Söhne und Liebhaber
Theresa Russell, Sandra Bernhard und Gary Oldman machen Nicolas Roegs neuen Film „Track 29“ zum Erlebnis.

Es gibt auch heute noch, wenn auch ganz, ganz selten, Regisseure, die mit unerschütterlicher Regelmäßigkeit Qualitätsarbeit leisten. Einer von ihnen ist Nicholas Roeg. Neben seiner grandiosen Bildregie (Roeg war früher Kameramann) sticht seine Vorliebe für Menschen in Extremsituationen hervor. Da ist etwa der von dunklen Mächten terrorisierte Kirchenrestaurator in Don‘t Look Now (1973), der „gefallene“ Außerirdische in The Man Who Fell to Earth (1976), die ungewöhnliche Nacht, in der Albert Einstein, Marilyn Monroe und der kommunistenjagende Senator McCarthy aufeinandertreffen (Insignificance, 1985) oder das Aussteiger-Paar auf der Insel in Castaway (1987).
In einer solchen Extremsituation befindet sich auch Linda Henry (Theresa Russell) in Track 29: Ihr Ehemann, der Arzt Dr. Henry Henry (Christopher Lloyd), hat für ihren Wunsch nach einem Kind kein Verständnis. Linda wurde als junges Mädchen vergewaltigt, das Kind zur Adoption freigegeben. Eines Tages nun er-scheint in dem Nest, in dem das Ehepaar Henry wohnt, ein junger Fremder, der Engländer Martin (Gary Oldman). In einer Bar begegnet er Linda, die immer mehr an ihrer tristen Situation verzweifelt. Sie ist geschockt durch Martins Ähnlichkeit mit dem Mann, der sie mißbraucht hat, und verläßt fluchtartig das Lokal. Sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Doch der geheimnisvolle Fremde ist wieder da. Er behauptet, ihr Sohn zu sein und bringt sie — einerseits manisch und bedrohlich, andererseits ganz das kleine Kind, das die vermißte Mutter wiederfindet, zunehmend aus ihrem psychischen Gleis.
Dr. Henry ist inzwischen mit Schwester Stein zu einem Treffen der Modelleisenbahner gefahren und erntet dort großen Erfolg, nicht ahnend, was sich inzwischen in seinem trauten Heim abspielt. Linda ist an der Grenze zwischen Realität und Wahnsinn angelangt. Als Dr. Henry nach Hause kommt, um seine Sachen zu packen (er will mit der Krankenschwester ein neues Leben beginnen), bekommt Linda einen letzten Besuch von ihrem Traum-Sohn/Liebhaber, und Henry erlebt eine äußerst unangenehme Überraschung.
Freud ist allgegenwärtig. Manche Passagen scheinen die Illustrationen zu seinen bekanntesten Thesen zu sein. Das ist ja ein beliebtes Thema angelsächsischer Regisseure. Trotzdem: Abgesehen von der etwas penetranten Freud-Bemühung bleibt Track 29 der Film eines intelligenten Filmemachers. Und wie immer gibt sich Roeg nicht mit den zweitbesten Schauspielern zufrieden: Neben seiner Ehefrau Theresa Russell beschert er uns diesmal Sandra Bernhard und Gary Oldman. Oldman ist sicher der beeindruckendste englische Schauspieler zur Zeit (Prick Up Your Ears und Sid and Nancy) — ein Energiebündel mit unerhörter mimischer Ausdruckskraft. Dazu kommt Sandra Bernhard, die neben De Niro und Jerry Lewis in Scorseses King of Comedy glänzte und bestimmt die beste Komödiantin des neuen amerikanischen Films ist. Viele Gründe, um ins Kino zu gehen.
Der Text erschien im Falter 03/89 (Jänner 1989).



