„Mein nächster Film wird Mainstream“
Mit Gus van Sant, dem Regisseur von „Drugstore Cowboy“ und dem hochgelobten, demnächst auch in Österreich anlaufenden Film „My Own Private Idaho“, führte Andreas Ungerböck das folgende Gespräch.

Es muß ziemlich abenteuerlich gewesen sein, zwei so jungen Schauspielern wie Keanu Reeves und River Phoenix die Hauptrollen in einem Film wie „My Own Private Idaho“ anzubieten.
Nun, sie sind bestimmt die besten Schauspieler ihrer Altersklasse. Ich hatte das Drehbuch, und ich dachte mir, ich sollte zumindest versuchen, den besten Schauspielern die Rollen anzubieten.
Haben beide es sofort akzeptiert?
Keanu schon. Bei River dauerte es etwas länger. weil er doch viel weniger arbeitet, und alles, was er tut, ist ein großer Schritt in seiner Karriere. Keanu ist da spontaner, und die Dinge, die er tut, sind für ihn nicht so bedeutsam im Hinblick auf seine Karriere. Er ist da nicht so wählerisch. Ich wußte das zwar nicht, aber die beiden haben schon einmal zusammen einen Film gemacht, I Love You to Death von Lawrence Kasdan, bei dem sie Freunde wurden. Es stellte sich heraus. daß sie einander ziemlich gut kannten.
Man hätte aber doch eher erwartet, daß Sie die beiden Rollen genau umgekehrt besetzen würden — River Phoenix ist doch viel eher der sanfte, der „good, clean American boy“.
Das ist wahr, aber es war sehr reizvoll, sie genau entgegen ihrer früheren Filmrollen zu besetzen — sowohl für mich als auch für sie.
Haben Sie Keanu Reeves in „Point Break“ von Kathryn Bigelow gesehen?
Ja. Ich fand ihn sehr gut. Der Film ist sehr brutal, und es erschreckt mich ziemlich, wie das Publikum. diese typische College-Fraktion mit ihren College-Girls, wie die auf diese Macho-Attitüde des Films positiv reagierten. Das macht ihnen wirklich Spaß. Das Ganze ist fast wie ein James-Bond-Film, diese Action und die Stunts, alles sehr macho und sexistisch, aber alles natürlich auf eine interessante Art und Weise. Es ist eine Art „neuer“ Macho-Film, aber verstörend, für Leute, die nicht viel nachdenken wollen. die gerne sehen, wie jemand verprügelt wird, ein paar Surfer-Szenen, und die dann nach Hause gehen.
Sie haben zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten von „My Own Private Idaho“ Ihren Schauspielern Herzogs „Stroszek“ und Kubricks „A Clockwork Orange“ gezeigt. Warum?
Clockwork Orange vor allem im Hinblick auf das Licht und Stroszek, weil die Story und die Figur sehr interessant sind, dazu kam noch Herz aus Glas von Herzog. weil da einfach eine gewisse Stimmung ist. die mich beeindruckte.
Haben Sie mit Reeves und Phoenix während des Films viel improvisiert?
Ja. mit River mehr als mit Keanu. Die Szene am Feuer zwischen den beiden war ziemlich genau festgeschrieben, aber River hat sie umgearbeitet, zumindest seine Rolle. Die Szene war ihm sehr wichtig. Es will ja auch gar nicht jeder Schauspieler seine Rolle umschreiben – einfach, weil er meint, das sei zu anstrengend. Ein Theaterschauspieler beispielsweise würde das vermutlich nie tun, weil man ihm eingetrichtert hat, man müsse den Willen des Autors respektieren. Aber hier, wo ich als Autor sogar anwesend bin, kann ich das vertreten, und wenn mich etwas stört, dann sage ich das auch. Aber wenn eine gute Idee kommt, wie die von River Phoenix in der Liebesszene am Lagerfeuer. akzeptiere ich das gerne. Jeder mochte das. Ich war versucht, ihm zu sagen, er solle das nicht tun, es nicht umschreiben. Er war ziemlich nervös, aber nicht aggressiv, nicht so, daß er die Rolle plötzlich nicht gemocht hätte er sah nur etwas. was noch nicht drinnen war. Er kam zu diesem Treffen, das er und Keanu und ich am Tag, bevor wir die Szene drehen wollten, hatten, und wir wollten das Ganze einmal durchgehen. Da kam also River mit einer Menge Notizen, einem unglaublichen Gekritzel, das er nicht einmal vorlesen konnte, weil er es selber kaum lesen konnte. Er solle es mit Maschine schreiben, daß wir es auch lesen würden können, aber er sagte: „Nein, wir gehen es einmal durch, um zu sehen, ob du es auch magst.“ Also spielten er und Keanu das Ganze. Offenbar hatten sie sich vorher schon getroffen. Keanu war einverstanden, und ich sagte, wir werden sehen, wie das funktioniert. Sie gingen ins Hotel zurück, und am nächsten Tag drehten wir die Szene. Es war übrigens die letzte, die wir noch vor uns hatten. River wußte auch genau. wie er das gefilmt haben wollte. Es war wirklich seine Szene, und alles ging wirklich sehr schnell.
Es gibt eine Menge Möglichkeiten, den offenen Schluß zu interpretieren, wenn River Phoenix auf der Straße liegt und jemand mit einem Auto vorbeikommt, um ihn mitzunehmen. Bevorzugen Sie eine dieser Interpretationen?
Nein. Ich weiß nur, daß er irgendwo hinfährt, wegfährt. aber wir wissen nicht, wohin. Ich muß es auch nicht wissen. Das Publikum projiziert da wohl ziemlich viel hinein und will ein konkretes Ende.
Haben Sie viele Fassbinder-Filme gesehen? Besonders das Ende von „My Own Private ldaho“ erinnert doch sehr stark an den Schluß von „Faustrecht der Freiheit“, wo Fassbinder tot in der U-Bahnstation liegt?
Ich habe tatsächlich viele Fassbinder-Filme gesehen, aber ich weiß nicht, wie sehr mich das beeinflußt hat.
Glauben Sie, daß sich das amerikanische Kino in puncto Homosexualität geändert hat – nach der großen AIDS-Phobie und nach Filmen wie „Longtime Companion“ oder auch den Ihren?
AIDS hat das Bewußtsein für diese Dinge geschärft, weil die Leute ja wirklich reihenweise gestorben sind. Man hat sich dieser homosexuellen Kultur, die praktisch ja fast völlig verdrängt war, wieder erinnert. Erst in den siebziger Jahren wurde die schwule Kultur wirklich zur Kenntnis genommen. AIDS hat diesen Prozeß der Identitätsfindung der Homosexuellen sicherlich beschleunigt. Die Filme über AIDS und über Homosexualität sind sicherlich auch durch diesen Trend zur Identitätsfindung mitbestimmt. Ich weiß nicht, wie das Publikum wirklich darauf reagiert, aber offensichtlich ganz gut, denn die Filme machen Geld, und Harvey Fiersteins Stück „Torch Song Trilogy“ kam sehr gut an.
Warum haben Sie beschlossen, die Sexszenen einfach in Standfotos aufzulösen?
Ich wollte sie als weniger wichtig erscheinen lassen. Das Wichtigste kommt auch in den Standfotos rüber. ohne daß man da noch groß ins Detail gehen müßte.
Hat da auch die Überlegung, amerikanische Zuschauer nicht zu überfordern, eine Rolle gespielt?
Ja. Ich wollte nicht gerade mit Sexszenen provozieren. Ich hatte das leicht tun können, aber diese Szenen haben einfach keine so große Bedeutung.

Wie kommt dieser fast dokumentarische Teil mir den Strichjungen, die über ihre Erlebnisse sprechen, in die Handlung, die doch sonst eher zage vorangeht?
Das war so eine Idee, die mir sehr interessant schien, diese Art von Einbruch der Realität in eine fiktive Handlung. wie in manchen Filmen der vierziger und fünfziger Jahre.
Die Anziehung, die Shakespeare auf Sie ausübt, ist die allgemein oder eher auf „Henry IV.“ beschränkt?
Ich interessierte mich für die Geschichte, aber ich bin nicht so versiert in Sachen Shakespeare. Ursprünglich schrieb ich ein Drehbuch, das ganz auf Shakespeare ausgerichtet war, aber dann verband ich es mit dem anderen, das ich schon vorher geschrieben hatte – über die Straße, die Reise.
Wie würden Sie Ihren ersten Film „Mala Noche“ mit „My Own Private ldaho“ vergleichen?
Nun, beide spielen auf den Straßen von Portland. Einer handelt von einem mexikanischen Einwanderer, der eine Beziehung mit einem Verkäufer hat, aber es ist genauso eine Art „street story“ mit Leuten, die auf Grund ihrer sexuellen Andersartigkeit am Rande stehen. In Mala Noche benützt Johnny seine sexuelle Attraktivität, um das zu bekommen, was er haben will. In ldaho verkaufen diese Leute ihre Körper, um zu Geld zu kommen, das ist also ziemlich ähnlich.
Eine interessante Parallele zu „Drugstore Cowboy“ scheint mir die Tatsache zu sein, daß es jeweils eine Art seltsamer „Ersatzfamilie“ gibt.
Ja, das stimmt sicher. Jeder braucht eine Art Familie. Und wenn man keine hat, sucht man sich so etwas ähnliches. Es ist irgendwie das zentrale Thema aller drei Filme.
Haben Sie jemals daran gedacht, auch Matt Dillon nach „Drugstore Cowboy“ wieder einzusetzen?
Ich habe ihm die Rolle als Rivers Bruder angeboten, aber er nahm sie nicht an.
Woher kennen Sie William S. Burroughs, der ebenfalls in „Drugstore Cowboy“ mitspielt?
Ich kenne ihn seit den siebziger Jahren. als ich einen Kurzfilm nach einer seiner Geschichten schrieb. Also bot ich ihm die Rolle an, und er akzeptierte sie. Auch er schrieb übrigens seine Rolle um, und alles, was er im Film sagt, stammt eigentlich von ihm und seinem Sekretär James.
Wie haben Sie Madonna für Ihr nächstes Projekt, „Even Cowgirls Get the Blues“. interessiert?
Sie kam zu uns. Sie wollte das machen.
Wird das eine Art „Mainstream“-Film?
Mehr als meine bisherigen Filme, sicher. Aber wie das genau aussehen wird, weiß ich noch nicht.
Der Film soll von TriStar produziert werden, jener Gesellschaft, die zuletzt „My Own Private Idaho“ wegen seines Inhalts abgelehnt hat.
Ich glaube, Idaho war ihnen nicht Mainstream genug. Auch die beiden Stars konnten daran nichts ändern. So eine Firma kann sich das nicht leisten, einen Film zu machen, der nicht von vornherein ein großes Publikum garantiert. Es braucht Zeit und Energie, um einen Film zu machen, und wenn der dann nur zwei Millionen Dollar einspielt, dann erscheint ihnen das den Aufwand nicht wert. Ich glaube weniger, daß der Inhalt sie gestört hat, sondern lediglich die Aussicht, daß der Film nicht genug Geld einspielen würde. Eine Gesellschaft wie TriStar muß im Jahr eine Milliarde Dollar verdienen, nur um die Ausgaben wieder herinnen zu haben. Da ist für kleine Filme kein Platz.
Wieviel hat Ihr Film gekostet?
Zweieinhalb Millionen Dollar. Aber das ist nicht das Problem. Sie kümmern sich nicht so sehr darum, wieviel ein Film kostet, sondern darum, wieviel er einspielen wird.
Gibt es überhaupt noch die Freiheit, unabhängig zu arbeiten?
Ja, sehr sogar. Einfach, weil man nicht gezwungen ist, soviel Geld zu scheffeln. Also kann man auch Themen wählen, die nicht allgemein anerkannt werden.
Wie kamen Sie mit Ihrer Produzentin Laurie Parker zusammen?
Sie war Executive Producer bei Drugstore Cowboy, für eine Firma namens Avenue Pictures. Sie hat mehr oder weniger dafür gesorgt, daß dieser Film überhaupt gemacht wurde. Also habe ich sie auch für My Own Private ldaho als Produzentin gewählt.
Stimmt es, daß Sie einen Andy-Warhol-Film drehen wollen?
Ich hoffe schon, eines Tages. Ich habe ein Drehbuch geschrieben und hoffe, daß irgendwann alles funktioniert, daß dieser Film entstehen kann.
Diese Pop-Art-Einflüsse, die fliegenden Kühe in „Drugstore Cowboy“ und hier diese Zeitschriften-Cover, die sozusagen lebendig werden, kommt das von Ihrer Begeisterung für Warhol?
Das hat sicher damit zu tun. Die Kunst der sechziger Jahre hat mich sehr beeinflußt.
Das Interview fand anläßlich des „Festivals des amerikanischen Films“ am 7.9.1991 in Deauville, Frankreich, statt
Das Interview erschien anlässlich des Kinostarts von „My Own Private Idaho“ im Falter 47/91 (November 1991)



