Lost in Translation
Marlon Brando in „The Teahouse of the August Moon“: ein mißglückter Versuch, seinem damaligen Rollenklischee als Junger Wilder zu entkommen.

Dass Marlon Brando nach „On the Waterfront“ (Die Faust im Nacken; 1954; R: Elia Kazan) danach strebte, sich dem Typecasting als Junger Wilder zu entziehen, ist verständlich; dass er sich dabei ausgerechnet ins „Teahouse of the August Moon“ (Das kleine Teehaus; 1956; R: Daniel Mann) verirrte, weniger. MGM produzierte die Verfilmung dieses erfolgreichen Broadway-Stücks von John Patrick, der dafür 1954 nicht nur mit dem Tony-Award, sondern gar mit dem Pulitzer-Preis für das beste Drama ausgezeichnet worden war. Der kreuzbrave Daniel Mann, selbst ein Broadway-Veteran, war der ideale Regisseur – erst 1966 sollte ihm mit dem James-Coburn-Vehikel „Our Man Flint“ (Derek Flint schickt seine Leiche) so etwas wie ein spritziger Film gelingen.
Spritzig ist „The Teahouse of the August Moon“ ganz und gar nicht; der Film ist – wiewohl als Komödie in den Handel gekommen – von einer bleiernen Schwere, die ihresgleichen sucht. Welcher Teufel Marlon Brando geritten hat, sich mit Gesichtsprothese als Einwohner Okinawas zu präsentieren, bleibt wohl für immer sein Geheimnis. Er ist es, der mit einem unsäglichen Monolog (natürlich in kauzigem „asiatischem Englisch“) die Geschichte einleitet: Der schusselige US-Army-Captain Fisby (Glenn Ford), der bis dato von allen Einheiten, bei denen er gedient hat, gebeten wurde, zu gehen, kommt 1946 nach Okinawa, um das Dorf Tobiki auf Vordermann zu bringen. Sein Vorgesetzter, Colonel Purdy (Paul Ford), ein Bürokrat übelster Militärklamotten-Sorte, hat sich ein großes Ziel gesetzt: „My job is to teach these natives the meaning of democracy. And they're going to learn democracy if I have to shoot every one of them!“ Fisby soll eine Schule bauen und den Einheimischen amerikanische Werte vermitteln. Sakini (Brando), der bauernschlaue Übersetzer, scheint ihm dabei zu helfen, doch die Wahrheit ist: Diese DorfbewohnerInnen leben schon seit 800 Jahren unter verschiedenen Okkupationsmächten und wissen, wie man sich arrangiert, sodass sie mit dem gutmütigen Fisby leichtes Spiel haben: Sie machen ihm Geschenke, darunter Lotusblüte (Machiko Kyo, gefeierte Darstellerin bei Kurosawa, Mizoguchi, Ozu in einem entwürdigenden Hollywood-Ausflug), ein „geisha girl first class“, und kochen ihn mit ihrer scheinbar unterwürfigen, in Wahrheit aber schlitzohrigen Art schon bald weich. Statt der Schule wird ein Teehaus gebaut, statt Demokratie gelehrt wird Schnaps gebrannt, der bei der US-Army reißenden Absatz findet; ein Militärpsychologe (Eddie Albert), der Fisby beobachten soll, verfällt ebenfalls den exotischen Reizen von Land und Lady und beginnt mit Biogärtnerei, Purdy dreht durch („That‚s communism!“, brüllt er, als Fisby ihm stolz erklärt, dass hier – wie daheim in Amerika – alle die gleichen Rechte hätten) und lässt alles kaputt schlagen, aber letztlich ist doch alles so, wie es sein soll im Hollywood der 50er: Happy End total.
Der Film „mag in den Fünfzigern lustig gewesen sein, heute ist er mehr oder weniger nicht mehr anschaubar“, konstatiert der japanisch-amerikanische Journalist Robert B. Ito, der „The Teahouse of the August Moon“ und Brandos Darstellung zu den fünf „Klassikern“ des antiasiatischen Rassismus in Hollywood zählt, in einer Reihe mit Mickey Rooneys Performance als „Japaner“ Mr. Yunioshi mit runder Brille, überstehendem Oberkiefer und keifendem Akzent in Blake Edwards‘ „Breakfast at Tiffany‘s“ (Frühstück bei Tiffany, 1961). Itos Hinweis auf die unselige Praxis des „Yellowface“ lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen. Während es heute niemand mehr einfallen würde, Schwarze von Weißen darstellen zu lassen, gibt es Yellowface bis heute (wie in Mike Leighs brillant-katastrophalem „Topsy Turvy“, 1999), und im Standardwerk für Maskenbildner, Penny Delamars „The Complete Make-up Artist“, sind noch 1995 zwei „todsichere“ Methoden verzeichnet, wie man weiße SchauspielerInnen am besten zu „Orientals“ ummodeln kann.
Dass das nie funktionieren kann, liegt auf der Hand, und man muss kein Verfechter der in den USA auf die Spitze getriebenen „political correctness“ sein, um Brandos Darstellung schauderhaft zu finden: stets leicht gebückt, idiotisch grinsend, fuchtelnd, durchtrieben und – trotz einiger Brocken Japanisch (die eklatanten kulturellen Differenzen zwischen Okinawa und dem weit entfernten japanischen Festland werden der Einfachheit halber ausgeblendet) – so fake, wie es nur irgend möglich ist. Umso absurder ist das Ganze, weil Brando als Dorfbewohner tatsächlich der einzige Weiße unter lauter asiatischen DarstellerInnen und Komparsen ist, und weil es einen alten Mann im Dorf gibt, der x-mal besser Englisch spricht als der selbst ernannte Übersetzer.
Dergleichen Ungereimtheiten umrahmen eine Zeit, als die USA ihre Präsenz in Asien verstärkten, um der wachsenden Gefahr des Kommunismus (in Korea, Vietnam und natürlich China) zu begegnen. Der alte Feind Japan kam dabei gerade recht als Brückenkopf, und so hieß es, die Japaner, die als Kriegsverlierer ohnehin keine Wahl hatten, zu „umarmen“. Hollywood, gerade erst von Kommunisten gesäubert, zog mit. Filme wie „Love is a Many Splendored Thing“ (Alle Herrlichkeit auf Erden“; 1955; R: Henry King), mit Jennifer Jones als Eurasierin, „Sayonara“ (1957; R: Joshua Logan, wieder mit Marlon Brando), „The Inn of the Sixth Happiness“ (Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit; 1958; R: Mark Robson), mit Curd Jürgens (!) als Eurasier, „The World of Suzie Wong“ (Die Welt der Suzie Wong; 1960; R: Richard Quine) oder der unsägliche antikommunistische Schmarren „Satan Never Sleeps“ (China-Story; 1961; R: Leo McCarey) zeugen in ihrer zeitlichen Dichte von diesem ungesunden Interesse der USA an Asien, das schließlich in den desaströsen Vietnam-Krieg mündete. Ironischerweise sollte Marlon Brando viel später, im vielleicht besten aller Vietnam-Filme, Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) eine Glanzleistung liefern. Colonel Kurtz hätte im Teehaus keine Freude gehabt.
Der Text erschien im März 2004 in: Marli Feldvoß, Marion Löhndorf (Hg.): Marlon Brando. Bertz + Fischer (Berlin) 2004.



