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InterviewsJennie LivingstonDezember 1991

Hurrah for you!

Das Regiedebüt der New Yorker Filmemacherin Jennie Livingston, „Paris ls Burning“, zählt zu den interessantesten unabhängigen US-Produktionen der letzten Jahre. Wie sie sich in der Männerdomäne des amerikanischen Kinos behaupten und einen Film über schwarze, homosexuelle Männer drehen konnte, erzählt die Regisseurin im folgenden Gespräch.

Paris Is Burning
Paris Is BurningFoto: Jane Balfour Films

"Nicht das Coming-out ist das Problem“, antwortet einer der Interviewten einmal in Jennie Livingstons Film, „sondern das Getting-in“. Das Aufgenommenwerden in eine der New Yorker Communities, „House of Dorian“, „House of Ninja“ oder ,.House of Labeja“ genannt – Zufluchtsort und Heimstatt homosexueller Schwarzer, Veranstalter glamouröser „Bälle“, in denen jeder das ist, was er gerne sein will: Versicherungsvertreter, General, Mannequin. „Halte durch und hab Spaß“, lautet die Devise, „und wenn du berühmt wirst: Hurrah for you!“ Es ist eine exotisch anmutende, glitzernde Gegenwelt, in die Livingstons Film – ganz ohne voyeuristisch zu wirken – über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg Einblick gewährt; Entwurf und Feier eines schwarzen und schwulen Amerikas, dessen, was die Weißen als Anderes oder als Differenz bekämpfen.

“Paris Is Burning“ ist ein sehr mutiger Debütfilm. Wie kam dieses Projekt zustande, was haben Sie vor Beginn Ihrer Filmarbeit getan?
Ich studierte Fotografie, Malerei und Literatur. Dann, Mitte der achtziger Jahre kam ich nach New York. Eines Tages traf ich ein paar schwarze Jungs im Washington Square Park, die beim „Vogueing“ waren, und ich fragte, was sie da machten. Sie antworteten: „Vogueing.“ Ich sagte: „Vogueing? Was ist das?“ Sie sagten, das sei ein Tanz. Dann begann ich, zu den Bällen dieser Leute in Harlem zu gehen. Ich dachte, daß das, was dort passierte, eine Menge aussagte, nicht nur über die Menschen, die einander dort begegneten, sondern über die Kultur überhaupt – die Medienkultur, aber auch über die Probleme der Rasse, des Geschlechts, der Klasse usw. Da beschloß ich, einen Film darüber zu machen, etwas, das schließlich fünf Jahre dauern sollte,

Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie aber schon 1987 bei einem Film mitgearbeitet, bei Alan J. Pakulas „Orphans“, einer Hollywood-Produktion. Wie kam das?
Ganz einfach: Alan ist ein Onkel von mir. Als ich ihm erzählte, daß ich einen Film machen wollte, sagte er: „Mach es nicht. Es ist eine Qual.“ Damals arbeitete ich für seinen Production-Designer, George Jenkins, eine sehr schöne Erfahrung, mit einem wunderbaren Team. Matthew Modine, Albert Finney. Es war aufregend. zu sehen, was man mit genügend Geld und einer guten Besetzung alles machen kann.

Aber es ist wohl nicht etwas, wonach Sie streben, in dieses System integriert zu werden?
Nein, niemals. Das heißt, es kommt auf die Kontrolle an, die man dann noch über seine Arbeit hat. Wenn man Spike Lee heißt und einen Vertrag über fünf Filme hat, mit der Garantie, daß man die endgültige Fassung bestimmen darf, dann ist das toll. Aber ich würde niemals nur jemand anderes Ideen verwirklichen wollen. Das heißt, ich werde wohl noch sehr lange unabhängig arbeiten. Das macht aber nichts. Ich meine, unabhängig zu arbeiten in den USA ist nicht schlecht, nicht, solange man nicht zu sehr hinter Geld her ist.

Inwiefern stehen Sie in Verbindung mit anderen unabhängigen Regisseuren? Von Europa aus gesehen erscheint Amerika immer als eine Art großes „Netzwerk“ von unabhängigen Leuten, die irgendwie zusammenhängen.
Eine Menge Kollegen habe ich im internationalen Festival-Circuit kennen. gelernt, in Berlin, in Sundance, in Toronto, Regisseure wie Todd Haynes, der Poison gemacht hat, Don Boyd, der Twenty-One gedreht hat, oder Christine Vachon, die Haynes‘ Film produziert hat. Wenn man Teil dieser Gemeinschaft oder Szene wird, ist das sehr nützlich und hilfreich. weil man merkt, es gibt überall Leute. die genauso verrückt sind wie man selbst. Eine starke Gruppe ist jetzt in Los Angeles entstanden, mit Charles Burnett und John Singleton. Aber natürlich ist New York sehr stark vertreten, das hat auch mit Leuten wie Scorsese, Allen, Pakula oder Lumet zu tun, die dort arbeiten, weil da der Druck Hollywoods nicht so stark ist.

Ganz zu Beginn Ihres Films macht einer der Interviewten eine sehr interessante Bemerkung, daß es drei Nachteile im Leben gebe: Schwarzer zu sein, ein Mann zu sein und schwul zu sein. Inwiefern ist es ein Nachteil, ein Mann zu sein?
Wenn man die afroamerikanische Kultur betrachtet. ist es ein Nachteil. Für den Rest der Gesellschaft ist es natürlich besser, ein Mann zu sein, keine Frage. Aber der schwarze Mann, sagen die Amerikaner, ist eine Bedrohung. also müssen wir ihn unten halten: zum Beispiel, indem wir ihm keine adäquate Erziehung gehen. Die schwarze Frau ist ein Sexualobjekt, also keine Gefahr. Das ist es, worüber auch afroamerikanische Regisseure wie Lee oder Singleton sprechen: der Mangel an Anerkennung, an Möglichkeiten, sich zu entfalten. Das ist für homosexuelle Schwarze ganz besonders schlimm. Sie stehen nicht nur unter dem Druck der Gesellschaft außerhalb, sondern es gibt auch eine starke Homophobie innerhalb der schwarzen Kultur.

Aber auch homosexuelle Kreise lehnen doch gerade diese Art von „Schwulsein“ ab, wie sie von den Leuten in Ihrem Film praktiziert wird.
Ja. Die Leute in den schwulen „Communities“ waren nicht erfreut, als „drag queens“ dargestellt zu werden, weil das ein Stereotyp sei. Es war sehr schwer, ihnen zu erklären, daß es sich durchaus nicht nur um „drag queens“ handelte. Jetzt, nachdem der Film fertig ist, schaut das anders aus. Ein großer Teil des Publikums, das sich den Film anschaut, sind natürlich Schwule. Aber diese Organisationen haben die Herstellung des Films nicht unterstützt.

War es schwierig für Sie als Filmemacherin, Zugang zu dieser Männergesellschaft zu finden?
Ich glaube, Frauen sind sogar noch schlechter dran als schwarze Männer, was das Filmemachen betrifft. Es sind subtile Vorurteile. die einem da entgegenschlagen. nicht so, daß jemand sagt: „Hey, du bist eine Frau. du kannst keinen Film machen.“ Und das ist auch eines der Themen in meinem Film: die Unterdrückung, die man durch die Tatsache erfährt, daß man einem bestimmten Geschlecht angehört, diese Geschlechterrollen, die nicht zuletzt durch die Medien geprägt werden. Mein Film versucht, dagegen anzugehen. Das Geschlecht ist nur eine Konstruktion.

Ist es nicht umso seltsamer, daß die Leute auf diesen Bällen versuchen, genau diese Geschlechterrollen perfekt zu erfüllen?
Das finde ich nicht. Wir kritisieren das, weil wir es haben können. Wenn man aus der Mittelschicht stammt, kann man leicht sagen: „Ich will kein Arzt sein, ich will kein Anwalt sein“, das ist nichts Besonderes. Wenn man aber, so wie diese Leute in unserem Film, in den Medien völlig unterrepräsentiert ist, dann sehnt man sich danach, so zu sein wie ein Mannequin, ein Model. Man will einfach auch in diesen Magazinen, in diesen Shows vorkommen.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Realness“?“
Realness“ heißt nicht nur, daß man etwas perfekt darstellt, es hat für mich noch eine andere Bedeutung: In einer Medienkultur wie der unseren macht uns erst die Tatsache, in den Medien zu sein oder Leute wie man selbst in den Medien zu sehen, „echt“. Es ist fast so, als glaubten wir, daß berühmte Leute „echter“ seien, einfach, weil sie in den Medien vorkommen. Wenn man also keine schwarzen oder schwulen Leute in den Medien sieht, dann hat man das Gefühl, nicht „real“ zu sein. Ich glaube, die Bälle versuchen dagegen anzugehen. Wenn man sich „berühmt“ fühlt, glaubt man auch, „realer“ zu sein.

Wie sehen Sie den politischen Aspekt dieses Phänomens? Diese Schwarzen sind ja dennoch keine „Gefahr“ für das weiße Amerika, sie versuchen nicht, die Gesellschaft zu ändern.
Nein, das nicht. Aber, wie gesagt, das Revolutionäre ist, sich gegen diese Unterdrückung zu wehren. Ich glaube, die Gesellschaft ist bestrebt, Schwarze zu vernichten. Wenn nun so eine Gruppe sagt: Nein, wir lassen uns nicht zerstören, wir tun etwas, wir werden überleben, dann ist das für mich revolutionär, eine Herausforderung an das System. Es ist eine Möglichkeit zu überleben. Sie müssen bedenken, schwarze Männer in Harlem haben die höchste Todesrate von allen demographischen Gruppen innerhalb der USA, vielleicht auf der ganzen Welt. Und das Publikum soll wissen, daß diese Dinge passieren und wie wichtig es für diese Gruppe ist, zu überleben. Dabei haben wir nichts über AIDS gesagt. Der Grund dafür ist, daß diese Leute eine ganz andere Einstellung zu AIDS haben als wir Weißen. Die haben nicht vor, achtzig oder neunzig zu werden. Sie sagen sich: Wenn AIDS mich nicht erwischt, dann erwischt mich wahrscheinlich irgendwann eine Kugel. Es ist nur eines von vielen Risiken in Harlem.

Gab es Zwischenfälle, während Sie dort drehten?
Ja. es gab einmal eine Schießerei, als wir gerade bei Dorians Haus drehten, irgendeine Drogensache. Wir gingen erschrocken in unserem Bus in Deckung, aber Dorian sagte nur: „Gunfight at the O.K.-Corral.“ Für ihn war das normal. So ist New York.

Wie reagierten die Leute. als Sie ihnen sagten. daß Sie einen Film über sie machen würden?
Ich lernte die Leute schon auf dieser Basis kennen, als Filmemacherin. Ein paar von ihnen wollten nicht mitmachen, das verstehe ich auch. Ich würde es mir auch gut überlegen, bevor ich mich von jemandem filmen ließe, aber die meisten waren einverstanden. Es ist nur nicht üblich, daß Leute von außen kommen und sie zu irgend etwas befragen. Kein Mensch fragt schwarze Schwule: „Was halten Sie vom Golfkrieg'?“, also waren sie wohl froh, einfach einmal etwas zu sagen zu haben.

Der Film hat ja bis jetzt allein in den USA über vier Millionen Dollar eingespielt. Ein Erfolg, der umso erstaunlicher ist, wenn man die finanziellen Schwierigkeiten bedenkt, die Sie während der Dreharbeiten hatten.
Ja. allerdings. Wir mußten immer wieder andere Jobs annehmen und um Geld für den Film betteln, immer wieder dazwischen aufhören. Ironischerweise kam das Geld, mit dem wir den Film dann fertigstellen konnten, aus Großbritannien, von der BBC. Dazu kommt die Rechtslastigkeit in den USA, die derzeit herrscht. Leute wie Jessie Helms, die versuchen, solche Projekte überhaupt zu unterbinden und die sagen: Wie kann die Regierung das hartverdiente Geld der Steuerzahler verwenden, um homosexuelle Filme zu unterstützen?

Aber auf der anderen Seite gab es doch auch Leute wie etwa Madonna, die Sie unterstützt haben?
Ja, Madonna war sehr nett. Sie hat uns zwar kein Geld gegeben, aber sie hat uns telegraphisch gratuliert und kam zu unserer Eröffnungsparty in Los Angeles. Einige der Leute beschäftigte sie dann bei ihren Videos zu „Vogue“ und zu „Justify My Love“.

Das ist doch auch ein seltsames Phänomen, daß auf der anderen Seite die Weißen sofort versuchen, wie am Beispiel des „Vogueing“ ersichtlich, solche Dinge für sich zu reklamieren?
Es ist irgendwie ironisch. Zuerst imitieren die Leute auf den Bällen den Mainstream, und dann kommt es genau umgekehrt. Das ist diese Art kultureller Mixtur, die in Amerika herrscht. So, als lebe man in einem Spiegelkabinett.

Der Text erschien im Falter 51/91 (Dezember 1991).

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