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RezensionenMalcolm XMärz 1993

Mut zur Message

Jahre nach seiner Ermordung ist Malcolm X, Protagonist der schwarzen Emanzipationsbewegung der sechziger Jahre, eine Kultfigur und Vermarktungsobjekt geworden. Der afroamerikanische Regisseur Spike Lee lieferte dazu mit seiner filmischen Biographie einen weiteren Beitrag.

Denzel Washington, Spike Lee
Denzel Washington, Spike LeeFoto: Constantin Film

Die amerikanische Flagge. Im Off beginnt Denzel Washington, Darsteller des Malcolm X, eine von dessen berühmt gewordenen Brandreden zu halten. Schwarzweiße Videobilder zeigen, wo Spike Lee ansetzt: bei der Gegenwart. Weiße Polizisten schlagen den schwarzen Bürger Rodney King brutal zusammen. Runde zweihundert (!) Minuten später sind wir wieder bei der Gegenwart angelangt: Schulkinder im südafrikanischen Soweto skandieren in Anwesenheit des Bürgerrechtskämpfers Nelson Mandela „I am Malcolm X“, während im Hintergrund eine didaktische Eulogie auf Malcolm X zu hören ist. Es ist eine sinnfällige Klammer. die das eigentliche Geschehen zusammenhält, auch wenn gerade diese lehrhaften Elemente vielen Kritikern sauer aufstoßen.

Nur mit Bezug auf Gegenwart und Zukunft nämlich haben historisch-politische Biopics wie dieses ihre Berechtigung. Während etwa Attenboroughs Gandhi seinen Protagonisten zu einem bloß zeitgeschichtlichen Phänomen degradiert, macht Lee die ungebrochene Bedeutung des Menschen Malcolm X deutlich. Die Kinder sind nicht putzige Dekoration. sondern tatsächlich jene. an die sich der Film letztlich richtet. Lee hat den verpönten Begriff „message“ wörtlich genommen und geniert sich, im Unterschied zu vielen seiner abgeklärten Kollegen, auch nicht dafür. Nur das Wissen um die eigene Geschichte, die Wurzeln, nur Erziehung, Bildung und Fürsorge für die Kinder, so die Botschaft, könne die Schwarzen in den USA (und nicht nur dort) aus dem Teufelskreis vom Diskriminierung, Drogen und Gewalt herausbringen, nur die Stärkung des schwarzen Selbstbewußtseins die zersplitterte Minderheit jemals einen.

Nicht zuletzt reflektiert diese Sicht auch die Biographie des Malcolm X, der sich durch Bildung und Wissen von seiner Herkunft und seinem kriminellen Umfeld lösen konnte. Es ist auffällig und ein wenig seltsam, daß Lee wegen dieses (vermeintlich „altmodischen“) Ansatzes gerade in den USA heftig unter Beschuß geriet. Schwarze Intellektuelle und Journalisten bezichtigten ihn, ein Kleinbürger und rückschrittlich zu sein. Das ist umso bemerkenswerter, als Lee nur das fortsetzt, was prononciert politisch agierende Rapper der mittleren und späten achtziger Jahre genauso taten. Immer wieder wird darauf vergessen, daß es nicht Spike Lee allein war, dem das Verdienst zukommt, Malcolm X wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt zu haben, und sich dabei einer leicht faßlichen Mischung aus pädagogischen und unterhaltenden Elementen (des sogenannten Edutainment) zu bedienen.

Daß Lee das Projekt gegen enorme Widerstände Hollywoods („Die hätten wohl lieber einen Film über Martin Luther King gedreht“), auch und ganz besonders finanzieller Art, durchboxen konnte, verdankt er nicht zuletzt der Solidarität prominenter Schwarzer wie des Basketballstars Michael Jordan oder der Sängerin Tracey Chapman. Die Schwierigkeiten sind in Lees Aufzeichnungen zur Entstehung des Films (siehe Literaturtip) dokumentiert. Lee weist darin auch alle Vorwürfe zurück, er habe den (weißen) Regisseur Norman Jewison (Mondsüchtig) aus seinem Vertrag mit Warner Brothers gedrängt. Jewison selbst habe sich, mangels Inspiration, von dem Projekt verabschiedet. Das Ergebnis zählt. Wie fast immer in solchen Fällen, sind das demonstrativ vor sich hergetragene gute Anliegen und das Resultat zwei Paar Schuhe. Malcolm X ist ein überaus interessanter, aber kein wirklich guter Film geworden, eine Tatsache, über die der ganze Rummel nicht hinwegtäuschen kann. Man sieht auf den ersten Blick, daß Lee (siehe oben) sich bemüht hat, auf sein jugendliches Zielpublikum einzugehen: Kurze, blitzlichtartige Episoden aus Malcolm X' Leben, die das Kurzzeit-Gedächtnis nicht überfordern, erinnern nicht von ungefähr an MTV-Videoclips, eines der geistigen Hauptnahrungsmittel amerikanischer Teenager. Das ist ebenso verständlich, wie es den Film stark zersplittert, ihm die dramatische Geschlossenheit nimmt.

Der große Bogen erschließt sich nicht, das Ganze ist weniger als die Summe seiner Einzelteile. Daran kann auch Denzel Washingtons beeindruckende Darstellung (er spielt Malcolm X als Sechzehnjährigen ebenso überzeugend wie als Vierzigjährigen) nichts ändern. Am auffälligsten werden die Defizite da. wo sich Lee am meisten an konventionelle Hollywood-Filme annähert: In mehr schlecht als recht choreographierten Massenszenen, in der plakativ-einfallslosen Darstellung einer möglichen CIA/FBI-Verstrickung, in der Überbetonung blauen Lichts bei „wichtigen“ Szenen und ganz besonders im gnadenlos Aufmerksamkeit heischenden Saxophon-Gedudel, das einem ansonsten makellosen Soundtrack (von Joe Turner über Lionel Hampton und Billie Holiday bis hin zu den Rappern Arrested Development) beigesellt ist.

Merkwürdig unentschlossen wirkt der Regisseur in heiklen Dingen, wie der fragwürdigen Haltung der Nation of Islam zu den Frauen. „Wir müssen unser wertvollstes Eigentum (sic!) beschützen, unsere Frauen“, heißt es einmal auf einem Transparent, sehr kurz wird die Tatsache gestreift, daß der Ehrwürdige Elijah Muhammad mehrere seiner Mitarbeiterinnen schwängerte – ein Faktum, das immerhin wesentlich zum Bruch zwischen X und Muhammad beitrug.

Lee hält sich ziemlich strikt – bis hin zum wörtlichen Zitat – an die Autobiographie des Malcolm X, die dieser in Zusammenarbeit mit dem späteren Bestsellerautor Alex Hailey („Roots“) geschrieben hatte. Änderungen gegenüber dem Buch, das im Zuge des X-Revivals in den USA zum Bestseller wurde, betreffen vor allem Vereinfachungen, die Lee vornahm, um die Übersichtlichkeit zu wahren. Malocolm X‘ Autobiographie – fesselnd und unterhaltsam, trotz des blühenden Unsinns, der sich bisweilen darin findet (wie die Theorie vom bösen Mr. Yacub, der der ursprünglich schwarzen Erdbevölkerung den „weißen Teufel“ beschert haben soll) –, hebt sich angenehm von deren Vermarktung ab. Nicht nur Kappen, T-Shirts und Kaffeetassen werden zum Film verhökert, sondern auch gut dreißig verschiedene Bücher, die in der einen oder anderen Hinsicht mit Malcolm X zu tun haben wollen. Der Historiker Bruce Perry (siehe Kasten) wollte es besonders genau wissen: Seine überaus akribische (mit Tausenden Fußnoten und Anmerkungen gespickte) Biographie für den angestrengten Hausgebrauch nimmt sich nicht mehr und nicht weniger vor, als die Autobiographie auf jede kleinste Unachtsamkeit und Auslassung abzuklopfen. Der ermüdete Leser bleibt dabei auf der Strecke – ein Grund mehr, sich mit Spike Lees Filmversion auseinanderzusetzen.

Ab Freitag im Kino

Malcolm Little / Malcolm X

Geboren am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska, aufgewachsen in der Nähe von Detroit. Sein Vater, ein radikaler Prediger im Dienste von Marcus Garvey, der die „Heimkehr“ aller Schwarzen nach Afrika propagierte, wurde 1931 ermordet. 1941 kam Little nach Boston, später nach New York und schlug sich als kleiner Gangster, als sogenannter Hustler, in den Bars, Clubs und auf den Straßen von Harlem durch. 1946 wurde er wegen Raubes zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis machte er Bekanntschaft mit den Lehren Elijah Muhammads, des Gründers der Nation of Islam (der „Black Muslims“) und verschaffte sich seine Bildung vornehmlich durch Lesen. Nach seiner Entlassung – er nannte sich mittlerweile Malcolm X, weil alle Familiennamen den Schwarzen von den weißen Sklavenhaltern aufgezwungen worden wären – stellte er sich rückhaltlos in den Dienst der Nation of Islam und predigte die radikale Separation der Farbigen – im direkten Gegensatz zu Martin Luther King, einem Befürworter der friedlichen Integration ins weiße Amerika. Malcolm X‘ wachsende Popularität und sein Kommentar zur Ermordung Kennedys, die er als „Sache der Weißen“ abtat, brachten ihn in Konflikt mit Elijah Muhammad. Nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka 1964 begann X von seinen radikalen Positionen abzugehen und das Verbindende zwischen den Rassen über das Trennende zu stellen. Es kam zum endgültigen Bruch mit der Nation of Islam. Acht Tage nach einem Brandanschlag auf sein Haus wurde Malcolm X am 21. Februar 1965 während einer Rede im Audubon Ballroom in New York von mehreren Attentätern aus dem Umkreis der Nation of Islam erschossen. Das FBI, dem man zumindest die Duldung des zu erwartenden Anschlags unterstellt, hält bis heute die meisten Akten zu dem Fall unter Verschluß.

Literatur (Auswahl)

- The Autobiography of Malcolm X, as told to Alex Hailey. Ballantine (New York, 1992) ca. öS 100,-, 1993 auch auf Deutsch bei Agipa Press erschienen (ca. öS 300,-)

- Bruce Perry: Malcolm X. Ein Mann verändert Amerika. Junius (Hamburg, 1993), ca. öS 300,-

- Spike Lee (with Ralph Wiley): By any means necessary. The Trials and Tribulations of the Making of Malcolm X. Including the screenplay. Vintage (London, 1993), öS 224,-

Der Text erschien anlässlich des KInostarts von „Malcolm X“ im Falter 10/93 (Maärz 1993)

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