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InterviewsJames Ivory / Ismail MerchantDezember 1992

Man kann sich Requisiten auch ausborgen

Seit dreißig Jahren machen sie gemeinsam „typisch britische“ Filme: der amerikanische Regisseur James Ivory und der indische Produzent Ismail Merchant. Mit „Wiedersehen in Howards End“ verfilmten sie zum dritten Mal einen Roman von E. M. Forster. Ein Gespräch über eine ungewöhnliche Zusammenarbeit.

James Ivory, Ismail Merchant
James Ivory, Ismail MerchantFoto: Cohen Media Group

Verläßlichkeit für viele Jahre: Merchant/Ivory-Produktionen bürgen für solide, wenn auch nicht immer aufregende Qualität. Die sorgfältige Vorbereitung und die gediegene Ausführung ist das Markenzeichen all ihrer Filme, die sie seit Jahr und Tag zwar unabhängig produzieren, aber durch außerordentlich schlaue Deals immer in großem Rahmen vertreiben. Ihr bisher größter Erfolg, Zimmer mit Aussicht (1986), weckte das Interesse japanischer Geldgeber, die auch einen Löwenanteil des Budgets von Howards End finanzierten. Der englische Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879–1971) hat es ihnen besonders angetan: Ihre Adaptionen der gesellschaftskritischen Romane Forsters gelten als exemplarische Literaturverfilmungen, ein Prädikat, das auch auf Howards End zutrifft.

Wie haben Sie einander kennengelernt?
IM: Wir trafen uns 1961 in New York. Ich sah einen Film von James (Ivory. Red.), The Sword and the Flute, über indische Miniaturen. Ich war sehr beeindruckt und fragte ihn, ob er mit mir einen Film in Indien machen wolle, The Householder, und genau das taten wir dann auch.

Ist das nicht wie eine Art Ehe, wenn man solange zusammenarbeitet?
IM: Es ist mehr als das. eher eine Art Familie. Wir sind mit so vielen Leuten zusammen. nicht zuletzt mit unserer Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala. die an fast allen unseren Projekten mitgearbeitet hat, mit dem Komponisten Richard Robbins und natürlich mit vielen der Schauspieler.

Mehr als 90 Prozent Ihrer Filme waren finanziell profitabel. Das ist ein erstaunlicher Rekord. Wie kommt das zustande?
IM: Es ist kein großer Profit, aber immerhin. Die Zauberformel ist einfach: Wir haben bescheidene Budgets. die Kosten bleiben im Rahmen. Auch wenn man mit wenig Geld arbeitet. kann es so aussehen, als hätte man eine Menge davon zur Verfügung gehabt.

Das heißt, Sie arbeiten sehr ökonomisch...
IM: Ja, tatsächlich. Zum Beispiel arbeiten die Schauspieler für ein ziemlich geringes Honorar, sind aber dafür an den Einspielergebnissen beteiligt. Dann arbeiten wir sehr viel an Originalschauplätzen – man glaubt gar nicht, wie teuer es ist, im Studio etwas nachzubauen. Natürlich schaut man, daß ein Raum so originalgetreu wie möglich dekoriert ist, um ein Beispiel zu nennen, aber man kann sich Requisiten doch auch ausborgen, man muß doch um Himmels Willen nicht alles kaufen oder neu anfertigen. Also hat etwa Howards End nicht mehr als 8,5 Millionen Dollar gekostet.

War es zu Beginn Ihrer Zusammenarbeit nicht sehr schwierig, die Filme zu finanzieren?
IM: Es war nicht leicht. Aber wir waren ja für die ersten vier Filme in Indien. Die indische Regierung hatte damals die Ausfuhr von in Indien erwirtschafteter Geld blockiert, das heißt, die amerikanischen Studios mußten ihren Profit wieder im Land ausgeben. So kamen wir zu einem Deal mit Columbia – und konnten unseren nächsten Film finanzieren, bei Fox, später bei United Artists.

Ihre Faszination für England, stammt die aus Ihrer Zeit in Indien?
JI: Bestimmt. Ich war damals noch nie in England gewesen. In Indien traf ich sehr viele Briten. Ich mochte sie, es waren viele nette Leute dabei. Ich lernte sicher mehr über England in Indien, als später dann im Land selbst.

Howards End
Howards EndFoto: Sony Pictures Classic

Wie sieht die praktische Arbeit in Ihrer Firma, wie die Arbeitsteilung aus?
IM: Wir entwickeln das Projekt gemeinsam und machen auch die Besetzung zusammen. Ansonsten mische ich mich in die künstlerische Arbeit nicht ein. Nach der Fertigstellung bin ich wieder dran, mit dem Vertrieb und dem sonstigen wirtschaftlichen Kram.

Gibt es da immer einen Konsens oder auch Divergenzen, Mißverständnisse, z.B. in finanzieller Hinsicht?
IM: Ja, Diskussionen gibt es natürlich, aber keine schwerwiegenden Differenzen. Wir arbeiten einfach sehr konzentriert, und, wie gesagt, wir versuchen zu sparen, wo Ausgaben nicht unbedingt nötig sind.

JI: In den großen Dingen gibt es eigentlich immer einen Konsens. Bei kleineren Fragen gibt es natürlich schon hie und da Meinungsverschiedenheiten. Es kommt darauf an, in wessen Kompetenz die betreffende Sache fällt, und derjenige entscheidet das dann auch. Aber manchmal kämpfen wir ganz schön verbissen.

Was fasziniert Sie an Henry James oder E. M. Forster, und was, glauben Sie, interessiert die Zuschauer heute noch daran?
IM: Sowohl Forster als auch Henry James sind großartige Geschichtenerzähler, das ist ganz wichtig, und es sind Bücher, die auf der ganzen Welt verstanden werden.

Was halten Sie von anderen Forster-Verfilmungen, etwa David Leans „Passage to India“?
IM: Ich war nicht gerade begeistert davon. Es war wohl mehr seine eigene Vision von Indien, als eine Umsetzung der Ideen Forsters. Ich glaube, Forsters Sicht war sehr viel persönlicher und daher interessanter. JI: Ich glaube, Lean hatte nicht jene Liebe zu Indien, die Forster hatte, mehr will ich dazu gar nicht sagen.

Reizt Sie die einzige noch ausstehende Forster-Verfilmung eines Romans, „The Longest Journey“, nicht?
JI: Ich denke, daß es jetzt genug ist. Wir haben drei seiner Romane verfilmt, das ist genau die Hälfte. Ich hoffe aber, daß jemand „The Longest Journey“ verfilmt. Es ist ein großartiges, wenn auch sehr hartes Buch.

Sie sind Inder bzw. Amerikaner, Ihre Drehbuchautorin Ruth Prawer ist in Deutschland geboren. Trotzdem sind Ihre „britischen“ Filme so „richtig“. Glauben Sie. daß Leute, die von außen kommen. einen schärferen Blick auf die Dinge haben?
IM: Ja, ich denke schon. Es ist ja sehr interessant: Viele Engländer sind schwer beleidigt, daß Ausländer kommen und Forsters Romane verfilmen, noch dazu erfolgreich. Vielleicht auch deshalb, weil viele Dinge vorkommen, die heute noch genauso gültig sind, ganz besonders in Großbritannien: der Kampf Reich gegen Arm, die Klassengesellschaft, der Standesdünkel. All das wollen viele Briten nicht sehen.

Das Interview erschien im Falter 51+52/92 (Dezember 1992).

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