Krieg der Worte
David Mamet, renommierter amerikanischer Theater und Drehbuchautor, erwies sich mit seinen bislang drei selbstinszenierten Filmen als erstaunlich kompetenter Regisseur. Nun wurde sein berühmtestes Stück, „Glengarry Glen Ross“, von James Foley verfilmt.

Verfilmungen von Theaterstücken sind oft problematisch. Die Gründe dafür liegen weniger in der immer wieder behaupteten Unvereinbarkeit eines mehr oder weniger hermetischen Bühnengeschehens und seiner naturgegebenen Einschränkungen mit der vermeintlich „dynamischeren“, offenen Struktur des Films als vielmehr im mangelnden Vertrauen, das viele Regisseure den Vorzügen des Theaters gegenüber zu haben scheinen: eine dramatische, notwendigerweise verknappte und komprimierte Geschichte erzählen zu können, ohne dabei mehr als einige wenige Schauplätze zu benötigen. Diese Reduktion wird vielfach als Defizit begriffen, und man meint, dem Geschehen durch häufige Wechsel der räumlichen oder zeitlichen Ebenen auf die Sprünge helfen zu müssen.
David Mamet, gefeierter amerikanischer Bühnen- und Drehbuchautor, Lyriker, Wissenschaftler und Filmemacher, „der Gotthold Ephraim Lessing der amerikanischen Gegenwartskultur“ (Alexander Horwath), geht einen anderen Weg: Sein 1984 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Drama Glengarry Glen Ross beschränkt sich auf zwei Akte, zwei Schauplätze und sieben (männliche) Rollen eine Konstellation, die auch in der nunmehr vorliegenden Verfilmung durch James Foley beibehalten wird, sieht man von einigen wenigen Außenaufnahmen ab.
Mamet selbst bearbeitete das Stück und fügte eine neue Figur namens Blake ein, die eine besondere Funktion hat: die ohnehin messerscharfe, ungemein präzise Sprache Mamets buchstäblich als Waffe zu verwenden. Mamets Welt ist eine Welt der Redenden. die den ausschließt, der ihre Regeln, aber auch ihre Doppelbödigkeiten nicht versteht. Nicht nur in seinen Stücken, auch in seinen bisherigen drei Filmen definieren sich Gruppen mehr als über ihre Verhaltensweisen über ihren Jargon: die Polizisten mit ihrer rüden. von der allgegenwärtigen Gewalt geprägten „Dienstsprache“ in Homicide ebenso wie die Spieler in House of Games: Die Fallen, in die sie eine arglose Psychiaterin locken, sind nicht zuletzt sprachliche.
Sprache ist auch das zentrale Thema von Glengarry Glen Ross; und das in doppeltem Sinne: Zum einen portraitiert Mamet auch hier eine Gruppe (diesmal sind es vier Angestellte eines Chicagoer Immobilienbüros) über ihren berufsspezifischen Slang – zum anderen ist ihre Tätigkeit, potentiellen Kunden Grundstücke, die diese nicht einmal von weitem gesehen haben, zu verkaufen, mit enormem verbalem Aufwand verbunden. Glengarry Glen Ross (so auch der Name eines dieser höchst dubiosen, erst zu erschließenden Grundstücksprojekte) ist ein Krieg der Worte, ein unablässiges Stakkato von Geschäftstermini, Phrasen, Platitüden, Wünschen, Vermutungen und Flüchen (vermutlich weist der Film die bis dato höchste Konzentration an Four-Letter-Words auf – sieht man vielleicht von Scorseses Good Fellas ab), das sich nur selten zu wirklicher Kommunikation verdichtet. Wobei der Wortschwall hier nicht nur zur Überrumpelung der Kunden dient, sondern auch zum Überbieten der Kollegen/ Konkurrenten in den Prahlereien über (angeblich) getätigte Geschäftsabschlüsse.
Verschärft wird die Situation durch eine massive Krise im Immobilien-Business. Reaganomics hieß das Zauberwort 1984, als das Stück entstand. Also entsendet die Zentrale Blake, einen Scharfmacher ersten Ranges (Alec Baldwin in einem furiosen Kurzauftritt), um die desillusionierten salesmen wieder auf Trab zu bringen. Erster Preis: ein Cadillac, zweiter Preis: ein Satz Steakmesser, dritter und vierter Preis: die Kündigung. Blake steht, ohne zur plumpen Karikatur zu verkommen, prototypisch für die „Errungenschaften“ der achtziger Jahre: Er ist ebenso knallhart im Aussehen wie im Austeilen: „Sehen Sie diese Uhr? Sie hat mehr gekostet als ihr verdammtes Auto“, herrscht er die Männer an, von denen vor allem der „Veteran“ Shelley „The Machine“ Levene (Jack Lemmon) den neuen Erfordernissen nicht mehr gewachsen scheint. Auch das wird nicht zuletzt durch Sprache signalisiert: Ihm, so scheint es, kommen die Obszönitäten, die integraler Bestandteil der amerikanischen Alltagssprache geworden sind, wesentlich weniger leicht über die Lippen als seinen (jüngeren) Kollegen. Der neu angefachte Wettkampf untergräbt die vermeintliche Solidarität der vier Verkäufer. entlarvt die idealisierte „Gemeinschaft als bloße Worthülse. Die Reaktionen auf die unzumutbaren Forderungen der Firmenleitung schwanken zwischen Resignation und Wut und gipfeln in einem fingierten Einbruch. bei dem erfolgversprechende Adressen von möglichen Kunden gestohlen werden.
James Foley. einer der interessantesten jüngeren Regisseure Hollywoods. der mit At Close Range ein eindrucksvolles Debüt feierte und mit dem Madonna-Vehikel Who‘s That Girl? böse abstürzte, erweist sich als souveräner, wenn auch zuweilen allzu virtuoser Inszenator der verbalen Schlacht. die auch ohne die optischen Kabinettstückchen (eine Kamerabewegung hier, ein Schwenk dort) schon einige Anforderungen an den Zuschauer stellt. Die Intimität der beiden Räume (des Büros und des gegenüberliegenden Chinarestaurants) und die Direktheit der Wortkaskaden, die bewußt penetranten Wiederholungen und Stereotypen erzeugen bisweilen ein Gefühl von akustischer Klaustrophobie, ein Gefühl, Dinge zu hören, die nicht für einen bestimmt sind. Die Leinwand wird zur Wand, an der man lauscht, genervt manchmal, aber vor allem fasziniert.
Vorzügliche Darsteller stehen Mamet und Foley zur Seite: Neben Baldwin und Lemmon, der seinem im Laufe seiner Karriere (vor allem in den Komödien Billy Wilders) entwickelten Rollenfach des wehleidig-unangenehmen Nörglers noch nie so interessante Facetten abgewonnen hat wie hier, sind vor allem Ed Harris und – natürlich – Al Pacino, als der smart guy der Runde. zu nennen.
Der Text erschien im Falter 05/93 (Februar 1993).



