Schöner Schein statt Substanz
Liebe, Entfremdung in Afrika. Bernardo Bertolucci verfilmt einen Roman von Paul Bowles: „Himmel über der Wüste“.

„The Sheltering Sky“, so der wesentlich treffendere Originaltitel, entstand nach dem gleichnamigen Roman von Paul Bowles und knüpft mit seinen Themen Liebe, Verzweiflung und Entfremdung an Bertoluccis frühere Filme an. Das großbürgerliche amerikanische Ehepaar Kit (Debra Winger) und Port Moresby (John Malkovich) kommt nach Nordafrika in der Hoffnung, die an einem vorläufigen Endpunkt angelangte Ehe noch einmal retten zu können. Port ist Musiker und zudem in einer Schaffenskrise gefangen, die ihn die Zivilisation fliehen läßt. Doch bald lassen sich beide in erotische Abenteuer ein, und der ursprüngliche Plan verliert sich – von einer kurzen Episode abgesehen – immer mehr in der Ferne.
Ziellos und hektisch, mit immer hastigeren Aufbrüchen, reisen Kit und Port weiter und dringen immer tiefer in die Sahara vor, deren lebensfeindliche Atmosphäre ihnen zum Verhängnis wird: Nach einer schweren Krankheit stirbt Port in einem Stützpunkt der Fremdenlegion. Kit hetzt weiter, wird die Geliebte eines Karawanenführers, ehe sie nach Interventionen westlicher Behörden wieder in Tanger landet und, sichtlich zerrüttet und um Jahre gealtert, wieder am Ausgangspunkt ihrer Reise steht. Bowles‘ Roman, erstmals 1947 erschienen, schildert den Zufall dieser Beziehung zweier Menschen, die zwischen ihrer Verachtung für die Zivilisation und der Abscheu vor der rohen, einfachen Lebensweise der Wüstenbewohner zerrieben werden, mit beeindruckender Konsequenz.
Wesentlich weniger konsequent geht allerdings Bertolucci vor, der sich allzu sehr in eher unwichtigen Erzählsträngen verliert und solcherart Längen erzeugt, die er recht simpel mit „Lokalkolorit“, mit einer großen Anzahl (wenn auch äußerst schöner und von Vittorio Storaro großartig fotografierten) Landschaftsaufnahmen füllt.
Die Besessenheit und Getriebenheit der beiden sensiblen Menschen wird so kaum näher beleuchtet, die Charaktere bleiben seltsam blaß und eindimensional. Das Thema der Reise als Flucht vor dem eigenen Selbst einerseits und als Mittel der Selbstfindung andererseits, wie es ja in der Literatur sehr häufig ist, nützt Bertolucci weniger zur Analyse der entfremdeten Beziehung, als vielmehr zu einer Ansammlung „touristischer“ Momentaufnahmen – hingegen betont etwa Port gleich zu Anfang, er sei kein Tourist, der schon bei der Ankunft wieder ans Heimfahren denke, sondern Reisender.
Dies ist einer der zentralen Sätze des Buchs, der von Bertolucci ebenso wenig seinen Stellenwert erhält, wie ein anderer, den Port, schon in der Sahara, in der kurzen Phase der Annäherung an Kit, spricht: Der Himmel in der Wüste sei etwas Kompaktes, der die Menschen vor dem schütze, was dahinter sei – dem Nichts. Dieser Satz, der immerhin Bowles‘ Roman den Titel gibt, wird vom Regisseur nur indirekt aufgegriffen, wenig ist zu spüren von dem fatalen Irrtum Ports, nur in wenigen Szenen stellt sich der „sheltering sky“ als die zerstörerische und tödliche Macht heraus, an die der zivilisationsmüde Reisende sich nicht gewöhnen kann und die ihn letztlich ins Verderben stürzt. In den Szenen, die Ports Krankheit zeigen, vertraut Bertolucci eher auf reichlich folkloristisch eingekleidete Fieberträume und auf hysterische Aktivitäten Kits, als daß er den tödlichen Schrecken glaubhaft machte.
Letztlich entpuppt sich auch sein Kunstgriff, den „realen“, 80-jährigen Paul Bowles inmitten der fiktiven Filmszenen als Erzähler einzusetzen, als relativ wirkungslos. Nach der triumphalen Umsetzung der Erlebnisse von Chinas letztem Kaiser muß ein Film wie „Himmel über der Wüste“ doppelt enttäuschend wirken, Bertoluccis Umgang mit sehr „persönlichen“ Stoffen, der ehemals zu Meisterwerken wie „Der letzte Tango von Paris“ oder „La Luna“ führte, ist hier sehr vage, und außer den grandiosen Wüstenaufnahmen wird von seinem neuen Film nicht viel in Erinnerung bleiben. „Himmel über der Wüste“ ist ein weiterer Beweis für Bertoluccis inszenatorische Qualitäten, bleibt aber flach und leer, wo packende Dramatik zu erwarten gewesen wäre: Schöner Schein statt Substanz.
Der Text erschien in den Salzburger Nachrichten am 27. Oktober 1990.



