Keine Kleinigkeit in Hollywood
Regisseur John Woo im Gespräch über seinen neuen Film „Windtalkers“, über historische Wahrheit und den „final cut“.

Was hat Sie an dem Thema, an dem Projekt interessiert?
Zuallererst war ich froh, dass es etwas Anderes war als meine letzten Filme, Face/Off und Mission: Impossible 2. Vor allem aber sah ich die Chance, zu den Themen und zum Stil meiner früheren Filme zurückkehren zu können, und mein Thema heißt nun einmal Freundschaft – Freundschaft zwischen Menschen aus verschiedenen Milieus, verschiedenen Kulturen. Es war ein sehr packendes Drehbuch. Die Geschichte der Navajo-Soldaten, die eine Sprache sprechen, die niemals schriftlich festgelegt wurde, und ihrer „Beschützer“ hat mich tief bewegt.
Warum, glauben Sie, sind Kriegsfilme gerade jetzt wieder so en vogue? Gibt es nicht schon genug Krieg auf dieser Welt?
Ich muss dazu sagen, dass Pearl Harbor, Behind Enemy Lines und Black Hawk Down erst begonnen wurden, als wir schon mitten in der Arbeit waren. Vorher gab es nur The Thin Red Line und Saving Private Ryan. Aber ich meine, dass Windtalkers nicht in erster Linie ein Kriegsfilm ist – wenn überhaupt, dann ein Anti-Kriegsfilm. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich den Krieg verabscheue.
Es gab im Vorfeld heftige Kontroversen um die „historische Wahrheit“ der Geschichte. Experten meinen, das Geschehen würde in ihrem Film völlig falsch dargestellt.
Wir haben nie behauptet, einen Dokumentarfilm zu drehen. Tatsache ist, dass diese Geschehnisse bis heute top secret sind und niemand genau weiß, wie das alles vor sich gegangen ist. Die Figuren sind natürlich fiktiv, aber der Hintergrund, die Schlacht um Saipan und die Konstellation stimmen: Es gab Soldaten, die diese Indianer zu beschützen hatten. Das ging so weit, dass sie sie eher töten sollten als sie den Japanern in die Hände fallen zu lassen. Sergeant Joe Enders und der Indianer Ben Yahzee, die sind für mich wie der Killer und der Polizist in The Killer – höchst unterschiedlich, von ihrer Herkunft, von ihrem Ethos her, und trotzdem respektieren sie einander.
Es heißt, Sie hätten sogar das Drehbuch umschreiben lassen, um Nicolas Cage besetzen zu können.
Als ich es zum ersten Mal las, hatte ich für Joe Enders sofort Nick Cage vor Augen. Im Buch ist er irischstämmig; mit seinen Schuldgefühlen und seiner Leidenschaft fand ich aber, dass die Figur etwas sehr Italienisches an sich hat – also schien mir Nick erst recht der perfekte Schauspieler für die Rolle.
Wie sehen Sie denn Ihre gegenwärtige Position in Hollywood? Sie sind ja – nach einigen Anfangsschwierigkeiten – zu einem der wenigen Top-Regisseure aufgestiegen.
Ich bin zufrieden. Meine Karriere ist stabil, und ich kann die Filme so machen, wie ich sie machen will. Das ist keine Kleinigkeit in Hollywood, wo man – wie Sie sicher wissen – auch sehr viele schlechte Filme macht. Ich bin mit meinen eigentlich zufrieden, vor allem mit Face/Off und Mission: Impossible 2.
Was bedeutet es heutzutage, den „final cut“ zu haben? Wie man hört, mussten Sie trotzdem Kompromisse eingehen, was die Länge von Windtalkers betrifft.
„Final cut“ habe ich vor allem dann, wenn alles im budgetären und zeitlichen Rahmen bleibt. Das ist nicht so oft der Fall. Der Film war ursprünglich 155 Minuten lang, das Studio wollte 120 Minuten. Jetzt sind wir bei 133, und ich bin zufrieden. Es fehlt nichts von dem, was mir wesentlich erschien.
Denken Sie manchmal daran, wieder selber Drehbücher zu schreiben, wie früher in Hongkong?
Nein, das ist ausgeschlossen. Ich habe zu viel Arbeit. Außerdem müsste ich dazu besser Englisch können. Mein Englisch ist auch nach zehn Jahren noch grauenvoll. (lacht)
Wie viele Drehbücher bekommen Sie denn angeboten?
Ach, eine Menge; vier bis fünf pro Monat. Es sind tolle Sachen dabei, aber wie kann ich die alle umsetzen? Eines immerhin will ich gemeinsam mit meinem Produzenten, Terence Chang, produzieren, eine Komödie namens Honor Among Thieves. Und ich würde gerne einen Western machen. Es gibt ein sehr schönes Skript namens „Hunting Fires“, eine Art griechischer Tragödie, angesiedelt an der Grenze zwischen Texas und Mexiko. Das würde mich sehr reizen.
Was wird ihre nächste Regiearbeit sein?
Höchstwahrscheinlich ein historischer Film namens Men of Destiny: Es geht darin um irische und chinesische Eisenbahnarbeiter, die um 1864 die Central Pacific Railroad bauten. Auch da faszinieren mich natürlich der Aufeinanderprall unterschiedlicher Kulturen, die Konflikte, der Rassismus. Ein sehr spannendes Thema.
Fans Ihrer Hongkong-Filme fragen sich seit Jahren, wann Sie wieder mit Chow Yun-fat arbeiten werden.
Jetzt ist es endlich so weit: Chow Yun-fat und Nick Cage werden die Hauptrollen spielen – meine beiden Lieblingsdarsteller also.
Der Text erschien im ray Filmmagazin (damals noch RAY Kinomagazin) vom Juli/August 2002.



