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RezensionenFearlessFebruar 1994

Jesus ist mein Freund

Mit seinem neuesten Film „Fearless“ liefert der australische Regisseur Peter Weir einen ungewöhnlichen und überzeugenden Beitrag zum Thema Leben und Sterben. Und zu all dem, was dazwischen ist.

Jeff Bridges, Fearless
Jeff BridgesFoto: Warner Bros.

Peter Weir, wir ahnten es, ist ein Guter. Von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen, kann seine Karriere, die in Australien begann, ehe es ihn – ebenso wie seine minder interessanten Landsleute Fred Schepisi oder Bruce Beresford – nach Hollywood verschlug, als Musterbeispiel dafür gelten, wie man recht intelligente Filme machen und trotzdem Erfolg an den Kinokassen haben kann.

Mit „Fearless“ hat er einen Film vorgelegt, der sich auf ganz seltsame Weise fast verpönten Themen annähert: dem Glauben, der Religion, Todeserfahrungen, Schuld und Erlösung. Weir stützt sich dabei auf ein großartiges Drehbuch (von Rafael Yglesias), die exzellente Arbeit des Musikers Maurice Jarre (der nicht eben alltägliche Stücke von Penderecki, Gorecki und dem Kronos Quartet in den Soundtrack einbaut), des Kameramannes Allen Daviau und der Schauspieler.

Ein Flugzeugabsturz in Kalifornien – die „üblichen“ Bilder des Schreckens: eine in der Mitte entzweigerissene Maschine in einem Maisfeld, Trümmer, Rauch, verzweifelte Menschen, Rettungspersonal, Fernsehreporter. Max Klein (Jeff Bridges), Architekt aus San Francisco, rettet zwei Kinder aus dem Wrack, verschwindet.

Ein Motel irgendwo auf dem Weg nach Lee Angeles. Max Klein duscht. wir sehen eine Wunde am Brustkorb, die in ihrer Form ebenso von einem Lanzenstich stammen könnte. Plump? Später wird Max Klein eine andere Überlebende, Carla Rodrigo (Rosie Perez) besuchen, die er auf ganz andere Weise retten wird – sie macht sich schwere Vorwürfe, weil sie ihr Kind im Flugzeug nicht festgehalten hat. An ihrer Tür ein Aufkleber: Jesus es mi amigo. Plump?

Nein. Etwas anderes ist geschehen: Max Klein, der Flugzeuge haßte, hat während des Absturzes seine Angst verloren. Buchstäblich. Nichts kann ihm mehr etwas anhaben – weder Gott noch seine Erdbeerallergie, weder Autos noch Hochhäuser. Klein wird zum „Übermenschen“, zur Qual für seine Familie, die an seiner Euphorie nicht teilhaben kann. Er ist absolut frei, so frei wie man in dieser Welt gar nicht sein darf.

In Rückblenden sehen wir dann, wie er im Flugzeug die Menschen getröstet hat. Er soll auch gesagt haben: „Kommt, folgt mir ins Licht.“ Ob er es wirklich gesagt hat oder ob die anderen Überlebenden in ihrer Todesangst alle Hoffnungen auf ihn projiziert haben, das findet auch der gutmeinende Psychiater nicht heraus, den die Fluggesellschaft aus Angst vor Millionenklagen den überlebenden zur Seite stellt, um den „posttraumatischen Streß“ bewältigen zu helfen.

Wenn Max hoch über den Straßen von San Francisco auf einem Gesims balanciert oder ohne nach links oder rechts zu schauen eine dicht befahrene Straße überquert, dann ahnt man etwas von den Dimensionen, in denen er nach der Katastrophe lebt. Mit einem ähnlich drastischen Experiment führt er Carla vor, daß sie ihr Kind gar nicht retten hätte können. Es ist das schönste Liebespaar, das man seit langem auf der Leinwand gesehen hat, ohne Sex, „nur“ verbunden durch eine gemeinsame schreckliche Erfahrung.

Max’ Frau Laura (Isabella Rossellini) leidet entsetzlich darunter, aber langsam beginnt sie zu begreifen, daß sie in diese Welt nicht vordringen kann, ihre Eifersucht ins Leere geht. Plump? Nein. Wie Jeff Bridges nach dem Absturz ist auch dieser Film ein wenig „nicht von dieser Welt“. Nichts ist darin so, wie es, gängigen Schemata entsprechend, sein müßte. Das beginnt bei Weirs Blick auf San Francisco. der ganz ungewohnt, untouristisch, un-Hitchcock-haft ist, dominiert von Kirchen, kleinen Häusern. und setzt sich fort in den ungewöhnlichen komplexen Beziehungen zwischen den Figuren. Scheinbar nebensächliche Episoden. wie eine Therapiesitzung der überlebenden, werden zu dramatischen Höhepunkten oder wenn Max, der Neu-Wiedergeborene, wegen eines kriegerischen Videospiels seines Sohnes außer sich gerät.

In seiner Ernsthaftigkeit, getragen von Jeff Bridges’ bewundernswert differenzierter Darstellung, hebt sich „Fearless“ vom herkömmlichen Kinoangebot deutlich ab. Sehr gut hätte der Film in die vorjährige Veranstaltung Jesus Walking an Screen gepaßt – und mit Frank Borzages thematisch sehr ähnlichem Messias-Melodram „Strange Cargo“ (1940) ein reizvolles Double Feature ergeben.

“Fearless“: zur Zeit in den Wiener Kinos.

Der Text erschien anlässlich des KInostarts von „Fearless“ im Falter 08/94 (Februar 1994).

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