Melvilles bester Schüler
Bertrand Tavernier, dessen neuer Film „L.627“ bei der Viennale seine österreichische Uraufführung erlebt, verbindet wie sein großer Lehrherr Jean-Pierre Melville europäische Filmtradition mit dem US-Gangsterkino. Erfolgreichstes Beispiel: „Der Saustall“ mit dem unvergleichlichen Philippe Noiret. Ein Porträt.

Bertrand Tavernier ist ein wahrhaft erstaunlicher Mann: 1941 in Lyon geboren, studiert er zunächst zwei Jahre Jus, wird dann Presseagent und Filmkritiker. Wie bei vielen anderen berühmten französischen Regisseuren, etwa Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol oder Eric Rohmer kann man sein Gesamtwerk nicht würdigen, ohne seine Arbeit als Kritiker miteinzubeziehen. Zusammen mit seinem langjährigen Freund und Kollegen Jean-Pierre Coursodon ist er verantwortlich für eines der Standardwerke französischer Filmberichterstattung: 1961 lieferte Tavernier noch kleine Beiträge zu „20 Ans de Cinema Americain“ („Zwanzig Jahre amerikanisches Kino“, herausgegeben von Coursodon und dem später ebenfalls als Regisseur bekannt gewordenen Yves Boisset). 1969 war er bereits Mitherausgeber. Im Frühjahr 1991 schließlich erschien eine vollständig erneuerte und erweiterte Ausgabe des Werks unter dem Titel „50 Ans de Cinema Americain“, ein gigantischer Rückblick auf (eine bewußt eingegrenzte) Periode in der Geschichte Hollywoods. Dabei wurden, wie Tavernier offen eingesteht, „historische“ Irrtümer der Ausgabe von1969 korrigiert und viele berühmte Regisseure, wie Robert Aldrich, Howard Hawks oder Fred Zinnemann einer neuen Bewertung unterzogen. Tavernier ist ein fanatischer Bewunderer der „Glanzzeit“ Hollywoods, aber auch vieler, vieler Außenseiter, die niemals den ihnen zustehenden Rang in der Filmgeschichtsschreibung erlangten. Sein Wissen über den amerikanischen Film ist lexikalisch, und er ist berühmt dafür, daß er bei jeder Reise in die Vereinigten Staaten einen leeren Koffer bei sich hat, den er mit Videos und Laserdiscs von Klassikern, Raritäten und Wiederentdeckungen vollstopft.
Die Liebe zum amerikanischen Kino ist auch unverkennbar in seiner ebenso bemerkenswerten Karriere als Filmemacher. Es ist wohl kein Zufall. daß er als junger Volontär bei jenem Mann lernte, der die Übertragung der amerikanischen Kino-Tugenden ins Französische wie kein anderer beherrschte: Jean-Pierre Melville, dessen Hommagen an das amerikanische Gangsterkino (,.Der zweite Atem“, „Der Teufel mit der weißen Weste“, „Der eiskalte Engel“) längst legendär sind. Wie Melville hat Tavernier aber nie seine französische Identität verleugnet, ist nie ein bloßer Epigone Hollywoods gewesen. und gilt zu Recht heute als einer der größten europäischen Regisseure der Gegenwart: Europa, das heißt bei ihm die Besinnung auf die „traditionell“ europäische Filmkunst, nicht aber ungenießbare Großproduktionen, die mit Hollywood bestenfalls das enorme Budget gemeinsam haben. Nach einigen kleineren Regiearbeiten (in Episodenfilmen) und dem Schreiben von Drehbüchern für andere Regisseure wurde Tavernier mit „Der Uhrmacher von St. Paul“ (1973), nach einem Roman des Maigret-Erfinders Georges Simenon, über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt.
Philippe Noiret, einer von Taverniers erklärten Lieblingsschauspielern, mit dem er später noch mehrmals zusammenarbeitete, spielt darin einen Vater, der erkennen muß, daß sein Sohn ein Mörder ist. Schon in diesem Film sind alle Qualitäten des Drehbuchautors und Regisseurs Tavernier präsent, allen voran die überzeugende Charakterisierung seiner Figuren, die sich niemals in ein Schwarz-Weiß-Schema rügen. Die Ambivalenz seiner Hauptgestalten zeigt sich besonders meisterlich in „Saustall“ (1981), seinem wohl berühmtesten Film, der ihm nicht weniger als elf Nominierungen für den französischen Filmpreis César und eine Oscar-Nominierung als bester ausländischer Film einbrachte. Wieder ist es Philippe Noiret, der als zunächst apathischer Dorfpolizist in einem Kaff in Kolonial-Afrika mit seinen Widersachern aufräumt und dabei in all seiner Amoralität turmhoch über der korrupten sogenannten „Zivilisation“ seiner Umgebung steht.
Die Romanvorlage zum „Saustall“ stammt übrigens – auch hier zeigt sich Taverniers präzise Kenntnis der amerikanischen Populärkultur – von einem der besten amerikanischen „hardboiled writers“, Jim Thompson, dessen Schaffen in den achtziger Jahren zum fruchtbaren Quell für Filmemacher (etwa Stephen Frears‘ „The Grifters“) wurde. Zwischen „Uhrmacher von St. Paul“ und dem „Saustall“ entstanden nicht minder beeindruckende Werke wie „Wenn das Fest beginnt“ (1974), „Der Richter und der Mörder“ (1975), „Verwöhnte Kinder“ (1976) und „Der gekaufte Tod“ (1980, mit Romy Schneider, Harvey Keitel und Harry Dean Stanton), eine düstere Zukunftsversion über eine sensationsgeile Mediengesellschaft, in der nur noch der Tod eines Menschen live im TV (Originaltitel: „La Mort en direct“) so etwas wie Nervenkitzel bedeutet. In den achtziger Jahren wurde jeder Tavernier Film zu einem Großereignis des europäischen Kinos, egal ob „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1984, Regiepreis in Cannes), „Um Mitternacht“, seine Hommage an den Jazz (Oscar für die Filmmusik Herbie Hancocks), das mittelalterliche Drama „La Passion Béatrice“, ob „Das Leben und nichts anderes“ (Preis der amerikanischen Kritiker für den besten europäischen Film) oder sein bislang letzter Spielfilm, „Daddy Nostalgie“, ein ungewöhnliches Melodram, ein Kammerspiel in Cinemascope (!) mit einer wunderbaren Rolle für den großen Dirk Bogarde. Neben seinem beeindruckenden Spielfilmschaffen hat Tavernier auch eine stattliche Anzahl von Dokumentarfilmen gedreht, deren letzter, „La Guerre sans Nom“ (Der Krieg ohne Namen) sich mit der fragwürdigen Rolle Frankreichs als Kolonialmacht in Algerien beschäftigt.
Nach so vielen Superlativen ist es nicht verwunderlich, daß „L.627“ mit besonderer Spannung erwartet wird. Es geht um die Pariser Polizei, genauer gesagt um eine Einheit der Drogenfahndung (der ein wenig rätselhafte Titel bezieht sich auf ein entsprechendes Gesetz mit dieser Nummer), aber wer Tavernier kennt, weiß, daß nicht das Übliche zu erwarten ist: kein Polizei-Kumpel-Film (à la „Lethal Weapon“, kein Desillusionierter-Cop-räumt-auf-Film (à la „Dirty Harry“) und auch kein Superheld (ä la „Die Hard“). In einer ungewöhnlichen Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm erzählt Tavernier vom tristen Alltag in den Pariser Straßen abseits des Glamours einer Weltstadt und touristischen Zentrums. Es geht um die zermürbende Kleinarbeit, die Schwierigkeiten mit besserwisserischen Vorgesetzten, die die Welt vor allem vom Schreibtisch aus erleben, um die drastischen Defizite, was Personal und Material betrifft, um den täglichen Kleinkrieg mit Drogenhandel, Prostitution und Elend. Taverniers „Held“ ist ein 35-jähriger Kriminalbeamter namens Lucien Marguet, Spitzname „Lulu“, der trotz aller gegenteiligen Erfahrungen die Hoffnung (auf was auch immer) noch nicht aufgegeben hat.
Ein Disput mit einem Vorgesetzten bringt ihm einen Schreibtischposten ein, ihm, der seit dreizehn Jahren mit Leidenschaft auf den Straßen zuhause war. Nur der Freundschaft mit Kommissar Adore verdankt er es, daß er der Drogenfahndung zugeteilt wird und nicht im Büro versauern muß. „L.627“ entstand nach den Erzählungen und in enger Zusammenarbeit mit dem Drogenfahnder Michel Alexandre, der selbst fünfzehn Jahre lang in einer ähnlichen Einheit tätig war. „Die französische Politik verkennt die Realität. Das ist eine meiner polemischen Thesen,“ meint Tavernier. Und weiter: „Ich halte es für kriminell, diesen Polizisten keine Unterstützung, keine Politik und kein Leitbild zu geben. Es ist kein Wunder, daß die schlimmsten Repressionen hier passieren, wenn man die Leute so völlig allein und unvorbereitet läßt.“
Tavernier kreidet die Mißstände nicht den völlig überlasteten und unterbezahlten Polizisten an, sondern einer Gesellschaft und einer Politik, die sich die Polizei hält, um mit den Problemen, die sie selbst geschaffen haben, fertigzuwerden. Wie die Polizisten zu Rande kommen, interessiert niemanden, weil die schmutzige Arbeit nicht fotogen ist, meint Tavernier: „Die mobile Einsatztruppe, die CRS, stattet man mit allem aus, weil sie oft im Fernsehen zu sehen ist, aber die underdogs hier, die sieht man nicht, deshalb gibt man ihnen auch nichts.“ Für Zündstoff aller Art ist also gesorgt, und die Kontroversen um Taverniers Film ließen in Frankreich auch nicht lange auf sich warten. „L.627“ ist ein aufrüttelnder Film, ebenso brutal und schockierend, wie er auf der anderen Seite menschlich und verständnisvoll ist, eine eindrucksvolle Studie über den Rand der Gesellschaft, über den sich der brave Bürger viel zu wenig Gedanken macht.
Der Text erschien im täglichen Viennale-Skip am 25. Oktober 1992.



