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PorträtsJohn GrishamApril 2004

Im Namen des Volkes

Ein Mann hat Erfolg: John Grisham. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass seine Bücher nicht nur verfilmt werden, sondern im Zuge dessen auch ein anderes Thema erhalten – so wie in Gary Fleders „The Runaway Jury“.

John Cusack
John CusackFoto: 20th Century Fox

Alles hat, wie wir wissen, neuerdings mit Michael Moore zu tun. Seit er in Bowling for Columbine die Waffenverrücktheit der US-Amerikaner bloßstellte und sogar dem dummen alten Charlton Heston ans Bein pinkelte, ist die Waffenlobby zum Abschuss freigegeben – vor allem bei jenen, die immer schon gegen die Waffenlobby waren. Hollywood hat die Botschaft vernommen. In John Grishams Roman The Runaway Jury (Das Urteil, 1996) ging es um die Millionenklage einer Raucher-Witwe, um einen fiktiven Sensationsprozess, der der bösen Tabakindustrie den Garaus machen soll, so wie es in The Rainmaker (Der Regenmacher, 1995) einem Versicherungskonzern an den Kragen ging, weil er sich weigerte, einem jungen Leukämiekranken die Knochenmarkstransplantation zu zahlen. Doch in der Verfilmung von Gary Fleder ist das anders: Ein Börsenbroker wird in seinem Büro von einem bewaffneten Amokläufer, einem frustrierten ehemaligen Angestellten, niedergemäht. Die Witwe fordert Schmerzensgeld vom Waffenhersteller.

Schießen statt rauchen

Offiziell hat man das Sujet wegen Michael Manns Film Insider geändert, der sich exzessiv dem Rauchen gewidmet hatte. Das ist natürlich Quatsch. Die Tabakindustrie agitiert mehr oder weniger offen in Hollywood und zahlt für ihr Product Placement vermutlich teures Geld (man denke an Julia Roberts’ geradezu unglaublichen Marlboro-„Werbespot“ in My Best Friend’s Wedding). Dass das bei den US-Gesundheitsaposteln durchgeht und dass die Waffenindustrie gerade in der Ära Bush von Hollywood gebasht wird wie noch nie, ist, nun ja, erstaunlich. Nebenbei: In Grisham-Verfilmungen rauchen die Leute generell wie die Schlote.

„Ich hasse Baptisten fast genauso, wie ich Demokraten hasse“, sagt Rankin Fitch (Gene Hackman), jener Mann, den der Waffenkonzern für eine irrwitzige Summe engagiert hat, um seine Felle zu retten: nicht als Verteidiger (das erledigt ein blässlicher Anwalt), sondern als Mann, der die Fäden zieht – vor allem bei der Auswahl der Juroren in diesem delikaten Prozess. Der Satz ist ein Insider-Joke, denn John Grisham ist streng gläubiger Baptist – und Demokrat sowieso, ebenso wie die Hauptdarsteller des Films, Gene Hackman, Dustin Hoffman und John Cusack. Gemeinsam träumen sie hier einen alten amerikanischen Traum: and justice for all. Das ist ein wenig utopisch, aber gerade darauf beruht der gigantische Erfolg John Grishams, der ja keineswegs auf die USA beschränkt ist.

Geboren am 8. Februar 1955 in Jonesboro, Arkansas, studierte Grisham Recht an der Mississippi State University in Starkville. 1981 schloss er sein Studium ab, begann als Anwalt zu arbeiten und engagierte sich in politischen und sozialen Fragen. 1983 wurde er ins Repräsentantenhaus entsandt. Nebenbei schrieb er an zwei Romanen, die nicht fertiggestellt wurden. Sein drittes Buch, A Time to Kill (Die Jury, 1986), fand zwar einen Verlag, aber kaum Absatz. 1990 jedoch gelang ihm mit TheFirm ein internationaler Bestseller – der Rest ist Geschichte. Paramount erkannte das Leinwandpotenzial des Buches und blätterte (zu jener Zeit stolze) 600.000 Dollar auf den Tisch. A Time to Kill wurde neu aufgelegt. In regelmäßigen Abständen folgte Bestseller um Bestseller, The Pelican Brief (Die Akte), The Client, The Chamber, The Rainmaker, The Runaway Jury, The Partner, usw., alle höchst einfach und effizient betitelt. The Client (1993) markiert insofern einen Einschnitt, als Grisham hier ganz offensichtlich begann, seine Bücher gleich „filmisch“ zu schreiben, geradezu „Einstellung für Einstellung“ und quasi schon vorkadriert. Die Strategie hatte Erfolg, Hollywood rannte und rennt ihm die Tür ein. Mit Runaway Jury stehen sieben – sehr erfolgreiche – Verfilmungen seiner Romane zu Buche, dazu einige Fernsehfilme und zwei Serien, die auf The Client bzw. auf The Street Lawyer basieren. Eine weite Verfilmung (des „untypischen“ Skipping Christmas) ist in Vorbereitung, und nicht zuletzt gibt es zwei Filme, zu denen Grisham die Story (The Gingerbread Man) bzw. das Drehbuch (Mickey) verfasst hat.

Auf die Leinwand

Ernsthafte Routiniers (Sydney Pollack, Alan J. Pakula, Joel Schumacher, James Foley) und geniale Einzelgänger (Francis Ford Coppola, Robert Altman) nahmen sich der Grisham-Stoffe an; Gary Fleder (1995 mit seinem pompös besetzten Debüt Things to Do in Denver When You’re Dead furios gescheitert) ist nun der erste jüngere Filmemacher, der sich an Grisham wagt. In Grisham-Filmen tritt alles auf, was Hollywood zu bieten hat: Gene Hackman (nun schon das dritte Mal), Robert Duvall, Tom Cruise, Kenneth Branagh, Matt Damon, Susan Sarandon, Tommy Lee Jones, Danny DeVito, Donald Sutherland, Kevin Spacey, Jon Voight, Samuel L. Jackson, Tom Berenger, Ed Harris, Holly Hunter, Sandra Bullock, Julia Roberts usw. Der Grund liegt auf der Hand: Solche saftigen Rollen, solche Leinwandpräsenz, solche starken Momente bekommt man auch als Star nicht oft. Grishams geschliffene Dialoge und Oneliner machen sich auch auf der Leinwand prächtig. Seine Sprache ist erstaunlich drastisch und realistisch. Grisham schreibt keine Doubletten, auch wenn man das bei oberflächlicher Betrachtung meinen könnte. Alle seine Romane haben jeweils den gewissen Kick, der sie, selbst wenn sie von einer ähnlichen Grundsituation ausgehen (wie etwa The Rainmaker und The Runaway Jury) in völlig verschiedene Richtungen treibt.

Grishams Bücher und die Filme sind topografisch sehr akkurat, der Wiedererkennungswert ist hoch; Leser und Zuschauer fühlen sich heimisch – selbst, wenn sie am anderen Ende der Welt leben. So vertraut macht Grisham einem den amerikanischen Süden, Städte wie New Orleans, Memphis, Tennessee (es gibt im Rainmaker und im Client identische Schauplätze) oder Savannah, Georgia (The Gingerbread Man); die geografischen und klimatischen Besonderheiten (wie der sich ankündigende Wirbelsturm in The Gingerbread Man) werden zu maximalem Effekt genutzt.

Der Kern des Grishamschen Universums – und der Hauptgrund für seinen Erfolg – ist wohl die Tatsache, dass Gut und Böse in den allermeisten Fällen leicht erkennbar sind. Ambivalente Figuren sind selten, was nicht heißt, dass die Charaktere eindimensional bleiben. Fast immer geht es um einfache BürgerInnen, die buchstäblich in die Mühlen der Justiz geraten (prototypisch in The Rainmaker), in eine anonyme, seelenlose Maschine. So sehr Grisham andeutet, dass es mit der amerikanischen Justiz möglicherweise nicht zum Besten bestellt ist (auch und gerade in The Runaway Jury), dass geschachert und gedealt wird, dass unzulässige Methoden angewendet werden, so sehr ist am Ende doch alles wieder – zumindest einigermaßen – im Lot. Trotz der recht deftigen Sprache („What’s the difference between a lawyer and a hooker? A hooker’ll stop screwing you when you’re dead“) ist es eine recht „saubere“ Welt, die Grisham vor seinen LeserInnen ausbreitet. Sex wird sparsam, wenn überhaupt eingesetzt, stattdessen gibt es starke Sympathien und bedeutungsvolle Blicke zwischen Mann und Frau (Tommy Lee Jones und Susan Sarandon in The Client; Denzel Washington und Julia Roberts in The Pelican Brief – er schläft aber brav auf der Couch). Kenneth Branagh kommt durch sein Sex-Abenteuer in des Teufels Küche (The Gingerbread Man).

Grisham behelligt seine Klientel nicht mit Scheußlichkeiten wie seine Kollegen aus den Großstadtmolochen Los Angeles (James Ellroy) oder New York (Andrew Vachss) – kein Wort von Serienkillern, Blutbädern, Kinderpornografie oder Ritualmorden. Alles bleibt im Rahmen, überschaubar, die Täter sind entweder schon dingfest gemacht oder bleiben brav in der Stadt – eine Art High-Class-Variante von Derrick oder Der Alte. Seine Fähigkeit, die Leute zu packen und sie „das Buch nicht mehr aus der Hand legen“ zu lassen (wie abertausende Kommentare im Internet bestätigen), kombiniert mit einer plastischen Schilderung durchaus komplexer juristischer, politischer und sozialer Anliegen (Grisham unterstützt aktiv, nicht bloß als Spender, Sozialprojekte in Brasilien) machen ihn, der Erfolg seiner Bücher beweist es, zu einer Art Volksanwalt.

John Grisham
John GrishamFoto: Archivi Mondadori, CC BY-SA 4.0

Das Urteil

Es ist ein arg strapaziertes Klischee, dass Bücher immer besser sind als ihre Verfilmungen – aber auch im Falle Grishams hat es seine Berechtigung. Die beste Adaption ist zweifellos Coppolas Rainmaker; allein in der eklektischen Besetzung mit Matt Damon und Danny DeVito als dessen seltsamem Sidekick, mit einem virtuos-entspannten Mickey Rourke und einem fulminanten Jon Voight als Scheusal und feinen Klein-Auftritten von Danny Glover, Roy Scheider und Dean Stockwell erlaubt sich Coppola einen Hauch von Wahnwitz, der dem monströsen Thema angemessen ist und der anderen Verfilmungen fehlt. Sydney Pollacks The Firm (1993) leidet am notorischen Nicht-Charisma von Tom Cruise, der von Gene Hackman als bösem Firmenpartner und Ed Harris als knallhartem FBI-Agenten so gnadenlos an die Wand gespielt wird, dass er einem fast leid tun kann. Ähnliches widerfuhr Alan J. Pakula bei The Pelican Brief (1993) mit Julia Roberts als völlig fehlbesetzter „Jusstudentin“, deren Tantenhaftigkeit in krassem Gegensatz zur souveränen Nonchalance von Denzel Washington steht. Zudem hat Pakula selbst den Roman enttäuschend plakativ für die Leinwand adaptiert – die komplexen politischen Zusammenhänge, die die Vorlage entwickelte, bleiben im Film diffus. Joel Schumacher verfilmte gleich zwei Grishams, The Client und A Time to Kill, und hielt sich wacker, wenn man bedenkt, dass vor allem The Client eins der schwächeren Bücher des Autors ist. Brad Renfro als elfjährige Nervensäge hat Macaulay-Culkin-Format. James Foleys The Chamber menschelt gewaltig, mehr, als es Grisham-Bücher und -Filme gemeinhin tun: auch Chris O’Donnell ist Gene Hackman nicht wirklich gewachsen. Bleibt Robert Altmans Gingerbread Man, in dem Rick Magruder (Kenneth Branagh) zwar Anwalt ist, aber alles außerhalb des Gerichtssaales spielt. Er verstrickt sich in eine unerquickliche Affäre mit einer Frau, deren Vater (Robert Duvall) sie scheinbar terrorisiert. Magruder ist sicherlich einer der interessantesten Grisham-„Helden“, weil sein Leben unter der Bedrohung völlig aus den Fugen gerät und er in einem Meer aus Blut, Schweiß und Regen fast unterzugehen droht.

Runaway Jury – um es vorwegzunehmen – ist gelungen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Geschichte sehr, sehr gut ist, zum anderen an den grandiosen Schauspielern. Neben Cusack, Hackman und Hoffman brilliert auch Rachel Weisz. Es geht zunächst weniger um den Prozess gegen den Waffenkonzern, -sondern darum, wie eine Jury zusammengestellt wird und wie eigens angeheuerte „Jury Consultants“ versuchen, die „richtigen“ Juroren auszuwählen. Der Film zeigt dies in Momentaufnahmen aus den War Rooms der Staatsanwaltschaft bzw. der Verteidigung und in deren strategischen Spielen während des Auswahlverfahrens. Der Kick, der die Geschichte ins Rollen bringt, ist, dass einer der Juroren, Nick Easter (Cusack), den beide Seiten zuerst für eher unbedeutend halten, ein ganz anderes Spiel spielt: Er signalisiert den großen Tieren Finch (Hackman) und Wendell Rohr (Hoffman) schon bald, dass er in der Lage sei, seine JurykollegInnen zu jedem beliebigen Urteil zu bewegen bzw. zu manipulieren. Von staunendem Unglauben bis hin zum blanken Entsetzen, von sanfter Überredung bis zum Einsatz brachialer Mittel reicht die Palette der Reaktionen; vor allem Finch („Trials are too important to be left to juries“) versucht, Easters Pläne zu durchkreuzen bzw. den jungen Mann für sich zu gewinnen, der tatkräftige Unterstützung von seiner Freundin Marlee erhält. Das ist höllisch spannend, auch wenn man sich denken kann, wie das enden wird. In John Cusack, dem „entspanntesten und natürlichsten Schauspieler seit Robert Mitchum“ (Roger Ebert), findet sogar Gene Hackman einen ebenbürtigen Partner; und die virtuose (einzige) Szene, in der Hackman und Hoffman direkt miteinander sprechen (auf dem Männerklo) hat filmhistorische Dimensionen: Zum ersten Mal spielen die beiden Schauspiel-Giganten in einem Film, obwohl sie einander seit mehr als 40 Jahren kennen. Hoffman als fast anachronistischer Südstaaten-Aristo gegen den Yankee-Grobian Hackman, das allein ist sehenswert. Gary Fleder lässt das Geschehen angemessen schwungvoll abrollen – die eine oder andere Zusammenkunft der Geschworenen hätte man vielleicht einsparen können; dem Gerichtssaal als Ort und als filmischem Topos gewinnt er kaum neue Facetten ab. Wie denn auch? Dort scheint seit 1957, seit Klassikern wie Billy Wilders Witness for the Prosecution oder Sidney Lumets Twelve Angry Men die Zeit still zu stehen. Einzig die Richter sind heute allesamt Afroamerikaner: streng, aber gerecht.

Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) im April 2004.

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