Korrupte Geschäfte
Besser spät als nie: Nachdem die Österreich-Premiere dieses Films längst geplatzt schien, ist Jack Nicholsons „Fortsetzung“ des Krimi-Klassikers „Chinatown nun doch in einigen heimischen Kinos zu sehen.

Wechselvoll wie die Auswertungsgeschichte des Streifens ist auch die seiner Entstehung. Jack Nicholson hatte das ganze Projekt ursprünglich als Trilogie über Kalifornien geplant. „Chinatown“, einer der ganz wenigen modernen Filme, denen es wirklich gelang, an die Atmosphäre, die Spannung und die Dichte des sogenannten „Film noir“ anzuschließen, war der erste Teil, der im Jahr 1937 spielt, und von Roman Polanski – damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens – meisterhaft in Szene gesetzt wurde. Der Privatdetektiv Jake Gittes (Nicholson) hatte die Korruptionsaffäre um ein Staudamm und Bewässerungsprojekt in der kalifornischen Wüste aufzuklären.
„Chinatown“ beeindruckte vor allem durch die Weise, wie herangegangen wurde an die mythenüberladene Welt des „schäbigen Privatdetektivs“ und die ihn umgebende, schier allumfassende Korruption, aus der er in puncto Moral noch immer hervorragt, so zweifelhaft seine Methoden auch sein mögen.
Schade drum: Jack Nicholson hat für „Two Jakes“ wirklich sein gesamtes großes künstlerisches Potential (sowohl als Regisseur als auch als Hauptdarsteller) investiert. Jake Gittes, Spezialist für Scheidungssachen, wird durch den zweiten „Jake“ Berman (Harvey Keitel), einen gerissenen Geschäftsmann, nicht nur in eine private Intrige verstrickt, sondern sieht sich erneut einem äußerst komplexen, von wirtschaftlichen Interessen und skrupelloser Geschäftemacherei durchdrungenen Problem gegenüber, dessen Wurzeln – der deutsche Titel nimmt es vorweg – in der Vergangenheit, in jener Zeit, die „Chinatown“ behandelt hat, liegen.
Ein Film fernab von Hollywoods Fortsetzungswahn
Mit beeindruckender Sorgfalt rekonstruierte Nicholson die zeitlichen Bezüge (der Film spielt 1948), ohne falsche Nostalgie zu verbreiten und feilte an der Figur des Privatdetektivs, die nun noch mehr dem Philip Marlowe Chandlers gleicht, ohne ihn zu imitieren. Die Verweise auf „Chinatown“ sind höchst sparsam, aber effizient, gestaltet. Nicholson nimmt sich – im positiven Sinne –viel Zeit, um die recht verwirrende Handlung und die vielfachen Verflechtungen zwischen den Figuren auszubreiten, nicht aber, um, wie andere Filme dieser Länge das tun, möglichst viele Schauwerte hinein zu verpacken. Im Gegenteil: Die Action ist knapp gehalten, die meiste Zeit wird den moralischen und philosophischen Dimensionen des Falles gewidmet. Ein weiterer Pluspunkt – neben der hervorragenden Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond –ist die Besetzung, die neben Nicholson und Keitel so illustre Nebendarsteller wie Frederic Forrest, Eli Wallach oder Ruben Blades aufweist. In diesem Punkt knüpft Nicholson an den „Film Noir“ an: Ausdrucksvolle, wenngleich nicht unbedingt „berühmte“ Darsteller in den vermeintlichen Nebenrollen gehören zu dessen historischen Qualitäten. Was den „Fortsetzungs“-Charakter von „Two Jakes“ betrifft, so hat der Film eine verblüffende Ähnlichkeit mit Peter Bogdanovichs „The Last Picture Show“ aus dem Jahr 1971 und dessen „zweiten Teil“ „Texasville“, der heuer in die Kinos kam. Fernab vom Fortsetzungs-Wahn Hollywoods erweisen sich beide Arbeiten als reife Weiterentwicklungen des zugrundeliegenden Films.
Der Text erschien in den Salzburger Nachrichten am 4. Jänner 1992.



