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PorträtsAbel FerraraMai 1993

Im Zeichen des Kreuzes

Mit seinem Film „Bad Lieutenant“ hat der US-Regisseur Abel Ferrara seinen Ruf als einer der bemerkenswertesten Filmemacher der Gegenwart endgültig bestätigt. Ein Portrait samt Interview.

Abel Ferrara
Abel FerraraFoto: Viennale

Schon die Titel seiner Filme sind sehr vielsagend: Driller Killer, Ms. 45 (auch Angel of Vengeance), Fear City oder – ganz neu – Body Snatchers. Abel Ferrara, 1951 in der New Yorker Bronx geboren, italienisch-irischer Abstammung, macht pures physisches Kino und hat sich damit in den letzten Jahren – zumindest in Fan-Kreisen – eine enorme Reputation erworben. Die hehren Tempel der Filmkunst waren ihm aber verschlossen, ehe er im Vorjahr mit einem sensationellen Film auch die Gralshüter der kinematographischen Ehrbarkeit überzeugte. Bad Lieutenant lief beim Festival in Cannes zwar nicht im Hauptwettbewerb, aber doch in einer der renommierten Nebenreihen. Bad Lieutenant ist ein Film, der sich nur mit wenigem von dem vergleichen läßt, was in den letzten Jahren den unerschöpflichen Output des amerikanischen Kinos, auch des vielgerühmten Independent Cinema, ausmachte. Viele Kritiker fühlten sich, nicht zu Unrecht, an Scorseses frühe Filme erinnert, ansonsten reicht der Brückenschlag immer gleich nach Europa, hin zu Bergman und seinen Dramen über Schuld und Erlösung, und vor allem zum 1975 ermordeten „Ketzer“ des europäischen Films, Pier Paolo Pasolini. Spricht man mit dem eher scheuen, wortkargen Ferrara, der „Publicity-Rummel haßt wie die Pest“, dann lebt er beim Thema Pasolini auf, wenngleich er einschränkt: „Das sind Schuhe, in die man erst einmal hineinpassen muß.“

Rache

Ferrara begann bereits an der High School, Super-8-Filme zu drehen, gemeinsam mit seinem Freund Nicholas St. John, der bis heute an fast allen seinen Filmen als Drehbuchautor beteiligt war. Schon Ferraras Debüt, der Low-Budget-Film Driller Killer (1979), sorgte für Aufsehen: Ein New Yorker Künstler (Ferrara spielt ihn unter einem Pseudonym selbst), der zunehmend dem Wahnsinn verfällt, geht mit der Bohrmaschine gegen seine Umwelt (unter anderem gegen eine New-Wave-Band, die ins Nachbar-Apartment zieht) vor. In England wurde der Film verboten. Ähnlich spektakulär war Ferraras zweiter Film, der heute fast schon in den Rang einer Legende erhobene Thriller Ms. 45 (sprich: Miss). Der Titel bezieht sich auf die großkalibrige Waffe, die eine junge, taubstumme Näherin zur Hand nimmt, als sie eines Tages kurz hintereinander zweimal vergewaltigt wird. Sie beginnt einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die Männerwelt, verkleidet unter anderem als Nonne mit Strapsen. Während die einen in dem Film eine besonders abgefeimte Männerphantasie gesehen haben wollten, verliehen ihm andere das Prädikat „feministischer Rache-Thriller“. Ferrara: „Mit dem Wort ‚feministisch‚ habe ich so meine Probleme; sagen wir, es geht um eine sehr starke Frau.“ Das lag vor allem an Zoe Tamerlis Lund, die nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern auch das Drehbuch verfaßt hatte. „Sie ist so. Wenn man sie mit der Waffe in der Hand auf der Leinwand sieht, dann ist das ihr Statement über eine starke, intelligente Frau.“

Melancholie

Nach Ms. 45 wurde Ferrara für den Mainstream entdeckt. Fear City (1984) allerdings war ein weniger geglückter Thriller, der auch dezidierten Fans als für den Videomarkt produziertes Star-Vehikel (Melanie Griffith, Tom Berenger) erschien. In dieser Zeit arbeitete Ferrara auch für das Fernsehen und drehte unter anderem zwei Episoden der populären Serie „Miami Vice“. Mit China Girl (1987) kehrte Ferrara zu „seinem“ Metier zurück. Die Liebesgeschichte zwischen einem jungen Italoamerikaner und einer Chinesin, angesiedelt in New York an der Canal Street, der Grenze zwischen Little Italy und Chinatown, ist zwar auf den ersten Blick eine sehr formelhafte, mit tausendfach erprobten Genre-Bestandteilen jonglierende Stilübung, bringt jedoch eine neue, sehr wichtige Komponente in Ferraras Arbeit: die Melancholie. Wie die beiden Liebenden durch ihr unerhörtes, die Tabus ihres sozialen und ethnischen Umfeld brechendes Verhalten (siehe „West Side Story“) dem sicheren Tod entgegengehen, tun dies auch die „Helden“ in Ferraras bislang prononciertesten und reifsten Filmen King of New York (1990) und Bad Lieutenant. Der „King“ ist der maß- und zügellose Gangsterboß Frank White (Christopher Walken), der – eben erst aus dem Gefängnis entlassen – die Herrschaft in den Straßen wieder an sich reißt. Unterstützt von einer ihm bedingungslos ergebenen Gang und alles andere als wählerisch in seinen Mitteln, ist er rasch auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt, die er unter anderem dazu nützt, ein von finanziellen Schwierigkeiten bedrohtes Kinderkrankenhaus zu retten. Dieser sentimentale Zug, der in der Konfrontation mit seinem einzigen ebenbürtigen Gegner, einem alternden Polizisten, noch viel deutlicher zutage tritt, kostet ihn schließlich das Leben: Der „King of New York“ stirbt einsam in einem Taxi, eingekeilt im alltäglichen Verkehrschaos auf dem Times Square, umstellt von hunderten Polizisten, denen doch nichts mehr zu tun bleibt.

Gesetz

Mit Ausnahme vielleicht von Scorseses GoodFellas ist King of New York der einzig relevante Gangsterfilm der letzten Jahre, eben weil er sich strikt und ohne die besserwisserische Ironie des postmodernen Hollywood an die Regeln des Genres hält, ja sie geradezu zu illustrieren scheint: Wenn sich der Gangster seiner Gefühle bewußt wird und ihnen nachgibt, dann ist er verloren, und er weiß das auch. Das ist schon in Howard Hawks‘ Scarface von 1932 so, ebenso wie in Raoul Walshs White Heat (1949) oder den Filmen Jean-Pierre Melvilles. der im übrigen besonderen Wert auf die Ähnlichkeit zwischen Gangstern und Polizisten legte: „Die Gauner haben immer Sympathie für die Polizisten. und die Polizisten haben immer Sympathie für die Gauner. Sie üben dasselbe Gewerbe aus. Die einen existieren nur in Bezug auf die anderen.“ Das sind eherne filmische Gesetze , die – so obsolet und „lächerlich“ sie erscheinen mögen – nach wie vor die größte Wirkung entfalten.

Harvey Keitel
Harvey KeitelFoto: Arthaus

Ferrara macht kein Hehl daraus, daß er an diese Gesetze glaubt. Der „King“ und der „Bad Lieutenant“. sind für ihn zwei ähnliche „sad motherfuckers“. Doch während er King of New York als „Märchenversion“ bezeichnet, die sich auch in der extrem gestylten optischen Umsetzung (Kamera: Bojan Bazelli) manifestiert, sieht er in Bad Lieutenant „the real stuff“. Es ist kein Wunder, daß Ferrara für diesen Film auf den Kameramann seines rauhen Erstlings Driller Killer, Ken Kelsch, zurückgreift, es ist auch kein Wunder, daß er für diese einzigartige Rolle einen Mann verpflichtete, der wie kaum ein anderer in der Lage ist, extreme Charaktere darzustellen: Harvey Keitel. „Ich weiß nicht, ob ich den Film ohne Harvey gedreht hätte. Es gibt Schauspieler, die machen einen Film; Harvey ist einer von ihnen.“

Schuld

Dieser namenlose Lieutenant der New Yorker Drogenfahndung stellt alles in den Schatten, was man bisher an „zynischen“, „desillusionierten“ Cops auf der Leinwand gesehen hat. Er ist drogenabhängig, korrupt und schwer verschuldet. Er stiehlt Drogen. die er als Beweismittel einbehalten sollte und verkauft sie an Dealer weiter, behält gestohlenes Geld für sich und versucht, mit Hilfe absurder Wetten auf eine Baseball-Mannschaft seinem finanziellen Schlamassel zu entkommen. Er belästigt junge Autofahrerinnen, zwingt sie zu obszönen Handlungen und lebt in einem kontinuierlichen, durch exzessiven Alkohol, Crack und Heroinkonsum hervorgerufenen Delirium. Als eines Tages eine junge Nonne von zwei Burschen aus der Umgebung in der Kirche brutal vergewaltigt wird, nimmt sein Leben eine drastische Wendung. Hinter der kaputten Fassade wird ein gequältes, gedemütigtes Individuum sichtbar. Der Lieutenant muß zur Kenntnis nehmen, daß die Nonne nicht bereit ist, die Namen der beiden Jungen preiszugeben, ja, ihnen verziehen hat. In einer qualvollen Sequenz erscheint ihm Christus, und der gepeinigte Polizist bittet, auf allen Vieren kriechend, winselnd und heulend, um Vergebung. Nachdem er die beiden Burschen ausgeforscht und in einen Bus gesetzt hat, der sie aus New York bringen soll, ihnen sogar das Geld mitgegeben hat, mit dem er seine Wettschulden bezahlen wollte, ist der „Bad Lieutenant“ bereit für seine „Erlösung“.

„Schuld ist: unterscheiden zu können, was richtig und was falsch ist, es zu erkennen, und es trotzdem nicht zu beherzigen. Nur Leute, die sich darum nicht scheren, fühlen auch keine Schuld“. Sagt der Regisseur. „Das Leben ist Gottes Geschenk, der Lieutenant weiß das, und er weiß, daß er alles falsch macht. Das ist das Problem: Man maßt sich an, Gott zu sein, indem man glaubt, man sei wichtiger als alle anderen, und in Wirklichkeit weiß man, daß man alles falsch gemacht hat.“

Erlösung

Bad Lieutenant ist auch von seiner Form her ein ungewöhnlicher Film. Was wie ein konventioneller Polizistenfilm beginnt (der Lieutenant bringt seine Kinder zur Schule), bricht radikal ab, zerfällt, beginnt neu, zerfasert wieder, bewegt sich, gleich seinem Protagonisten, beharrlich dem Ende zu, wie der Lieutenant selbst. „Das hängt sehr stark mit der Figur zusammen“, meint Ferrara, „es gibt keine eigentliche Geschichte“. Der Film deliriert, irrlichtert hin bis zur schockierenden, in grelles Rot getauchten Vergewaltigungsszene, die man ebenso gut zunächst für eine Horror-Drogenvision des Protagonisten halten könnte.

Es ist, als wolle das Rotlicht die Schamlosigkeit der Szene vertuschen (oder unterstreichen?), eine Schamlosigkeit, die sich wenig später noch steigert. als der Polizist die medizinische Untersuchung der Nonne im Spital benützt, um seiner voyeuristischen Leidenschaft zu frönen. „Das zeigt, in welchem Zustand der Mann ist; da kann es so etwas wie ‚normale’ Sexualität nicht geben. Er hat das Bedürfnis, Leute zu demütigen, zu degradieren, notfalls mit der Waffe in der Hand.“

Dennoch sind es – neben der schier unglaublichen darstellerischen Tour de Force Harvey Keitels („er und Walken, was für Schauspieler!“) – die eher ruhigen Szenen nach der Läuterung des Lieutenants, die am meisten beeindrucken. Wie der King of New York stirbt der „böse Lieutenant“ still. Er stirbt (ausgerechnet!) vor der Vergnügungs-Burg des Donald Trump, ein Plakat verkündet „lt All Happens Here“; das ist schon fast ein bißchen zuviel der Ironie, wenn auch konsequent. ,,Take this“, ruft eine Stimme, dann fällt ein Schuß, und der Lieutenant nimmt es (hin), so wie sich Christopher Walken in „King of New York“ dem Tod ergeben hat. Abel Ferrara ist nicht sicher, daß „der Tod wirklich die Erlösung ist. Es kommt darauf an. wie man sein Leben gelebt hat. Es ist gut möglich, daß nachher alles noch schlimmer wird.“

Golgotha

Die Trump Plaza als Golgatha, das ist sicherlich der bisherige Höhepunkt im Schaffen des Abel Ferrara. Nicht zu Unrecht haben viele internationale Kritiker die drogenumwölkte Reise des New Yorker Cops in den Tod mit dem Kreuzweg verglichen. Das Kreuz ist allgegenwärtig, schon in der Eröffnungssequenz In Keitels Auto, in der es vom Rückspiegel baumelt, in einer „Jesus Christ Pose“ (so ein Songtitel von Soundgarden) Keitels im Drogenrausch, als er nackt vor der Kamera tanzt, und natürlich in den Szenen in der Kirche. Nicht zuletzt wird die Nonne mit einem Kreuz geschändet. Spätestens hier hätte die amerikanische Filmbewertungsbehörde zugeschlagen, hätte Ferrara ihr den Film vorgelegt. Ein X (ein Kreuz) wäre dem Film sicher gewesen, aber Ferrara kümmert sich „null um die Zensur. Ich sagte von Anfang an, ich würde einen XXX-Film machen. Das rating system ist absurd.“ Mittlerweile haben sich – Bad Lieutenant kommt mit der branchenüblichen Verspätung in unsere Kinos – die Dinge für Abel Ferrara weiterentwickelt. Sein neuer Film Body Snatchers, das zweite Remake des Horror/ Science-Fiction-Klassikers von Don Siegel (1956), wird in den nächsten Tagen bei den Filmfestspielen in Cannes im Wettbewerb laufen. Madonna produziert als ersten Film ihrer Firma Maverick Picture Ferraras (gemeinsam mit Nicholas St. John geschriebenen) Film Snake Eyes (wieder mit Harvey Keitel), und schließlich steht sein wohl größter Coup an: Screamers, die Verfilmung einer Geschichte von Philip K. Dick (Blade Runner, Total Recall). Das Drehbuch stammt von Dan O’Bannon (Alien). für die Hauptrollen sind Peter Weller (Robocop), Lance Henriksen und Joan Chen vorgesehen. Bis es soweit ist, sollte man sich auf jeden Fall an den großartigen Bad Lieutenant halten.

Der Text erschien anlässlich des KInostarts im Falter 19/93 (Mai 1993).

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