Mut zum Risiko
Anfang Mai 1994 war der aus Österreich stammende amerikanische Erfolgsproduzent Eric Pleskow in Wien zu Gast. Bei einem Gesprächsabend im Café Griensteidl nahm er unter anderem zu Möglichkeiten und internationalen Chancen des österreichischen Films Stellung.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate – im Oktober 1993 hatte er am Emigranten-Symposium der Viennale teilgenommen – kam Eric Pleskow, 1924 in Wien geboren und 1939 vor dem Terror des Nazi-Regimes geflohen, auf Besuch in seine Heimatstadt. Diesmal galt sein Aufenthalt, zu dem ihn der Verband der Filmregisseure, der Produzentenverband und die Filmakademie (wo er auch an einem Seminar mit Studenten teilnahm) eingeladen hatten, vor allem einem Treffen mit österreichischen Produzenten. Dabei erklärte er sich bereit, künftig als eine Art „Ansprechperson“ für österreichische Filmbelange in den USA zu agieren und in puncto Vertrieb und Vermarktung neue Impulse zu setzen. Produzenten und Filmemacher hatten in dieser Sache schon seit Jahresbeginn die Arbeit aufgenommen, die nun – in Zusammenarbeit mit Eric Pleskow -hoffentlich tatkräftig fortgesetzt wird.
Die Reihe „Filmfakten“ schließlich nützte die Gelegenheit, um Pleskow zu einem öffentlichen Gespräch ins Café Griensteidl einzuladen. Die akustische Verständlichkeit der von Wolfgang Glück moderierten Veranstaltung litt zwar etwas darunter, daß diese – ganz im Sinne des Zeitgeists – „unplugged“ durchgeführt wurde, an Klarheit fehlte es aber den Aussagen des amerikanischen Produzenten keineswegs. Pleskow schilderte zunächst seinen beeindruckenden Lebensweg, der ihn, nach der Arbeit als Dokumentarfilmer und als Schnittmeister bei der US-Armee, nach Bayern (als für die Bavaria zuständiger Filmoffizier) geführt hatte.
1951 begann er für die United Artists in Südafrika zu arbeiten und baute ab 1953 eine Filiale der UA in Deutschland auf. 1962 wurde er Vizepräsident, 1973 Präsident der Firma, 1978 gründete Pleskow Orion Pictures, eine unabhängige Firma, die in der Folge den Major Companies gehörig Konkurrenz machte. Insgesamt war Pleskow für zehn Streifen, die den Oscar als „bester Film“ gewannen, verantwortlich. Diese Erfolge fielen ihm keineswegs zu, sondern basierten vor allem auf einem: seinem Mut zum Risiko. Das Drehbuch zu „One Flew Over the Cuckoo's Nest“ war viele Jahre lang in Hollywood zirkuliert, und Kevin Costners (später) triumphales „Dances With Wolves“ hatte -außer Pleskow – überhaupt niemand ernst genommen: „Die einzige sichere Methode, keinen Flop zu produzieren, ist natürlich, alle Drehbücher abzulehnen. Aber so wird man auch nie Erfolg haben.“
Mut zum Risiko, das war es auch, was Pleskow im Verlaufe des Gesprächs von österreichischen Drehbuchautoren, Filmemachern und Produzenten, aber auch von den Förderungsgremien forderte. „Man muß umdenken, auf eine ganz neue Basis kommen“, meinte er im Zusammenhang mit der GATT-Problematik. Nur ein selbstbewußtes, geschlossenes Europa könne der Dominanz des US-Kinos auf Dauer Paroli bieten. Der amerikanische Film hat in Europa seinen Plafond erreicht.“ Was dem europäischen Kino fehle und daher seine Marktchancen schmälere, das seien „die großen Stoffe“, die von den Autoren und Produzenten nicht genützt würden: Der Krieg in Ex-Jugoslawien etwa sei im europäischen (Spiel-)Film so gut wie nicht vorgekommen, man habe sich der Verantwortlichkeit für diese Thematik entzogen.
Die Berührungsängste vieler Europäer gegenüber der amerikanischen Filmszene nannte der Produzent unbegründet. „Vernünftige Amerikaner sind selbstverständlich an einem gesunden europäischen Kino interessiert“ Das betreffe auch die Einsatzmöglichkeiten in amerikanischen Kinos bzw. „arthouses“. Gefragt seien aber Eigeninitiative und ein großes Maß an Flexibilität, das gelte im Übrigen auch für österreichische Produktionen: „Die Tatsache allein, daß ein Drehbuch österreichisch ist, genügt sicher nicht.“ Man müsse sich schon im Anfangsstadium eines Projekts entscheiden, ob man einen „kleinen“ heimischen Film drehen oder ob man sich auf dem internationalen Markt etablieren wolle. Beide Möglichkeiten seien gangbar, das eine ohne das andere nicht sinnvoll. Die nationale Identität, die Beschreibung österreichischer Gegebenheiten und Zustände, zugunsten eines gesichtslosen Internationalismus aufzugeben sei auf jeden Fall ein Holzweg. Wie das Beispiel „Indien“ zeige, sei es aber durchaus möglich, sehr „österreichische“ Filme zu drehen, die sich auch am Box Office zu behaupten wüßten.
Der Text erschien in den Austrian Film News im Juni 1994.



