Happy-End gestrichen
Im Zuge der verstärkt bemerkbaren Bemühungen, klassische Filme zu rekonstruieren und in ihrer ursprünglichen, vom Regisseur entworfenen Fassung auf die Leinwand zu bringen, können die Zuschauer nun eine weitere faszinierende Entdeckung machen: Ridley Scotts „Blade Runner“ liegt im sogenannten „Director‘s Cut“ vor.

Wie bei allen Rekonstruktionen bisher (von „Lawrence of Arabia“ bis „Spartacus“) ist die Geschichte der „Neufassung“ spannender als so mancher Hollywood-Thriller: Die von Ridley Scott gedrehte Originalversion galt praktisch als verschollen, als eines Tages im Jahre 1989 durch Zufall eine 70-mm-Sicherheitskopie entdeckt wurde, die man einige Monate später anläßlich eines kleinen Festivals in Los Angeles vorführte. Die Aufregung unter den Besuchern, durchwegs eingefleischte Anhänger des „Blade Runner“-Kults, war groß, und so entschloß man sich im Vorjahr, diese Fassung weltweit in die Kinos zu bringen. Der Erfolg gibt den Verantwortlichen recht: die Zuschauerzahlen waren enorm, und praktisch jedes Festival der letzten Monate schmückte sich mit der geänderten Fassung des Science-Fiction-Thrillers.
Tatsächlich ist der „neue“ „Blade Runner“ – im Unterschied etwa zu „Spartacus“, bei dem viele, viele Szenen der Originalfassung fehlten – eher eine „reduzierte“ Version dessen, was über zehn Jahre lang in den Kinos zu sehen war. Das Unbehagen, das wohl jeden, der den Film mochte, beschlichen haben mag, weil einfach manche Dinge nicht stimmten bzw. nicht stimmen konnten, dürfte nunmehr ein Ende haben: In erster Linie gewinnt der Director's Cut entschieden dadurch, daß das unglaubwürdige Happy-End zwischen Deckard (Harrison Ford) und Rachael (Sean Young) nun entfernt wurde. Der Effekt ist einfach, aber verblüffend: Das vage Ende, die ungewisse Zukunft des Helden, sind eines (futuristischen) Film noir, und den wollte Scott ja drehen, mehr als würdig. Ridley Scott: „Wenn die beiden so einfach aus dieser furchtbaren Welt in die freie Natur flüchten könnten, wo kommt nur die wunderbare Landschaft her? Werden sie zusammen eine Hütte bauen, oder was? Das war also völlig falsch.“
Natürlich waren die ominösen Testvorführungen in Hollywood seinerzeit schuld an diesem gravierenden Eingriff, ebenso wie an dem immer störenden Hintergrund-Kommentar durch Deckard. Die Zuschauer hatten – so gaben sie zumindest damals an – die Handlung nicht so recht mitbekommen, also mußte eine Erzählstimme her, die vor allem bei den Kritikern mehr als schlecht wegkam. Sie ist in der nunmehrigen Fassung gestrichen, ohne daß sie einem abgeht. Was an Wesentlichem hinzugefügt wurde, ist vor allem eine ganz wichtige Traumsequenz, in der Deckard von einem Einhorn träumt: jenem Einhorn, das er, aus Papier gefaltet, gegen Schluß vor seiner Wohnung vorfindet, angefertigt vom Polizisten Gaff (Edward James Olmos). Diese Szene, die bisher völlig unklar und zusammenhanglos war, ist nun ein deutlicher Hinweis darauf, daß Deckard selbst ein Replikant ist. Die Ungewißheit, die ihn – und wohl viele Zuschauer – plagte, ist damit vorbei. Andere Änderungen, Hinzufügungen und Weglassungen sind weniger gravierend als diese drei einschneidenden Maßnahmen, die aus „Blade Runner“ eigentlich einen anderen Film machen, weil die Perspektiven völlig neue sind.
Die Wiederaufführung ist aber noch in manch anderer Hinsicht von Interesse: Noch nie war so deutlich wie heute, welch großen Einfluß der 1982 fertiggestellte Film auf die Ästhetik und die optische Umsetzung unzähliger Nachfolger hatte — das reicht vom Video-Clip bis zu den „Terminator“-Spektakeln James Camerons, aber auch bis zur sogenannten Cyberpunk-Literatur, deren Städte nicht wesentlich anders aussehen als das Los Angeles in „Blade Runner“. Wenn man bedenkt, welch bescheidenen Erfolg der Film seinerzeit – gegen den übermächtigen Konkurrenten „E.T.“ – hatte, ist das umso bemerkenswerter, und selten war – angesichts der treuen Fangemeinde – die inflationäre Bezeichnung „Kultfilm“ so berechtigt wie bei „Blade Runner“.
Bleibt nur zu hoffen, daß auch der Director‘s Cut von James Camerons „Abyss“ irgendwann den Weg in unsere Kinos finden wird.
Der Text erschien in den Salzburger Nachrichten am 29. Mai 1993.



