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PorträtsAng LeeFebruar 2006

Herzzerreißend

Die Cowboys hüten Schafe statt Rinder, und verheiratet wirken sie wie Zootiere. Ihr Glück suchen die Helden von „Brokeback Mountain“ in der Ruhe von Marlboro Country. Bloß ist diese dumpf und engstirnig.

Brokeback Mountain
Brokeback MountainFoto: Tobis Film

In den letzten Jahren hat Ang Lee so etwas wie eine „Trilogie des Raumes“ geschaffen, die aus „Ride with the Devil“, „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ und „Brokeback Mountain“ besteht. Eventuell wäre auch „The Ice Storm“ dazuzurechnen (den man andererseits als den Beginn von Ang Lees Beschäftigung mit der Mythologie der USA ansehen könnte). Wie kaum ein anderer Filmemacher der Gegenwart – legendären Westernregisseuren wie John Ford und Howard Hawks ähnlich – versteht Ang Lee den Raum als determinierende Komponente der menschlichen Existenz. Gemeint ist damit der Raum topo- und geografisch ebenso wie der metaphorische Raum, und je enger der Raum ist, desto unfreier sind die Menschen.

„Brokeback Mountain“, angesiedelt in Wyoming (und, marginal, in Texas, gedreht wurde aber, wie so oft, aus finanziellen Gründen und wegen der landschaftlichen Unversehrtheit in Kanada), umspannt zwanzig Jahre, von den frühen Sechzigern bis in die achtziger Jahre und ist einer jener faszinierenden Spätwestern, wie sie in den letzten vierzig Jahren immer wieder gedreht wurden, als eine Art Abgesang auf den klassischen Western. Er steht in der Tradition von Filmen wie Sam Peckinpahs „Junior Bonner“ und Stuart Millars „When the Legends Die“, in denen der Anachronismus zwischen Cowboytum und moderner Gegenwart zentrales Thema ist.

Der Cowboy ist einer der bedeutendsten Mythen der USA und eine seiner prägendsten Ikonen. Doch die Cowboys in „Brokeback Mountain“ sind alles andere als heroisch. Während der klassische Western vor allem die Eroberung des Westens feierte – mit all der politischen Unkorrektheit, zu der man damals fähig war –, so zeigt der Spätwestern, dass im einst freien und stolzen Land kein Platz mehr ist für die Nachfahren der stolzen Rinderhirten.

Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) sind in „Brokeback Mountain“ trotz traditioneller Kleidung nur noch Epigonen dessen, was man von Cowboys aus Filmen kennt; sie müssen sich als Tagelöhner verdingen und sind den Launen eines unberechenbaren Viehhändlers unterworfen, der sie mit wenig Proviant ausstattet und ihre Arbeitskraft schamlos ausbeutet. Es sind noch nicht mal mehr Rinder, die sie hüten, sondern Schafe. Ihre Arbeit ist nicht heroisch, sondern anstrengend, stupide und alles andere als erstrebenswert.

Ang Lees Interesse gilt aber weniger dieser Arbeitssituation, er etabliert damit nur die Ausgangsbasis für die Geschichte einer homosexuellen Beziehung, wie sie in zahlreichen mehr oder weniger verklemmten Western stets latent vorhanden war. Ang Lee setzt in einer „typischen“ Situation an, wo sich die Helden des Western sonst jeweils verrenken müssen, um nur ja keine körperliche Nähe zu signalisieren, in der sie raue Sprüche oder die Fäuste bemühen müssen, um nicht als schwul zu gelten: Im wilden Bergmassiv des Brokeback Mountain entsteht eine der leidenschaftlichsten und herzzerreißendsten Liebesbeziehungen, die man im Kino seit langer Zeit gesehen hat. Die zwei vermeintlich harten jungen Männer, konfrontiert mit unzumutbaren Arbeitsbedingungen, katastrophalem Wetter und ihrer nagenden Einsamkeit, werden ein Paar, das nicht mehr voneinander loskommt. Nachdem sie sich aus den Augen verloren hatten, entbrennt die Liebe Jahre später von neuem. Beide sind unterdessen verheiratet, Ennis mit einer harmlos-netten Frau in Wyoming, Jack mit einer Tochter aus reichem Haus in Texas. Beide sind unglücklich in ihrer Ehe. Die beiden Cowboys treffen sich zu Angelausflügen. In der Natur sind sie zu Hause, in der Natur können sie trotz aller Schwierigkeiten ihre Liebe leben.

Jack liegt dabei offensichtlich viel mehr an der Beziehung als Ennis. Oder, um präziser zu sein: Jack kann seine Gefühle schlechter verbergen. Er fordert vehement dazu auf, sich je aus ihrer lieblosen Existenz zu lösen und gemeinsam das Weite, die Freiheit zu suchen. Ennis dagegen ist der Langsamere, Grüblerischere. Sie sind wie Feuer und Wasser, und trotzdem oder deswegen ein faszinierendes Leinwandpaar.

Der freie Raum, die Landschaft, das ist ihre Welt – darin deckt sich „Brokeback Mountain“ bis in kleinste Details mit „Crouching Tiger“ und mit „Ride with the Devil“. Es gibt nur eine einzige Hauptfigur in „Crouching Tiger“, die in einem richtigen Haus wohnt, die junge Yu Jen (Zhang Ziyi). Sie ist umgeben vom Reichtum einer höheren Tochter. Sie lebt in einem Luxusgefängnis und strebt mit aller Macht hinaus ins Freie.

Crouching Tiger, Hidden Dragon
Crouching Tiger, Hidden DragonFoto: Arthaus

Martial-Arts-Helden existieren in diesem literarischen und filmischen Genre nur im offenen Raum, in der Landschaft. Sie sind rastlos, immer unterwegs. Yu Shu Lien (Michelle Yeoh) und ganz besonders Li Mu Bai (Chow Yun-fat), der in die Jahre gekommene Held in „Crouching Tiger“, bewegen sich in die Gegenrichtung. Sie wollen sesshaft werden, endlich ihre große Liebe zueinander genießen, die sie all die Jahre hintanstellen mussten. Gleichzeitig ist ihnen bewusst. dass dieser Wunsch Utopie bleiben muss. weil Ruhe und Stillstand Untergang und Tod bedeuten. Sie sind „Unbehauste“ im Rilkeschen Sinne.

Unbehauste, das gilt auch für alle Westernhelden, selbst für so späte Exemplare wie Jack und Ennis in „Brokeback Mountain“, die diese These untermauern: Wenn Ennis mit seiner Frau in eine kärgliche Wohnung in der Stadt zieht, die im schroffen Gegensatz zu seiner hemdsärmeligen Vierschrötigkeit steht, dann ist das fast grotesk anzusehen, als wollte jemand unbedingt ein zu kleines Hemd anziehen. Eine andere Sequenz zeigt in Parallelmontage die beiden unglücklich Liebenden an Thanksgiving mit ihren jeweiligen Familien beim Truthahnessen. Sie sind Tausende Meilen voneinander entfernt und geradezu hilflos gefangen in Strukturen, für die sie nicht geschaffen sind.

Die Tragik der klassischen Westernhelden war stets, dass sie das Land eroberten und die Grenze immer weiter nach Westen verschoben, während sich hinter ihnen Heerscharen von Siedlern, Viehbaronen, Gangstern und Puritanern daran machten, diese Freiheit durch die Gründung von Städten, Banken, Spielsalons, Fabriken und Kirchen zu beseitigen. Ang Lees früherer beeindruckender Versuch, dem Genre neue Facetten abzugewinnen, ist im Bürgerkriegswestern „Ride With the Devil“ zu finden: Jake Roedel (Tobey Maguire) und die anderen verwegenen Südstaaten-Desperados, die einen aussichtslosen Kampf gegen die Yankees kämpfen, wirken nur draußen, in der freien Natur, verwegen. In geschlossenen Räumen scheinen sie hilflos, täppisch, ungelenk. Wie die Fluchtversuche Jake Roedels vor der patenten Sue Lee Shelley (Jewel Kilcher) nichts nützen – er wird sie natürlich heiraten und sesshaft werden –, so wenig kommen Charley Waite und die beiden jungen Männer in „Brokeback Mountain“ davon. Ennis und Jack, die nur „draußen“ glücklich sein können, wirken wie Zootiere, die man ihrer natürlichen Umgebung beraubt hat.

Das ist bei Ang Lee nicht dumpfe Männer-Outdoor-Romantik, sondern hier geht es um die Existenz, um das Wesentliche. Ihn beschäftigen Menschen, die vom Drinnen ins Draußen wollen – und selbst in seinem nicht zufällig ebenso in den frühen Siebzigern angesiedelten Drama „The Ice Storm“, das in einem Vorort in New Jersey spielt, gibt es eine solche Figur. Mikey Carver (Elijah Wood) ist ein Junge, den es nicht drinnen im Haus hält, der in der fatalen Nacht, als der Eissturm die Erwachsenen in sexuelle Spiellaune versetzt, hinausmuss, um sich den Elementen zu stellen, weil „die Moleküle in einer solchen Nacht stillstehen“. Er bezahlt seinen Wunsch nach Freiheit, den man als Aufschrei gegen seine verkorkste Familiensituation lesen kann, mit dem Leben. Sterben muss auch in „Brokeback Mountain“ einer der beiden Helden, nämlich Jack – auch er auf der Straße, auch er auf der Flucht vor der Familie. Auch Ennis ist, nachdem er die Nachricht erfahren hat, nicht mehr derselbe: Der schweigsame, bedächtige Mann wird aus seiner fast apathischen Haltung herausgerissen und versucht, leider zu spät, zu verstehen, wer dieser Mensch war, der ihn zwanzig Jahre lang mit jeder Faser seines Körpers geliebt hat.

Für Jack, ganz Melodramen-Held, ist der Tod eine Erlösung, denn das, was er will, wird er im Leben nicht bekommen - nämlich mit Ennis irgendwo in der Natur, auf einer Ranch unbehelligt zusammenleben. Dass das in einem zunehmend prüder und puritanischer werdenden Amerika nicht möglich ist, erwähnt Ennis in einer tragischen Episode seiner Kindheit: Von zwei Männern, die offenbar zusammenlebten, wurden einer tot aufgefunden.

Während die zumeist dysfunktionalen Ehepaare in „The Ice Storm“ ihre frivolen Spielchen treiben, die sie fälschlicherweise für die sexuelle Revolution halten, ist im tiefsten Wyoming kein Platz für soziale Experimente irgendwelcher Art. Während in „The Ice Storm“ Richard Nixon im Fernsehen seine Watergate-Lügen erzählt, die von der pubertär-vorlauten Wendy Hood (Christina Ricci) zynisch kommentiert werden, ist in Wyoming alles still: Mit keiner Silbe, in keiner Szene werden Drogen, Hippies, Vietnam, sexuelle Revolution, Woodstock oder Watergate erwähnt. Es ist, als befinde man sich hier in einem parallelen Universum, in dem die Zeitrechnung außer Kraft gesetzt ist – man kann es gar nicht besser ausdrücken als der rechtskonservative Countrysänger Merle Haggard in seinem 1969 entstandenen Song „Okie from Muskogee“ über eine Kleinstadt in Oklahoma: „We don't smoke marijuana in Muskogee; We don't take our trips on LSD; We don't burn our draft cards down on Main Street; We like livin’ right, and bein’ free.“

Es ist keine angenehme, keine gute Ruhe, die hier herrscht, sie ist dumpf und engstirnig, ebenso wie im fernen Texas, wo Jack sich mit den gleichen Rednecks herumschlagen muss wie Ennis in Wyoming. Sie erinnert an Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“, in dem ein ungesundes Klima der Rückständigkeit und der latenten Aggression herrscht, die sich schließlich gegenüber dem „Griech' aus Griechenland“ entlädt. Diese Friedhofsruhe erinnert auch an Fassbinders meisterliche Melodramen „Martha“ und „Effi Briest“, in denen die Heldinnen von ihren Ehemännern wie Gefangene im Haus gehalten werden. Effi (Hanna Schygulla) hat viel von Ang Lees Jack, einen schier unbändigen Willen zu lieben, der aber unter der Macht der faktischen Zwänge erstickt. Wie Effi stirbt Jack „an gebrochenem Herzen“, auch wenn eine kurze Einstellung, in der Ennis über Jacks Tod nachdenkt, eher einen Gewaltakt nahelegt. „Brokeback Mountain“ besticht durch die Genauigkeit der Beobachtung, durch eine Fülle an atmosphärischen Details, die deutlich machen, in welcher Welt Ennis und Jack leben: „Trespassers will be shot, steht der Tür des Viehhändlers, bei dem sich die beiden jungen Männer verdingen, und darunter „survivors will be shot again“. Was witzig gemeint ist, sagt sehr viel aus über den Geist des ländlichen Amerika, das so gar nichts Liebenswertes hat. Die vermeintlich heile Welt, in der jeder jeden kennt und jeder jeden beobachtet, ist keine, und eine schwule Beziehung würde — da hat Ennis wohl recht — auf keinen Fall geduldet werden.

Während Mainstream-Amerika in der Mehrzahl seiner Filme den Status quo, die Anpassung, die Biederkeit feiert und den Blick ins häusliche Innere richtet, weisen Ang Lees Arbeiten in die andere Richtung: hinaus aus den Häusern ins Freie, in die unendliche Weite der Landschaft. Als Ennis im Haus von Jacks Eltern dessen Schrank durchsucht, findet er das Bild des „Brokeback Mountain“ an die Innenseite der Tür gepinnt, jenes Ortes, an dem alles begann für zwei Unbehauste.

Der Text erschien im du Magazin No. 763 (Februar 2006).

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