Kinky Vienna
Der sogenannte „morbide Charme“ Wiens im Film. Wo sonst gibt es Klimt, Schiele, Mozart, allgegenwärtige Todessehnsucht, Sex, Psychoanalyse und depressive Polizisten quasi im Paket?

„Diesen Film konnte ich nur in Wien drehen“, meinte der britische Starregisseur Nicolas Roeg über sein Werk Bad Timing (Blackout – Anatomie einer Leidenschaft, 1979). Kein Wunder, dass er das sagte: Wo sonst gibt es Klimt, Schiele, Mozart, allgegenwärtige Todessehnsucht, Sex, Psychoanalyse, die Grenze zum „evil empire“ des Ostblocks und depressive Polizisten quasi im Paket? Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass gerade die beiden Hauptdarsteller Art Garfunkel und Harvey Keitel (als eine Art vom tiefen Blues gebeutelter Kottan) mehr als nur einen Hauch von New York verströmen, aber sonst ist alles da, alles was man sich im Ausland so unter dem morbiden Charme Wiens vorstellt. Düstere, nicht immer ganz erklärliche Vorkommnisse, verfallende Häuser, seltsame Typen, heruntergekommene Eleganz, wohin das Auge blickt. Nicht überraschend, dass der amerikanische Psychoanalytiker Alex Linden (Garfunkel), der in Wien an der Universität unterrichtet, sich ausgerechnet hier in seine von Roegs Ehefrau Theresa Russell dargestellte Landsfrau Milena (Kafka lässt grüßen) verliebt, die eben an der bedeutungsschwangeren Grenze bei Bratislava ihren tschechoslowakischen Ehemann verlassen hat. Das ist doppelt sinnvoll, denn nebenbei arbeitet Linden auch für die US-Botschaft und erstellt – warum auch immer ein offensichtlich nicht übermäßig gesellschaftskonformer Mensch wie er das tut – psychologische Profile von politisch relevanten Personen aus dem Ostblock, von denen Milenas (Ex-)Gatte einer zu sein scheint.
Die Geschichte selbst erhellt sich, mehr oder weniger jedenfalls, in Rückblenden: Der Film beginnt mit der Einlieferung Milenas ins Spital nach einer Überdosis Amphetamine. Der äußerst melancholische Inspektor Netusil (Keitel in einer seiner seltsameren Rollen) zweifelt Lindens Theorie eines Selbstmordversuchs an und versucht dies, wenn er nicht gerade in seiner Strickjacke düster durch seine Wohnung stapft, Columbo-artig anhand Lindens falscher Zeitangaben – siehe Titel – zu beweisen. Die Beziehung zwischen Linden und Milena ist von Anfang an eine obsessive, vor allem sexuell dominierte, und sie wird schon auch einmal im Stiegenhaus ausgelebt. Dementsprechend turbulent und heftig sind auch ihre Streitereien, die durch Milenas Eskapaden und Lindens Eifersucht ausgelöst werden.
Bad Timing spielt in der Gegenwart, also 1979 (überall sind Wahlplakate und die ekligen Dreiecksständer zu sehen – es war übrigens jene Wahl, als die SPÖ zum letzten Mal ihre absolute Mehrheit behaupten konnte), aber seit 1957 hat sich in Wien offensichtlich nicht viel geändert. In diesem Jahr 1957 handelt Liliana Cavanis seinerzeit heftig umstrittener Film Il portiere di notte (Der Nachtportier, 1973) mit Charlotte Rampling und Dirk Bogarde in den Hauptrollen. „Diesen Film konnte ich nur in Wien drehen“, raunt es durch den ganzen Film. In der Tat, denn Der Nachtportier lebt in erster Linie vom morbiden Charme der Stadt und spekuliert darüber hinaus gewagt, aber auf seine Weise erfolgreich, mit Nazi-Chic: Die beiden Protagonisten nämlich hatten sich im KZ kennen gelernt, wo Max SS-Offizier und Lucia sein wehrloses Opfer war. Sie hatten dort – Rückblenden bezeugen es – eine nicht alltägliche S/M-Beziehung, die sich auf der Leinwand allerdings vor allem in Textilfetischismus und angedeutetem Oralverkehr manifestiert. Jetzt arbeitet Max im Wiener Hotel als unauffälliger, betont zuvorkommender Portier, Lucia steigt mit ihrem Mann, einem Dirigenten (was sonst?), dort ab. Die Leidenschaft zwischen Max und ihr lebt wieder auf, aber eine Gruppe ehemaliger SS-Offiziere, die versucht, alle Spuren der Vergangenheit zu tilgen, will das natürlich verhindern. Die Beziehung zwischen Max und Lucia ist eine obsessive, vor allem sexuell dominierte, zu sagen haben sie sich nicht allzu viel, auch nicht, als Lucia zu Max in die Wohnung – im Karl-Marx-Hof! – flüchtet, weil die alten Kameraden sie massiv bedrohen. Bald befinden sie sich im Belagerungszustand, ohne Strom und ohne Essen.
Was an den genannten Filmen, die im Übrigen alle ohne besondere Beteiligung österreichischer Crewmitglieder und Schauspieler gedreht wurden (nur in Bad Timing darf einmal ein Nachbar während eines Streits zwischen Alex und Milena richtig herzhaft „Hoit‘s die Gosch‘n“ schreien), besonders auffällt, ist, dass sie mit offenkundig großer Sorgfalt um Lokalkolorit bemüht waren. Nicht nur Sehenswürdigkeiten (das Riesenrad, das Mozarthaus) und kulturelle Schauplätze (allen voran das unvermeidliche Konzerthaus) kommen ins Bild, sondern allerlei Gegenden, von denen man nicht annehmen würde, dass sie einem ausländischen Filmteam überhaupt auffallen.
Bad Timing hat einiges zu bieten. Milena wohnt ausgerechnet in der Schönbrunner Schloßstraße (als habe man einen Zungenbrecher für die amerikanischen Darsteller einbauen wollen) beim – jedem Wiener bekannten – Komet-Haus. Der Nachtportier spielt zwar vor allem in Innenräumen (das fiktive Hotel „Zur Oper“ ist in einem von außen jedenfalls sichtlich zu kleinen Eckhaus auf der Wienzeile angesiedelt), aber auch hier gibt es interessante Locations – unter anderen vor dem Karl-Marx-Hof, an der Donau, auf der Reichsbrücke. Auch für Wiener sind beispielsweise die Routen nachzuvollziehen, die in diesen Filmen beschritten werden.
Wo die Gemäuer zerbröckeln, wo die Menschen ein wenig seltsam und die Gespenster der Vergangenheit lebendig, wo die Durchgänge düster und die Straßen schwach beleuchtet sind, da lassen sich solche Filme drehen, die vor allem von der Atmosphäre geprägt sind. Der Maßstab des „Wien-Films“, von Carol Reeds Drittem Mann für immer unverrückbar festgelegt, muss daher sein, wie sehr es gelingt, dieses Ambiente einzufangen. Die genannten Filme schlagen sich wacker. Sie sind souverän im Umgang mit ihrem Schauplatz und erstaunlich unkitschig; Wien erscheint als einigermaßen moderne Stadt – wenn auch mit dem gewissen Etwas. Das Freud-Museum, wo Alex Linden ein Interview gibt, bleibt natürlich Bad Timing vorbehalten – starker Wien-Tobak, der dramaturgisch nicht unbedingt begründet ist.

Die Politik spielt zwar eine nicht unwesentliche Rolle, sie verschwindet aber weitgehend hinter der Fassade von Sex und Sinnlichkeit. Der Nachtportier greift ein politisches Thema auf, das vor allem in den Szenen zwischen den alten hochrangigen SS-lern durchaus eine brisante Dimension hat („Your case is easy“, sagt einer der Männer – noch nichts von Lucias Existenz ahnend – zu Max, „there are no witnesses“, und Max bekennt, warum er vor allem nachts aktiv ist: „In the light of day, I have a feeling of shame“), aber wie es nun mal so ist im Filmbusiness: All das wurde unter der skandalträchtigen Sexgeschichte begraben: Wenn Charlotte Rampling in der Rückblende mit SS-Kappe, mit Hose und Hosenträgern, in Stiefeln, aber ansonsten nackt, singt, dann ist der politische Anspruch beim Teufel – nicht von ungefähr zeigt etwa das Videocover des Films nur diese Bilder.
Ähnlich verhält es sich mit Bad Timing: Der Ost-West-Hintergrund bleibt einigermaßen nebulos, die Tschechische Botschaft residiert, was sie nachweislich nicht tat und tut, in einem der für Ausländer offenbar unfassbar faszinierenden Wiener Paläste, die Ost-Menschen (der Botschafter; Milenas Mann) geben sich angemessen kampfeslustig und lassen sich von dem obergescheiten amerikanischen Psycho-Heini nichts gefallen. Das war‘s dann auch schon. Und auch Die Haut des anderen beschäftigt sich im Wesentlichen mehr mit der psychologischen Disposition seiner Figuren als mit deren politischen Verstrickungen.
Wollte man die perfekte Symbiose dieser drei Filme benennen, dann ist es zweifellos die Romanwelt von Johannes Mario Simmel. In „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970) beispielsweise ist alles enthalten, was Wiens morbiden Charme ausmacht: eine Agentenstory, eine dramatische Liebesbeziehung zwischen dem Sohn eines argentinischen Wissenschaftlers, der einem Mord zum Opfer gefallen ist, und der Wiener Nichte der Mörderin, „perverse“ Bordell-Spiele zu klassischer Musik, in diesem Fall Franz Liszts „Mazeppa“ (bei Cavani ist es „Die Zauberflöte“, bei Roeg jedenfalls Mozart neben einem eklektischen Mix aus Tom Waits, The Who, Billie Holiday und Keith Jarretts „Köln Concert“, vielleicht dem musikalischen Markenzeichen der 70er-Jahre), eine Ansammlung nicht ganz durchschaubarer Geheimnisse und natürlich jede Menge psychoanalytisches Brimborium.
Je weniger klar die Dinge sind, desto mehr lässt sich ihr atmosphärischer Reiz entfalten. Das kinky Vienna hat Simmel wie kaum ein anderer beschrieben; in kaum einer der biederen deutschen Verfilmungen seiner Romane allerdings wird etwas davon spürbar. Durchaus schlüssig, dass es gehobener Trivialitäten wie der Filme Cavanis, Roegs, Derays und anderer bedurfte, um der Welt von dieser Dimension der Stadt zu berichten.
Der Text erschien im Programmheft des Filmarchiv Austria im Dezember 2002.



