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InterviewsSteve MartinSeptember 1992

Mit Kant und Disney auf den Mars

Diese Woche kommt „Housesitter“, das neueste Gag-Feuerwerk mit Steve Martin, in unsere Kinos. Hier ein Interview mit dem Starkomiker – über Komik im allgemeinen und über Michael Jacksons Leibwächter

Steve Martin, Goldie Hawn
Steve Martin, Goldie HawnFoto: Universal Pictures

Weitgehend geglückte amerikanische Komödien sind eher selten geworden. Fast immer, wenn eine solche doch in unsere Kinos kommt, ist der Drehbuchautor, Produzent und – vor allem – Vollblutkomiker Steve Martin daran beteiligt. So auch im Fall von Housesitter – Lügen haben schöne Beine. Der vermutlich 47Jährige (die genauen Daten und Hintergründe seiner Geburt hält er wohlweislich geheim) verkörpert hier einen reputierlichen Durchschnittsneurotiker, dessen Intimsphäre durch eine Besetzung seines Hauses durch eine zwanghafte Lügnerin (Goldie Hawn) empfindlich gestört wird. Wie schon in früheren Zwerchfell-Sternstunden – von Carl Reiners Tote tragen eine Karos (1982) über Solo für zwei (1985) bis herauf zu My Blue Heaven (1991) von Herbert Ross funktioniert hier das bewährte Erfolgsrezept: Ein eher durchschnittlicher Regisseur (in diesem Fall: Frank Oz) schafft seinem Star das Podium für anarchische Eskapaden. Ausnahme: die märchenhafte, geniale Romanze L A. Story (1991)

Wann haben Sie begonnen, sich für Komik zu interessieren?
Ich habe schon auf der High School immer versucht, komisch zu sein. Ich bin mit den US-Fernsehkomikern der 50er aufgewachsen. Das hat mich inspiriert.

Sie haben Philosophie studiert und in Disneyland als Zauberer gearbeitet. Wie sehr haben Sie diese beiden Dinge beeinflußt?
Kant, Disney ... In der Philosophie habe ich sicher einen Sinn für das Absurde gelernt, dafür, daß die Dinge, die wir so schrecklich ernst nehmen, vielleicht nicht so wichtig sind. In Disneyland habe ich eine Menge Spaß gehabt. Ich habe also von beidem profitiert.

In den 60ern sind Sie als „standup comedian“ durch unzählige Nightclubs getingelt. War das nicht ein sehr brutales Geschäft?
Ja, aber ich war damals jung genug, es nicht zu spüren. Wenn man zurückschaut, war es schon sehr schwierig: von einer Stadt in die andere, oft nur für eine Nacht. Damals mochte ich es.

Früher oder später wollen die meisten Komiker auch ernste Rollen spielen. Wie ist das bei Ihnen?
Ja, ich habe gerade einen dramatischen Film abgedreht, Leap of Faith. Ich spiele einen Prediger, es eine tolle Rolle, Aber ich habe schon mit Grand Canyon oder noch früher mit Pennies from Heaven versucht, etwas Ernsteres zu machen.

Glauben Sie, daß Ihr Humor sehr amerikanisch ist oder eher universal?
Universal – das schließt wohl den Mars mit ein? Das hängt vom Film ab. Manche Filme schaffen es, überall verstanden zu werden, manche nicht. Ich glaube, bei Housesitter ist das kein Problem. Ich glaube, er hat universale Qualitäten, besonders, da er von Universal produziert wurde.

Was ist für Sie schwieriger: Komödie zu spielen oder Dramatisches?
Ich glaube, Komödie ist schwieriger, weil man mehr Auswahl hat: sehr aufgedreht, eher leise, etc. Im Drama gibt es diese Möglichkeiten nicht. Man versucht einfach, eine Szene möglichst wahrheitsgetreu zu spielen.

Gibt es für Sie Grenzen oder Tabus, was die Satire betrifft? Minderheiten z. B. oder Behinderte?
Jetzt schon. Wenn man jung ist, attackiert man einfach alles. Wenn man älter wird und auch mitbekommt, was manche Leute durchmachen, neigt man dazu, seine Worte sorgfältiger zu wählen.

Haben Sie spezielle Vorstellungen davon, was die Komödie erreichen kann, oder soll sie nur unterhalten?
Das ist nun wirklich nicht so leicht zu sagen. Ich meine, dramatische Filme können einen unterhalten, einen zum Denken anregen oder zu Tränen rühren. Die Komödie kann genau dasselbe tief bewegen oder so dumm-unterhaltend sein, daß man Tränen lacht, sie aber gleich vergißt.

Wo siedeln Sie hier „Housesitter“ an?
Es ging sicher mehr um das Lachen, um die Überraschungen, darum, die Geschichte voranzutreiben. Man soll einfach ein gutes Gefühl haben, wenn man den Film gesehen hat.

Bald sind Wahlen in den USA. Wie sehr reizen Sie politische Scherze?
Im Film ist das schwer. Einen Film fertigzustellen, dauert sechs bis acht Monate. Ein politischer Scherz ist bis dahin längst überholt. Ich habe keine Probleme damit, und wenn mir einer einfiele, würde ich ihn jetzt auch sofort machen.

Wie sehr hohen andere Komiker Sie beeinflußt, die Marx Brothers etwa oder Charlie Chaplin?
Ich war immer mehr auf der Seite von Chaplin oder Laurel und Hardy, obwohl die Marx Brothers auch sehr gut und komisch sind. Und dann mag ich natürlich Jerry Lewis, obwohl er in seiner Karriere so manchen Fehler machte.

Gehen Sie heute noch gerne ins Kino?
Es ist schwierig. Meine grauen Haare fallen überall auf. Ich bin immer schnell von einer Menge umringt. Und wissen Sie, wer am schlimmsten ist? Michael Jacksons Leibwächter lassen mich einfach nicht in Ruhe.

Komiker sind sehr oft mit einem bestimmten Regisseur verbunden und umgekehrt, zum Beispiel Peter Sellers mit Blake Edwards oder Jerry Lewis mit Frank Tashlin…

Dabei hätte er auch bleiben sollen. Heute ist das schwieriger. Ich habe vier Filme mit Carl Reiner gemacht und drei mit Frank Oz, aber bei kontinuierlicher Arbeit gibt es oft ein Zeitproblem. Zu Zeiten des Studiosystems war das sicher leichter, weil die Leute zusammenblieben.

Wie interessant ist der Oscar für Sie?
Wollen Sie mir einen geben? Nein, im Ernst: Oscars gehen meist an Leute, die Behinderte gespielt und dabei geweint haben, ohne daß ich irgendwelche Leistungen schmälern will.

Wenn Sie auf Partys gehen, erwarten dann die Leute, daß Sie immer komisch sind? Kommen sie auch mit Problemen zu Ihnen?
Es ist wirklich nicht einfach. Wenn ich etwas völlig Normales sage wie „Wie spät ist es?“ oder „Kann ich noch ein Glas Wasser haben?“, fangen die Leute an zu prusten: „Er ist so lustig."

Sie haben eine ansehnliche Sammlung zeitgenössischer Kunst. Malen Sie selbst auch?
Oh nein. Ich bin schrecklich. Das Papier ist weniger wert als vorher, wenn ich darauf gemalt habe.

Der Text erschien in Der Standard am 16. September 1992.

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