Enthüllungen
Die Filme des 5. Internnationalen Filmfestivals in Tokyo spiegelten unter anderem die aktuelle wirtschaftliche Rezession und die politischen Skandale in Japan.

Die Veranstalter des fünften Internationalen Filmfestivals in Tokyo waren bestrebt, eines der größten Festivals der Welt auf die Beine zu stellen, nicht nur mit der Umstellung vom zweijährlichen auf einen jährlichen Rhythmus, sondern auch mit einer Unzahl von eingeladenen Filmen und Gästen. Neben dem in der Filmwelt recht prestigeträchtigen Hauptwettbewerb bietet Tokyo eine ganze Reihe von Nebenveranstaltungen, der Schwerpunkt liegt natürlich auf neuen japanischen und anderen asiatischen Filmen. Ein Bewerb für Erstlingswerke, eine Reihe mit japanischen Klassikern und die für internationale Festivals fast schon obligate Mitternachts-Schiene ergänzen das Programm, das den Rahmen der zehn Tage fast zu sprengen schien.
Schauplatz des Festivals war das äußerst belebte Stadtviertel Shibuya, ein in den letzten Jahren entstandenes Einkaufs- und Vergnügungszentrum mit vielen Geschäften, Restaurants und Bars, wie sie derzeit in Tokyo an allen Ecken und Enden entstehen. Kaum eine Großstadt verändert ihr Gesicht so rapide wie die japanische Hauptstadt mit ihren 13 Millionen Einwohnern. Die wirtschaftliche Blüte, der Aufstieg zur ökonomischen Weltmacht, hinterläßt deutliche Spuren in Tokyo, ebenso wie die beginnende Rezession und die politischen Skandale der letzten Jahre sich auf die Filme der japanischen Regisseure auszuwirken beginnen.
Gesellschaftliche Spannungen manifestieren sich in vielen neuen Produktionen und real: so wurde der auch international für seine beißenden politisch-satirischen Filme („Die Steuerfahnderin“) bekannte Regisseur Juzo Itami vor nicht allzu langer Zeit Opfer eines mysteriösen Attentats, bei dem er schwer verletzt wurde. Allmählich, so scheint es, beginnen die in den Jahren der wirtschaftlichen Hochblüte unterdrückten Probleme an die Oberfläche zu dringen, auch die unrühmliche Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg wirft ihre Schatten auf die Gegenwart. Mehrere Beiträge des heurigen Festivals beschäftigten sich mit dem gespannten Verhältnis Japans zu den asiatischen Nachbarn.
Hervorzuheben ist „About Love, Tokyo“ (im Hauptwettbewerb), der neue Film von Mitsuo Yanagimachi („Das Feuerfest“). Die Geschichte handelt von einer Gruppe chinesischer Studenten, deren hochgesteckte Erwartungen vom „Paradies“ Japan arg getäuscht werden: Sie müssen ihr Geld in einem Schlachthof verdienen, werden von den Japanern als Menschen zweiter Klasse betrachtet und geraten schließlich mit der Tokyoter Unterwelt in Konflikt.
Kei Kumai beschäftigt sich in einer Art Brecht‘schem Lehrstück in „Hikarigoke – Leuchtendes Moos“ mit einem Zwischenfall aus dem Weltkrieg, als vier japanische Soldaten auf einer einsamen Insel stranden und einen bitteren, eisigen Winter in einer Höhle verbringen müssen – ohne Vorräte und adäquate Ausrüstung. Nur der einzige Überlebende hatte keine Skrupel, das Fleisch eines durch Hunger und Erschöpfung zu Tode gekommenen Kameraden zu essen, eine Tatsache, die ihm das Leben rettete. In einem fiktiven Tribunal wird ihm der Prozeß gemacht, in dem peinigende Fragen über Moral und Unmoral des Krieges und über die menschliche Würde gestellt werden.
Neben Japan stellten erwartungsgemäß die USA das Hauptkontingent der Filme in Tokyo: allen voran zu nennen ist Tim Robbins' politische Satire „Bob Roberts“, eine brillante Analyse amerikanischer Wahl(kampf)-Gepflogenheiten. Mit einem ähnlich brisanten Thema beschäftigt sich Edward James Olmos in „American Me“. Olmos, einer der wenigen Hispano-amerikanischen Schauspieler („Stand and Deliver“) bzw. Regisseure, die in Hollywood tatsächlich reüssieren konnten, beleuchtet anhand der sogenannten „Mexikanischen Mafia“ die Wurzeln der Gewalt in East Los Angeles, dem traditionellen Viertel, in dem die sogenannten „Spics“ leben.
Gary Sinise, Mitbegründer der berühmten Steppenwolf Theatre Company in Chicago, der 1988 mit „Miles from Home“ als Filmregisseur debütiert hatte, verfilmte mit sich selbst und seinem langjährigen Freund John Malkovich in den Hauptrollen John Steinbecks berühmten Roman „Von Mäusen und Menschen“. In der Darstellung der beiden, vor allem aber in der Malkovichs, erlebt das Method Acting eine späte Hochblüte, wenngleich der Film einem Vergleich mit der wohl gelungensten Steinbeck-Verfilmung, John Fords „Früchte des Zorns“, in keiner Weise standhält.
Der Text erschien in den Salzburger Nachrichten am 24. Oktober 1992.



