Jenseits von Acapulco
Nur höchst selten verirren sich mexikanische Filme nach Österreich. Jetzt kommen mit Alfonso Cuaróns Y tu mamá también und Alejandro González Iñárritus Amores perros gleich zwei äußerst bemerkenswerte Arbeiten in die Kinos.

Mexico, Mexico,
They’ve got muchas muchachas, amigo!
Lots of peaches an the beaches,
Never saw such adorable creatures.
Smell that sea air, see the sights there.
Well live it up and love it up amigo,
Life begins when you're in Mexico.
= Elvis Presley, „Mexico“, aus dem Film Fun in Acapulco, 1963
Es gibt wohl kaum ein anderes Land unter der Sonne, dessen Bild im Ausland so sehr von hartnäckigen Klischees geprägt wird wie das Mexikos. In unzähligen Liedern und Filmen wurde eine Sicht des Landes zementiert, die mit der Realität so gut wie nichts zu tun hat. Abseits der real existierenden Probleme erscheint Mexiko als Idylle Sonne, Meer und Strand, muchachas und Mariachis, Aztekenschätzen, Sombreros, Tequila und ungetrübter Heiterkeit. Dabei machen Überbevölkerung, Armut, Umweltverschmutzung, politische Willkür und Korruption, Unterdrückung und Auflehnung der Ureinwohner dem Land und seiner Bevölkerung massiv zu schaffen.
Junge mexikanische FilmemacherInnen machen schon seit längerem gegen dieses seltsame Mexiko-Bild mobil. Bislang allerdings schafften es ihre Filme zumeist nur, bei internationalen Festivals gezeigt zu werden. Eine Kinoauswertung erfuhren sie kaum, am ehesten noch im iberischen Raum. Dass das jetzt endlich anders wird, dafür sorgen zwei Filme, die auf den ersten Blick erkennen lassen, dass es sich dabei nicht um Dutzendware für den immer unersättlicher werdenden Festivalzirkus handelt: Alfonso Cuaróns Y tu mamá también (... Mit deiner Mutter auch, 2001) und Alejandro González Iñárritus Amores perros (Love‘s a Bitch, 2000).
Ein ganz normales Mexiko
Cuarón, 1961 in Mexico City geboren und Absolvent der Filmschule der Universidad Nacional de Mexico, debütierte schon 1991 mit der brillanten Aids-Komödie Sólo con tu pareja (Love in the Time of Hysteria), mit der er einen neuen nationalen Box-Office-Rekord aufstellte und sofort die Aufmerksamkeit Hollywoods erregte. Nach der TV-Serie Fallen Angels (1993), bei der unter anderem auch Peter Bogdanovich, Jim McBride, Phil Joanou und Steven Soderbergh Regie führten, war es fast unvermeidlich, dass er seine nächsten Filme in den USA realisierte. A Little Princess (1995) und die Dickens-Adaption Great Expectations (1998), mit Ethan Hawke, Robert De Niro und Gwyneth Paltrow) waren recht erfolgreich, richtig glücklich machten sie Cuarón aber nicht. So kehrte er für Y tu mamá también in seine Heimat zurück, weil er „wieder einmal einen Film in Mexiko machen wollte, in Chilango, dem Slang von Mexico City.“
Tenoch (Diego Luna) und Julio (Gael Garcia Bernal) sind zwei 17-jährige Jungen aus gutem Haus, deren Freundinnen eben nach Europa aufgebrochen sind. Die Burschen überreden, zunächst eher unernst, die elf Jahre ältere Spanierin Luisa (Maribel Verdú), die vernachlässigte Gattin von Tenochs Cousin, zu einer Fahrt ans Meer, zu einem Traumstrand namens Boca del Cielo (Himmelsmund), dessen Existenz sie allerdings nur vermuten. Nach einem eher förmlichen Start tauen die drei Reisenden auf, und es entwickelt sich ein nur scheinbar „typisches“ Roadmovie. Y tu mamá también ist ein ungewöhnlich kühner und faszinierend warmherziger Film. Kühn sind der Spaß und die sexuelle Freizügigkeit in Wort und Tat, die die drei auf ihrer seltsamen Reise an den Tag legen. Nachdem Eifersüchteleien und Unsicherheit überwunden sind, lässt Cuarón für eine kurze Zeit eine ideale Gemeinschaft entstehen, wie sie so unverklemmt und „normal“ nicht oft zu sehen ist. Er verlangt seinen Darstellern einiges ab, was prüde Geister vermutlich schockieren wird, und trotzdem wirkt alles wunderbar leicht und ungezwungen, als sei es von selbst entstanden.
Die wahre Meisterschaft Cuaróns erweist sich jedoch im nahtlosen Übergang zu der Melancholie, die den Film im letzten Drittel überschattet. Zwar finden Luisa, Tenoch und Julio tatsächlich die Boca del Cielo, aber den beiden Jungs wird schmerzlich klar, dass mit dieser Reise ihre Jugend schlagartig zu Ende ist. Zuviel ist passiert (übrigens auch bei ihren Freundinnen in Europa), als dass das sorglose Teenie-Leben ewig so weitergehen könnte. Die Prahlereien, wer es mit wie vielen Frauen getrieben hat (siehe Titel: „mit deiner Mutter auch“), sind plötzlich irrelevant. im Epilog sehen wir die beiden als ernsthafte Studenten wieder., Das Erwachsenendasein hat sie erwischt, und das Reden von der „tollen Zeit damals“ kann die tolle Zeit nicht zurückholen Das alles ist klug, schön und sorgfältig erzählt, ohne jede Rührseligkeit, ohne jeden falschen Ton.
Der Regisseur schrieb das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder Carlos, der schon das Skript zu Sólo con tu pareja verfasst hatte, und holte als Kameramann seinen Freund Emmanuel Lubezki, mit dem er alle seine Filme gedreht hat. Lubezki, auch in den USA erfolgreich (A Little Princess und Tim Burtons Sleepy Hollow, 1999, brachten ihm jeweils Oscar-Nominierungen ein), ist wesentlich beteiligt am Erfolg von Y tu mamá también. Ihm gelingen wunderbare Bilder von der Reise durch Mexiko. Es ist – wie nicht anders zu erwarten – ein völlig „normales“ Mexiko, unverzerrt, nicht schön, nicht hässlich, einfach so, wie es ist.
Ein klarer Blick auf die Welt
Alfonso Cuarón spricht in seinen Überlegungen zu Y tu mamá también von einer „interessanten Periode im mexikanischen Kino: neue Filmemacher, neue Förderungsmöglichkeiten, neue Kinos und ein neues Publikum – ideale Bedingungen für die mexikanische Filmproduktion. Jetzt liegt es an uns, etwas daraus zu machen.“ Etwas daraus gemacht hat auf jeden Fall der 1963 geborene Alejandro González Iñárritu, Musiker, DJ und nunmehr laut dem US-Fachblatt Variety einer der „10 directors to watch“. González Iñárritu gewann 2001 für Amores perros nicht weniger als zehn Ariels, das mexikanische Pendant zum Oscar. BMW verpflichtete ihn – neben Wong Kar-wai, Ang Lee, John Frankenheimer und Guy Ritchie – für eine eigens fürs Internet produzierte fünfteilige Kurzfilmserie; sein Beitrag The Powder Keg gilt allgemein als der gelungenste. González Iñárritu begann mit 26, Musik für Filme zu produzieren und wechselte später zum mexikanischen Rock-Radiosender WFM und in die Werbung.
Der internationale Auftritt von Amores perros, der 2000 beim Festival in Cannes in der Reihe Sémaine de la Critique uraufgeführt wurde und dort den Hauptpreis gewann, begeisterte einhellig die Filmwelt, die sich in Vergleichen mit Short Cuts, Magnolia und Pulp Fiction erging – Vergleiche, die nicht ganz falsch sind, vor allem, was Kühnheit des Entwurfs betrifft. Schon da trifft sich Amores perros mit Y tu mamá también; beide Filme verblüffen durch die Selbstsicherheit, mit dem Regisseure und Drehbuchautoren (im Falle von Amores perros ist es Guillermo Arriaga Jordan) an das Filmemachen herangehen. Und sie teilen einen grandiosen Hauptdarsteller: Gael Garcia Bernal. Der charismatische 24-Jährige trat schon als Kind in mexikanischen TV-Serien auf und drehte seit Amores perros bereits sieben weitere Filme, darunter in Spanien Sin noticias de Dios (No News from God, Regie Agustin Diaz Yanes), in dem er neben Penélope Cruz, Victoria Abril und Fanny Ardant den supercoolen Executive Manager der Hölle spielt.
Bernal ist als Octavio die zentrale Figur in Amores perros: Mit einem Freund befindet er sich im Auto auf rasender Flucht vor einem Widersacher und verursacht einen haarsträubenden Zusammenstoß, der alle anderen Protagonisten des Films ebenfalls in Mitleidenschaft zieht. Im Fonds des Wagens sehen wir einen stark blutenden, verendenden Hund. Von dieser Schlüsselszene ausgehend, rollt González Iñárritu in drei stilistisch und im Tonfall unterschiedlichen Epsioden (siehe Interview) das Geschehen auf, das zu dem Unfall führte, jongliert virtuos die Erzählebenen, greift mal vor, blendet zurück, mit einer beeindruckenden Souveränität. Die Menschen, die an dem Unfall beteiligt sind, sind zwar zufällig am Ort des Geschehens, aber so ganz sind ihre Schicksale nicht voneinander zu trennen, wie González Iñárritu zeigt. Hunde und Liebe (siehe Titel, die englische Übersetzung ist mittelprächtig), Enttäuschung und Verlust spielen eine zentrale Rolle in Amores perros. In der ersten Episode lebt Octavio mit seinem verhassten Bruder Ramiro und dessen Frau Susana zusammen, in die er leidenschaftlich verliebt ist. Sein Plan, mit Susana durchzubrennen, führt ihn dazu, den Hund seines Bruders für illegale Hundekämpfe einzusetzen. Als der Hund mehr und mehr Kämpfe gewinnt, gerät Octavio in ernsthafte Schwierigkeiten mit einem Rivalen, die letztlich auch zu dem katastrophalen Unfall führen.

Die zweite Episode dreht sich um das Supermodel Valeria (Goya Toledo, zuletzt auch in Götz Spielmanns Die Fremde zu sehen), deren Leben und Karriere durch den Unfall praktisch zerstört werden, beispielhaft demonstriert, als ihr geliebtes Schoßhündchen durch den Fußboden ihrer neuen Wohnung bricht und von den darunter hausenden Ratten arg zerzaust wird. Es ist eine symbolträchtige Szene, aberwitzig in ihrer stillen Grausamkeit: Valeria ist an den Rollstuhl gefesselt und kann dem Hündchen nicht helfen. Aber nicht nur der Boden ist brüchig, sondern auch das Fundament ihres Erfolges: Die Schönheit ist dahin, das Riesenplakat, das auf der Hauswand gegenüber sie selbst zeigt, wird bald abgenommen: Die Firma will kein negatives Image riskieren, ein Model, das schwer verletzt ist, taugt zu nichts. Der dritte, vielleicht noch virtuosere Teil erzählt von dem Profikiller El Chivo, der Menschen wegputzt wie lästige Fliegen. Erst als ein dynamischer Businessman seinen Geschäftspartner beseitigen lassen will, kommen ihm Zweifel. Und hinter der Fassade des abgebrühten Killers wird – völlig unpeinlich – ein Mensch sichtbar, der seine eigenen Verletzungen mit sich herumträgt.
Amores perros ist ein gewaltiges Unterfangen, über 140 Minuten lang, minuziös getimt und geschrieben, mit einem unglaublichen Reichtum an interessanten Figuren, die alle auf der Suche sind: nach dem Glück, nach Reichtum, nach Erfolg, nach Vergebung. Höchst unterschiedliche Welten prallen – buchstäblich – aufeinander, unversöhnlich und doch vereint im Schmerz. Die manchmal leise aufkeimende Sentimentalität erstickt González Iñárritu sofort wieder. Schlussendlich stehen sie alle ernüchtert da, enttäuscht, aber mit einem klareren Blick auf die Welt. Darin gleichen sie den beiden Jugendlichen in Y tu mamá también. So unterschiedlich die beiden Filme sein mögen im Milieu, das sie schildern, in der Herangehensweise, in der Erzählform: Am Ende ist man als Zuschauer jeweils ein Stück reicher.
Japón
Ein neues gewaltiges Filmwerk aus Mexiko schickt sich an, die Welt zu erobern: Beim Filmfestival in Rotterdam 2002 feierte Japón (Japan), der erste Langfilm des erst 31-jährigen Carlos Reygadas, seine Weltpremiere und einen Triumph. In 143 Minuten erzählt Reygadas von einem Mann, der von Mexico City in die tiefste Provinz fährt, um Selbstmord zu begehen. Er wohnt bei einer alten Frau, die seine sexuelle Neugier weckt. Entgegen seinen Absichten entdeckt er in dem alles andere als idyllischen Dorf voller übler Rednecks das Leben wieder. Mit Anklängen an Buñuel (ohne diese zu übertreiben) und untermalt von Schostakowitsch, Arvo Pärt und Bach, entspinnt sich eine brillant-hintersinnige Parabel über das Leben und den Tod. Gedreht wurde in einem Verfahren, das ein Freund Reygadas' entwickelte: in 16mm und im Format 1:2,44. Aufgeblasen auf 35mm, ergibt das das korrekte CinemaScope-Format von 1:2,35. Alles sehr erstaunlich. Über die Bedeutung des Titels werden noch allerlei Diskussionen ausbrechen. Ein großer Wurf.
Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) im März 2002.



