Alle Texte
InterviewsSpike LeeAugust 1991

Mit schwarzem Kino macht man großes Geld

Der amerikanische Erfolgsregisseur Spike Lee erzählt im Interview über seinen neuen Film „Jungle Fever“ und beschreibt die Situation des schwarzen US-Kinos.

Spike Lee
Spike LeeFoto: José Cruz/ABr, CC BY 3.0 BR

Sie werden als „Pate“ des neuen schwarzen US-Kinos gefeiert. Es scheint, als ob Sie sich recht nahtlos in den „Mainstream“ einfügen.

Wenn etwas an meinen Filmen Mainstream ist, dann sicher nicht die Geschichte, oder wie sie erzählt wird, sondern höchstens das größere Budget und die Tatsache, daß Jungle Fever eben auf vernünftige Art und Weise vertrieben wird. Ich bin sicher in einer Position, in der ich anderen helfen kann. Aber zum Glück bin ich weit vom Status à la Madonna entfernt, von Leuten, die ohne Leibwächter keinen Schritt mehr tun können. Das würde mir wirklich Angst machen.

Sie haben aus Ihrem neuen Film „Jungle Fever“ den Vorspann herausgeschnitten, in dem Sie Gegnern, die Sie des umgekehrten Rassismus bezichtigen, empfahlen, sie könnten Ihren Arsch küssen?
Schwarzen Arsch! Zweimal! Das hatte rein praktische Gründe. Der Film dauerte in der ersten Fassung zwei Stunden und 45 Minuten, also mußte etwas raus.

Warum, glauben Sie, sind die großen Studios bei schwarzen Filmen jetzt so großzügig?
Weil sie erkannt haben, daß damit eine Menge Geld zu machen ist. Wenn die Bosse eines Tages plötzlich aufwachen und sagen: Das war‘s, dann ist es wieder vorbei. Dann wird es wichtig sein, alternative Formen der Finanzierung und der Vermarktung parat zu haben.

Wie repräsentativ ist „Jungle Fever“ für das Leben der amerikanischen Schwarzen?
Nun, ein Filmemacher kann nur einen Ausschnitt präsentieren – die schwarze Bevölkerung ist ja kein monolithischer Block.

Die Liebenden in „Jungle Fever“, eine Italienerin und ein Schwarzer, sind auch in ihrem sozialen Status völlig verschieden. Ist das nicht sehr unrealistisch?
Mag sein. Man hat mir vorgeschlagen, wenigstens Angies sozialen Level zu revidieren, aber genau das ist so entscheidend: das Umfeld, aus dem sie kommt, Bensonhurst, wo tatsächlich italienische Arbeiterfamilien leben. Käme sie aus Greenwich Village, wäre die Beziehung kein Problem. Dort sieht man Millionen gemischtrassiger Paare. Aber kein Schwarzer kann mit einem weißen Mädchen durch Bensonhurst gehen. Zumindest kann er nachher nichts mehr darüber erzählen. Es hat auch einige Bombendrohungen gegeben, als wir dort drehten.

Warum ist das Verhältnis zwischen Italienern und Schwarzen so gespannt?
Vielleicht, weil sie einander ähnlich sind. Wenn ich John Turturro anschaue: Er ist für mich wie ein Schwarzer! Man darf das nicht laut sagen, aber Sizilien ist ja nicht so weit weg von Afrika.

Als der Schwarze Rodney King in Los Angeles von weißen Polizisten halb tot geprügelt wurde: Wie haben Sie da reagiert?
Ich und die meisten Schwarzen, wir haben überhaupt nicht reagiert, weil wir wissen, daß das einfach die alltägliche Praxis ist. Es waren lediglich die weißen Amerikaner, die aufgejault haben: Huch, wie konnte das passieren? Natürlich passiert das jeden Tag. Es war nur Pech für die Polizei von L. A., daß diesmal jemand da war, der das mit seiner Home-Videokamera gefilmt hat.

Wie steht es mit Ihrem Malcolm-X-Projekt?
Das läuft. Denzel Washington wird Malcolm X spielen, und Warner wird den Film produzieren. Malcolm X ist heute populärer als je zuvor, er ist eine Art Heiliger. Ich will aber einen realistischen Film drehen, der zeigen soll, wie jemand vom untersten Rand der Gesellschaft, ein Zuhälter und Drogenhändler, sich verändern konnte, mit Hilfe einer Bildung. die er sich selbst im Gefängnis angeeignet hatte.

Wer waren für Sie die größten Vorbilder?
Meine Eltern, meine Familie. Und am meisten beeindruckte mich immer die schwarze Kultur, die Literatur, die Musik. Leider sind wir mit dem schwarzen Kino noch nicht so weit, wie wir es in Musik, Tanz oder Sport gebracht haben. Wir haben leider noch keinen James Baldwin oder Duke Ellington des schwarzen Films. Aber ich bin sicher: Eines Tages werden wir es schaffen.

Was halten Sie von Stars wie Michael Jackson, die krampfhaft versuchen, sich an die Weißen anzupassen?
Wer weiß, was Michael wirklich tut? Ich habe in der Vergangenheit nicht sehr nette Dinge über ihn gesagt. Das tut mir heute leid. Ich hoffe für ihn, daß die kosmetische Chirurgie sich nicht als Rohrkrepierer erweist. Sie ist noch sehr neu, und die Leute, die sich so etwas jetzt schon machen lassen, sind wie Versuchskaninchen. Wer sagt, daß die neue Nase nicht wieder abfällt? Ich hätte jedenfalls höllische Angst.

Das Interview erschien in Der Standard am 9. August 1991.

Anzeige

ray Filmmagazin – Ein Magazin. 20 Jahre Filmgeschichte.

Weiterlesen