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Rezensionen24 Hour Party PeopleMai 2016

Popgeschichte, leichthin erzählt

Der britische Regisseur Michael Winterbottom schuf 2002 eine liebevolle Hommage an das britische Wunder-Label Factory Records aus Manchester.

Steve Coogan
Steve CooganFoto: Kinowelt

Kein Anlass, kein Jubiläum, gar nichts – einfach nur so sollte mal an einen Film erinnert werden, der nach seiner Premiere beim Filmfestival in Cannes 2002 umgehend von der Bildfläche verschwand – hier in der Bananenrepublik war er sowieso nicht zu sehen. „24 Hour Party People“ ist im reichlich durchwachsenen Werk des überschätzten britischen Regisseurs Michael Winterbottom eine wahre Perle. Oder vielleicht sollte man ihm den Credit zusammen mit seinem oftmaligen Drehbuchautor Frank Cottrell Boyce geben, der eine wunderbare Vorlage geschrieben hatte, und mit Wim Wenders früherem Leibkameramann Robby Müller. Der Titel, fast überflüssig zu sagen, stammt von einem der zündenden Songs der Happy Mondays. Mit zündender Musik ist der Film übervoll, kein Wunder, handelt es sich schließlich um eine ironische, aber liebevolle Hommage an das britische Wunder-Label Factory Records aus Manchester, das viele Jahre lange essentielle Bands wie Joy Divison, A Certain Ratio, Durutti Column, O.M.D., New Order und die Happy Mondays unter Vertrag hatte, falls man das Vertrag nennen kann: „All Factory acts have freedom. The freedom to fuck off.“

Begonnen hatte alles – gleich ein Highlight im Film – beim ersten, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Gig einer unbekannten Dilettanten-Combo namens Sex Pistols im Juni 1976 in der Manchester Free Trade Hall, bei dem der umtriebige Journalist Tony Wilson und 26 (nach anderen Angaben: 41) weitere Menschen zugegen waren. Die, die dabei waren, waren schockiert und/oder elektrisiert. Letzteres galt für Wilson, der Sendungen und Moderationen für Grenada TV machte. Er hatte Glück, dass BBC mit der anrollenden Punk-Lawine nichts anzufangen wusste, und den Instinkt und die Geistesgegenwart, all die jungen Bands in seine Late Night Show „So It Goes“ einzuladen. Dort traten sie dann auch alle auf: die Sex Pistols, die Clash, die Buzzcocks und noch viele andere.

Aber damit nicht genug: Ab Mai 1978 gab es im Russell Club pro Woche eine Factory-Nacht (im Dezember etwa spielten die Adverts, Human League, Magazine und die Undertones). Die Plakate dazu (von Peter Saville, der später auch die Albumcovers designte) gelten heute als wahre Kunstwerke. Ebenfalls im Mai 1978 war eine Doppel-7-Inch mit je zwei Songs von Joy Divison, Durutti Column, Cabaret Voltaire und drei von John Dowie erschien. Ab Mai 1979 ging es Schlag auf Schlag: A Certain Ratio und O.M.D. veröffentlichten 7-Inches, und im Juni 1979 erschien als erste Factory-LP „Unknown Pleasures“ von Joy Division, produziert von Martin Hannett, der ebenfalls wesentlich zum Höhenflug von Factory Records beitrug, auch wenn die kreativen Differenzen zwischen ihm und Wilson anderswo schon als Krieg gegolten hätten. Hannett starb 1991 an den Folgen seines beträchtlichen Drogenkonsums. Joy Division wurden zu einem Flaggschiff für Factory; ebenso New Order, wie sie sich nach Ian Curtis’ Selbstmord 1980 nannten (beide Namen und deren Nazi-Assoziationen sorgten immer wieder für böses Blut).

Der britische Komiker Steve Coogan spielt Tony Wilson, der „selbst“ durch die wild bewegte Geschichte seines Labels und des 1982 gegründeten, legendären Clubs Hacienda führt. Die Hacienda wurde zur Kultstätte der Rave-Bewegung und schloss erst 1999 endgültig ihre Pforten. Da allerdings war die Luft schon lange draußen. Deshalb endet auch der Film 1992, als Factory Records das Zeitliche segnete; ein passender Zeitpunkt, weil das „Ende von Acid“, wie Wilson bei den zähen Verhandlungen mit den Filmemachern über seine Zustimmung zum Projekt meinte. Doch genug der Fakten. Der Film nimmt es damit nicht akribisch genau, wohl getreu dem John Fordschen Motto: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Fröhlich zelebriert er – trotz seines scheinbar „dokumentarischen“ Zugangs – die alten Klischees von Sex, Drugs & Rock’n’Roll, aber immer mit einem Augenzwinkern, nicht so bierernst wie etwa Todd Haynes‘ auch sehr schöne Glamrock-Hommage „Velvet Goldmine“. Sean Harris gibt einen angemessen sensiblen/neurotischen Ian Curtis, Danny Cunningham den wahnwitzigen Happy-Mondays-Chef Shaun Ryder, Andrew Serkis den genialen Producer Hannett. Und, wie es sich gehört, sehen wir auch einige der real people: Tony Wilson, den Echten, als Grenada-TV-Boss, Paul Ryder, Mark E. Smith von den Fall, und besonders Howard Devoto, Buzzcocks- und Magazine-Mastermind, der eine sehr witzige Szene als Klo-Putzmann hat. Popgeschichte, sinnlich erfahrbar, umso wichtiger, wenn man den Einfluss all dieser Bands bis heute betrachtet.

24 Hour Party People

Genre
Musikfilm/Biopic, Großbritannien 2002
Regie
Michael Winterbottom
Drehbuch
Frank Cottrell Boyce
Kamera
Robby Müller
Schnitt
Trevor Waite, Michael Winterbottom
Musik
Sex Pistols, Joy Division, Happy Mondays, New Order, Durutti Column, The Jam, The Clash u.a.
Production Design
Mark Tildesley.
Vertrieb
Kinowelt Home Entertainment
Länge
117 Minuten

Der Text erschien im Musikmagazin skug im Mai 2016.

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