Salut für eine amerikanische Legende
Das Internationale Filmfestival von Amiens stellte das Werk von Monte Hellman vor.

Letzte Woche fand in der nordfranzösischen Stadt Amiens, nicht weit von Paris entfernt, zum achten Mal jenes Festival statt, das wie kein anderes in Europa eine jährliche Leistungsschau des Kinos der Zweiten und Dritten Welt bietet. Wie schon in den Jahren zuvor wurden Filme gezeigt, die auf den großen Rummelplätzen des internationalen Films (Berlin, Cannes, Venedig) nur wenige Chancen hätten. Dies und der dazugehörige Markt des unabhängigen Films aus aller Welt (vor allem aus den USA) ist der eine erfreuliche Aspekt von Amiens. Der andere ist die jährliche Retrospektive, die so manchem der großen Festivals gut anstünde — als Entschädigung dafür, was man dort an neuproduziertem Mist vorgesetzt bekommt. Hatte man in Amiens 1987 dem großen amerikanischen B-Film-Regisseur Budd Boetticher gehuldigt, so wurden heuer gleich zwei herausragende Figuren der jüngeren US-Filmgeschichte gewürdigt: Monte Hellman und Dennis Hopper.
Zwei Außenseiter
So viel die beiden gemeinsam haben, so unterschiedlich sind ihre Ausgangspositionen und ihr heutiger Status: auf der einen Seite Hopper, das Enfant terrible Hollywoods, nach seinem skandalumwitterten Film The Last Movie (1971) lange vergessen, dann jedoch Schauspieler in nahezu jedem relevanten Film der 80er Jahre und seit seinem Regie-Comeback Colors wieder ganz oben. Monte Hellman hingegen, 1932 in New York geboren, der erste, der Becketts „Warten auf Godot“ an der amerikanischen aufführte, später (wie viele andere bekannte Regisseure) Handwerker in der B-Film-Fabrik Roger Cormans, ist immer ein Außenseiter geblieben und muß heute wieder durch Europa tingeln, um seine Filme zu verkaufen.
Filme, die ohnehin in Europa weit mehr Resonanz fanden als in seiner Heimat. Seine einzige große Chance, vielleicht ein Star-Regisseur zu werden, bot sich ihm 1971, als er für MGM Pat Garrett and Billy the Kid drehen sollte. Der zugkräftigere Name Sam Peckinpah bewog die Bosse schließlich, Hellman wieder auszuladen. Sein wohl bekanntester Film, The Shooting (1966), gilt allgemein als eine Art „Beckett-Western“: Drei Männer und eine Frau reiten ohne wirkliches Ziel durch die Salzwüste von Utah, die sengende Sonne erschöpft sie völlig. Ihr kraftloses Schlußduell ist höhnisches Zerrbild des heldenhaften Rituals amerikanischer Edelwestern. Eine wirkliche Entdeckung ist auch Hellmans Film Flight to Fury (1965): Amerikanische Abenteurer jagen im Dschungel Ostasiens nach Diamanten – eine fast klassische Genre-Geschichte mit viel Witz. Und doch: auch hier kein Sieger, dem einzigen Überlebenden der Jagd schwimmen die Diamanten buchstäblich davon.
Two-Lane Blacktop (1971) ist – ähnlich wie Hoppers Easy Rider – eine skeptische Auseinandersetzung mit der oft behaupteten und (vor allem von Europäern) heute noch hochgehaltenen Idee, auf den weiten Straßen Amerikas liege so etwas wie Freiheit. Bei Hellman rasen zwei junge Männer ziel- und planlos mit ihrem auffrisierten 50erJahre-Chevrolet durch die USA. Es entwickelt sich ein groteskes Duell mit einem ehrgeizigen Sportwagenbesitzer, ein Duell ohne erkennbares Ende. Die Kommunikation beschränkt sich auf technische Fragen, der Fahrer des Chevy unterbricht brüsk seinen Konkurrenten, als dieser seine Lebensgeschichte erzählen will: „That‘s not my problem“.
“Last Movies“
Eine ganze andere Fahrt durch die USA schildert Cockfighter (1974): In ruhigen, fast dokumentarischen Bildern zeigt Hellman einen Hahnenkämpfer auf der Reise durch die Südstaaten, wo diese Art der Volksbelustigung hoch im Kurs steht, während für uns die fast liebevolle Aufzucht und Pflege von Kampfhähnen, die Sorge um die richtige Krümmung des Schnabels und die Trauer über den Tod eines solchen Tieres etwas Exotisches und Bizarres haben. Nach diesem Film konnte Hellman in Hollywood nicht mehr Fuß fassen: China 9 Liberty 37 (1978), ein Italowestern, und Iguana (1988), beide in Europa produziert, sind nur noch ein müder Abklatsch seiner grandiosen Americana.
Die große Rarität des Festivals von Amiens stellte jedoch Dennis Hoppers The Last Movie dar. Nach dem Sensationserfolg von Easy Rider hoffte Columbia, von ihm einen weiteren Kassenschlager geliefert zu bekommen. Beim Festival in Venedig 1971 ausgezeichnet, fiel der Film in Amerika jedoch völlig durch. Der Rest der Geschichte: The Last Movie wurde auf Eis gelegt und es sollte 17 Jahre dauern, ehe man den Regisseur in den USA wieder hinter die Kamera ließ. Ein sehr nachdenklicher Hopper verkündet in The Last Movie das Ende der Filmindustrie, die die Menschen mit ihrer Scheinwelt betrüge, ja, das Kino sei die Sünde schlechthin. Es verwundert nicht, daß man davon in den USA nichts hören wollte.
Der Text erschien in Der Standard am 20. Dezember 1988.



