Little Italy
„Who’s That Knocking at My Door?“ (1968): Das Movie-Kino bringt als österreichische Erstaufführung den ersten abendfüllenden Spielfilm des großen amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese.

Wie kein anderer Amerikaner — mit Ausnahme seines Freundes Paul Schrader vielleicht — kommt Scorsese dem nahe, was man in Europa gerne einen Autorenfilmer nennt. Nicht von ungefähr ist Scorsese ein Bewunderer des europäischen Films, vor allem des britischen Regisseurs Michael Powell. Jeder große Autor zeichnet sich dadurch aus, daß er imstande ist, eine Art filmischen Kosmos zu schaffen, der seine Filme unverwechselbar, eigenständig und vor allem unabhängig vom schwankenden Modediktat der kommerziellen Industrie macht. Bereits Who’s That Knocking at My Door? läßt erkennen, daß die Eckpfeiler von Scorseses Kosmos Religion, Sexualität und Gewalt sind. Sie stehen immer wieder im Mittelpunkt auch seiner späteren Filme.
J.R. (Harvey Keitel), das Alter Ego des Regisseurs, ist ein junger Mann. der — in der hermetischen Welt von Little Italy aufgewachsen und den patriarchalischen Dogmen einer von Männern beherrschten Welt gehorchend – erstmals mit einer „anderen“ Realität konfrontiert wird, als er einer jungen blonden Frau begegnet. Sein scheinbar gesichertes Werte und Normensystem, seine „Moral“, die – da von Männern erfunden – selbstverständlich nur für Frauen gilt, gerät ins Wanken, als das Mädchen ihm offenbart, keine Jungfrau mehr zu sein. Er muß erkennen, daß auch sein erprobtes Mittel zur „Bewältigung“ von Konflikten, der Rückzug in die Kumpanei mit seinen Freunden (ein bißchen trinken da, ein bißchen zum Spaß prügeln dort) diese Art von Problem nicht lösen kann.
Der Film, der aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nur in Etappen gedreht wurde, und erst vertrieben werden konnte, als ein findiger Softporno-Produzent Scorsese dazu bewegte, nachträglich ein paar (harmlose) Sexszenen einzubauen, läßt aber nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner ästhetischen Kraft und Virtuosität auf den späteren Scorsese schließen. Wie wir alle, ist auch Scorsese optisch und akustisch von den Mythen der Trivialkultur (John Ford, Rock’n’Roll etc.) beeinflußt. Was er daraus entnommen hat, formte er zu Filmen, die schlicht zu den schönsten der Welt zählen: Taxi Driver, Raging Bull, King of Comedy.
Der Text erschien im Falter 07/90 (Februar 1990).



