Nüsse und Zucker
Mit Andrew Bergmans Komödie „The Freshman“ feiert Marlon Brando seine triumphale Rückkehr auf die Leinwand. Ein Gespräch mit dem Regisseur.

Wie kam es, daß Marlon Brando in „The Freshman“ mitspielt?
Ich schickte ihm nur das Drehbuch. Er mochte es sehr. Ich wußte auch, daß er meinen Film „The In-Laws“ gemocht hatte, das hatte er mir schon einmal am Telefon erzählt. Zuerst meinte er zwar, er könne keine Komödie spielen, aber dann lud er mich zu sich ein, und ich wußte, daß ich ihn bekommen würde. Ich konnte das in seiner Stimme hören. Natürlich war ich genauso erstaunt wie jeder andere.
Und wie war das mit Maximilian Schell?
Max und Marlon hatten zusammen in „The Young Lions“ gespielt, Schells erstem Hollywoodfilm. Und die beiden waren sehr froh, einander wederzusehen. Zuerst war Walter Klemperer vorgesehen, der Sohn von Otto Klemperer. Er war großartig, aber vielleicht doch ein bißchen zu stagy. Max gab uns ganz etwas anderes, ein wenig diese Dr. Strangelove-Art, einen Deutschen zu spielen. Wir wollten auch einmal Laurence Olivier für die Rolle haben, aber er war dann schon zu krank. Gut, wir hatten es leicht, als feststand, daß Marlon mitmachen würde... Wer in aller Welt hätte sich diese Chance entgehen lassen?
Gibt es Beispiele in „The Freshman“, wo die Schauspieler etwas beigetragen haben?
Ja. Etwa die Szene, in der Marlon Nüsse knackt, war seine Idee, oder auch die, wo er Matthew (Broderick) mehr oder weniger zwingt, seinen Kaffee zu trinken. Eigentlich sollten diese Szenen viel schwungvoller, viel schneller gespielt werden, aber das ist nicht Marlons Tempo. Also ging das alles viel majestätischer vor sich, und dazu paßten seine Einfälle sehr gut. Er dachte einfach, er müßte zeigen, wie sehr er das Leben dieses jungen Mannes dominiert, und dazu gehören eben auch die vielen Zuckerstücke, die er ihm in den Kaffee gibt.
Und Maximilian Schell?
Ja, als er plötzlich anfing, „Herz schwimmt in Blut“ zu singen, eine Zeile aus einer Bach-Kantate, beschlossen wir, das einzubauen. Es war sehr lustig. Aber das ist eben der Vorteil, wenn man große Schauspieler verpflichtet. Sie geben einem auch eine Menge. Ich denke, gute Schauspieler nehmen einem Regisseur 70 Prozent der Arbeit ab. Das lohnt sich, denn wenn man jemand falsch besetzt, dann ist das, als würde man die falsche Farbe für ein Gemälde verwenden.
War es leichter, Geld zu bekommen, als die Mitwirkung Brandos feststand?
Nein. Das Geld war zum Glück schon da. Und es gab auch das Studio (TriStar), das den Film machen wollte. Sie wollten den Film natürlich so billig wie möglich machen, aber auch nicht mit Schauspielern, die keiner kennt. Nun kann man den Film entweder um 20 Millionen Dollar mit Matthew Broderick und Marion Brando machen oder um 10 Millionen mit Chaim Yankel und Joe Plough. Nein, sie wollten den Film machen, das Drehbuch hatte ihnen gefallen. Wir hatten nicht zuerst die Schauspieler und dann das Buch. Vielleicht hätten wir dann einen besseren Deal gemacht, aber so war es nicht.
Wir hätte die Figur des Don Sabatini ausgeschaut, wenn nicht Brando sie gespielt hätte?
Ich hatte gedacht, Al Pacino zu fragen oder Joe Mantegna, es war eigentlich eine jüngere Figur – und es gab auch nicht so viele Verweise auf den „Paten“. Aber das Umschreiben war wirklich kein Problem, als ich wußte, Marion würde die Rolle spielen. Es war mehr wie der siebente Himmel.
Die Figur des Mr. Fleeber, des ehrgeizigen Dozenten an der Filmschule, hat die reale Vorbilder?
Ich bin sicher, es gibt eine ganze Menge Vorbilder. Ich mache mich ein bißchen auch über mich selbst lustig. Ich habe ein Buch über den amerikanischen Film der dreißiger Jahre geschrieben (eine Dissertation, „We‘re in the Money“) aber ich glaube, es gibt eine Menge Fleebers, all diese Dozenten. die ihre eigenen Bücher verkaufen wollen.
Die Posters an den Wänden dm Filmschule, sind das persönliche Reverenzen?
Ja, das sind alles große Regisseure und genau jene, die man an den Wänden einer Filmschule finden würde. Regisseure für Cineasten, sozusagen, Scorsese und Truffaut, der mir sehr wichtig ist. Ich glaube, „Jules et Jim“ ist einer der besten Filme, die je gemacht wurden – und das, obwohl Truffaut damals erst 28 war, unglaublich...

Es gibt in „The Freshman“ eine Menge Verweise auf die europäische Kultur...
Ja, ich bin ein „first generation American“, meine Eltern waren Deutsche. Ich habe ein Bein in jeder der beiden Welten, aber das ist ja bei Scorsese oder Coppola nicht anders.
In „We‘re in the Money“ zeichnen Sie die dreißiger Jahre als das goldene Zeitalter des amerikanischen Films. Wie sehen Sie die Filmindustrie heute?
Nun, es ist ziemlich deprimierend, all diese Action-Filme und Sequels. Das Problem ist wohl, daß heute die Dinge überall auf der Welt verstanden werden müssen. Man kann keinen vernünftigen Dialog mehr schreiben, also zeigt man lieber, wie Leute aus dem Fenster geworfen werden. Das versieht jeder. Als ich aufwuchs, gab es den neuen Fellini, den neuen Truffaut, den neuen Antonioni – ein wirklich internationales Geschehen. Heute sieht es ganz so aus, als gebe es einzig noch die amerikanische Filmindustrie.
Das Interview erschien im Falter 46/90 (November 1990).



