Nicht alles an Jugoslawien war schlecht
Der vielfach preisgekrönte bosnische Regisseur Emir Kusturica drehte mit „Arizona Dream“ erstmals einen Film in den USA. Das folgende Interview mit dem Regisseur führte Andreas Ungerböck.

En Mann zwischen zwei Welten: Der 1955 in Sarajevo geborene Regisseur Emir Kusturica ist ein glühender Verehrer des (alten) amerikanischen Kinos und ein eifriger Verfechter der europäischen Filmkunst, der er selbst erhebliche Impulse gegeben hat. Schon 1981 wurde er für seinen Streifen Erinnerst Du Dich an Dolly Bell?, der anläßlich der verdienstvollen Filmschau „Abschied von Jugoslawien“ erstmals in Österreich zu sehen war, mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet. Papa ist auf Dienstreise (1985) erhielt die Goldene Palme in Cannes, Time of the Gypsies (1988) ebendort den Regiepreis. und sein neuer Film Arizona Dream, zwar in den LISA gedreht, aber mit französischem Geld finanziert, war der Jury der diesjährigen Berlinale einen Silbernen Bären wert.
Die tragischen Ereignisse in Bosnien haben den Blick der internationalen Öffentlichkeit auf Kusturica gelenkt. gilt er doch vielen als beispielhafter Vertreter einer Kultur, die nun dem Untergang geweiht scheint. Kusturica. der seit einigen Jahren in Paris und New York lebt. wo er auch an der Columbia University unterrichtet, hat sich aber keineswegs nur Freunde geschaffen. Seine differenzierte Haltung zum Konflikt im ehemaligen Jugoslawien sorgte für böses Blut. Es wurde und wird ihm immer wieder vorgeworfen. seine (engere) Heimat im Stich gelassen zu haben, sich im Ausland feiern zu lassen, während in Sarajevo der Bürgerkrieg tobt.
Arizona Dream, mit großem Aufwand und einer veritablen Starbesetzung (Johnny Depp, Jerry Lewis. Faye Dunaway, Lili Taylor) in New York, Arizona und Alaska gedreht, sollte ursprünglich (höhnisch) American Dreamers heißen. Das Drehbuch stammt von David Atkins, einem Studenten Kusturicas an der Columbia University. Wie viele andere Europäer auch, mußte sich Kusturica mit den produktionstechnischen Gegebenheiten in den USA erst vertraut machen, der Film stand finanziell mehrmals an der Kippe, und nur dem Einsatz der französischen Firma UGC und der Produzentin Claudie Ossard (Betty Blue, Delicatessen) ist es zu verdanken, daß Arizona Dream doch zu Ende gedreht werden konnte – ohne künstlerische Abstriche. In für Kusturica typischen fantasievollen, oft surreal anmutenden Bildern erzählt Arizona Dream von Außenseitern, von den oft und gerne herbeizitierten Schattenseiten des „Amerikanischen Traumes“. Da ist der Cadillac-Händler Leo Sweetie (Lewis), der seinen Neffen Axel (Depp) aus New York heim nach Arizona holt, da ist die „verrückte Witwe“ Elaine Stalker (Dunaway), die vom Fliegen träumt und dem jungen Axel den Kopf verdreht, und da ist schließlich noch der junge Schauspieler (Vincent Gallo), der perfekt Hitchcocks North by Northwest nachspielen kann, in der Hoffnung, endlich entdeckt zu werden, zumal ihm seine Arbeit als Cadillac-Verkäufer bei Leo wenig Spaß macht. Seltsame Menschen sind sie alle, mit seltsamen Träumen und Sehnsüchten. die miteinander kollidieren, und die Kusturica mit seinem Kameramann Vilko Filac brillant umsetzt.
Genau da liegt aber auch das Problem. Der Arizona Dream ertrinkt in schönen Bildern, in der Überfülle von optischen Einfällen, die Kusturica 140 Minuten lang auf den Zuschauer einprasseln läßt, die aber über die Leerstellen in der Geschichte nicht hinwegtäuschen können. Die Charaktere sind relativ schnell etabliert und ergehen sich von da vornehmlich in der Repetition ihrer Schrullen. Man muß aber kein Prophet sein, um anzunehmen, daß das Kusturicas stetig wachsender internationaler Bedeutung keinen Abbruch tun wird.
“Erinnerst Du Dich an Dolly Bell?“ war Ihr erster Spielfilm. Wissen Sie, was aus den Leuten geworden ist, mit denen Sie damals gearbeitet haben?
Ich weiß, daß der Hauptdarsteller jetzt in Belgrad ist, daß der Mann, der im Film dauernd singt, in einem psychiatrischen Krankenhaus in Tuzla ist. Ich habe gerade im Spiegel ein Interview mit ihm gelesen. Einer der Burschen starb schon vor dem Krieg. Der Mann, der im Film den Mafia-Boß spielt, kämpft jetzt in den Straßen von Sarajevo, ich bin hier im Westen.
Ihre Filme haben immer mir Aufbruch zu tun, mit Unterwegssein, Ruhelosigkeit, Heimatlosigkeit.
Ich unterrichte jetzt an der Columbia University, und ich gab meinen Studenten diese Aufgabe, so etwas zu skizzieren, weil das etwas ist. was das Leben wirklich ausmacht: Abschiednehmen und Zusammentreffen.
Wie sehen Sie die Position des Westens im Bosnien-Krieg, und was halten Sie von den diversen Hilfsaktionen?
Viele Leute fragen mich, warum ich nicht einen Film über das heutige Sarajevo mache. Ich sage immer: Um zu verstehen, was da vorgeht, muß man mindestens 100 Jahre zurückgehen. Ich weiß nicht, ob man das im Westen versteht. Ich habe nichts gegen pragmatische, sinnvolle Hilfe. Ich glaube schon, daß man sehr hilft, wenn man Flüchtlinge aufnimmt, ihre Kinder in die Schule schickt oder auch Geld dorthin schickt, wo es gebraucht wird. Aber wenn man die ideologischen und politischen Standpunkte zu dem Krieg betrachtet – das ist alles nur Ablenkung und Lüge.

Sie haben im Prag der siebziger Jahre studiert. Waren Sie in letzter Zeit in Prag?
Nein, ich war seit damals nicht dort. Aber ich werde demnächst für sieben Monate hinfahren, weil ich meinen nächsten Film dort drehe.
Ich bin gespannt, ob Sie die Stadt wiedererkennen. Sie scheint eine Art westliche Kolonie geworden zu sein.
Ja, das ist etwas, was viele Leute im Osten wollen. In Prag ist das noch nicht so ein Problem: die Tschechen sind ein zivilisiertes Volk, sehr nahe der westlichen Kultur, aber Jugoslawien, das ist weit, weit davon entfernt. Ich weiß nicht, warum diese Leute über Nacht Westeuropäer werden wollen, obwohl sie genau wissen, daß das nicht möglich ist. Für einen Prozeß wie diesen braucht man 100 Jahre. Daher war auch diese Retrospektive hier in Wien, „Abschied von Jugoslawien“, sehr sinnvoll, weil man sehen konnte, daß nicht alles schlecht war in diesem Land, in dem wir so lange zusammenlebten. Kroatische Filme, serbische Filme, ein Roman von Ivo Andric, all diese Dinge. Es gab einen großen kulturellen Reichtum. Es gehört mehr als das oberflächliche Verständnis Europas und der USA dazu, die das Land allzu schnell auflösen wollten. Man kann Krebs auch nicht an einem Tag heilen.
Was halten Sie von einer militärischen Intervention des Westens?
Ich habe mir in Sarajevo viele Feinde gemacht, weil ich sage: keine Militärintervention! Warum? Auch amerikanische Militärexperten und Spezialisten sagen: Wenn man strategische Ziele der Serben treffen will, ist es unvermeidlich, daß man viele, viele andere Menschen ebenfalls tötet. Das ist etwas, was die Leute in Sarajevo, wenn auch aus naheliegenden Gründen, nicht verstehen.
Haben Sie sich „Dolly Bell“ nochmals angesehen? Man sieht sehr viel von einem Sarajevo, das noch intakt ist, aber auch von der Natur, der Landschaft rundherum.
Ich konnte es mir nicht anschauen, das wäre einfach zu viel für mich gewesen. Ich hatte eine Diskussion mit einem serbischen Autor, der nach Kroatien geflohen ist, und ich sagte: Wenn ich schon sonst nichts geleistet habe, habe ich wenigstens ein paar Filme gedreht, nach denen man Sarajevo wiederaufbauen kann.
Alle Ihre Filme sind international vielfach ausgezeichnet worden. Was, glauben Sie, ist es, das Jurys und Zuschauer dabei so anspricht?
Schwer zu sagen. Ich pendle immer zwischen Leben und Tod, wenn ich einen Film mache. Ich glaube, wenn schon meine Geschichten nicht überzeugen, dann ist es die Energie, die ich einbringe. Ich nehme an. daß die Leute diesen Einsatz spüren.
Sie gelten als vehementer Verfechter des europäischen Films. Warum sind Sie in die USA gegangen?
Ich möchte einfach New York nahebleiben. Es hat für mich die Energie eines neuen Babylon. Es ist ein guter Platz für Künstler – anders als Hollywood, wo ich nicht hingehöre.
Wie wurden Sie behandelt?
Gut. Sie merkten, daß man mit mir nicht alles tun würde können. Als wir diese Probleme mit Arizona Dream hatten, die Produktion ruhte, sagte ich: „Leute, tauscht mich aus. Wenn Ihr wollt, gehe ich, sucht Euch jemand anderen, der den Film fertigmacht.“ Dann ging es wieder besser.
Was ist nun für Sie der unterschiedliche Zugang von Europäern und Amerikanern zum Filmemachen?
Es kommt darauf an, welche Zeit man betrachtet. Das amerikanische Kino der siebziger Jahre etwa war doch durch und durch vom europäischen Film beeinflußt. Erst als Spielberg auf den Plan trat, verwandelte es sich wieder in eine Art Mega-Hollywood.
Was ist das für ein Gefühl, wenn man sein Jugendidol Jerry Lewis für einen Filin verpflichtet?
Ich war Jerry Lewis sehr dankbar, weil er mich früher immer zum Lachen gebracht hatte, und ich kann noch immer über ihn lachen. Ich hatte das Gefühl, an dieser Art von kitschiger amerikanischer Geschichte teilzunehmen, für die er steht. Ich fand diesen Mann und seine Position in dieser kitschigen Umgebung viel stärker als alle amerikanischen Medien zusammen. Das war meine letzte Hoffnung: endlich jemand, der stärker ist als CNN.
Der Text erschien anlässlich des KInostarts im Falter 20/93 (Mai 1993).



