Spionieren ist Warten
Wie man es anstellt, in der Sowjetunion trotzdem einen amerikanischen Agentenfilm zu drehen, verrät Fred Schepisi, der Regisseur von „The Russia House“. Ein Gespräch.

Was hat Sie daran interessiert, die Regie von „Russia House“ zu übernehmen?
Vor allem die Chance, dieses fremde Land, die Sowjetunion von heute zu sehen und was dort wirklich passiert – und natürlich die Liebesgeschichte. Die Person dieses Mannes, der das Land liebt und die Leute liebt, schien mir sehr interessant.
“Russia House“ ist die erst rein amerikanisch finanzierte Produktion, die in der Sowjetunion entstand. Wie kam es dazu?
Mein erster Film, The Devil’s Playground, wurde in den USA von einem Mann vertrieben, der auch die meisten sowjetischen Filme in die USA bringt, und ich fragte ihn, ob er irgendwelche Kontakte habe. Tatsächlich kam schon bald eine Delegation aus der Sowjetunion nach New York, vom Verband der sowjetischen Filmschaffenden, mit dessen Vorstand ich mich sofort sehr gut verstand und der uns alle Türen öffnete.
Das war der Regisseur Elem Klimov.
Ja, Elem Klimov. Er hatte eine eigene Produktionsfirma für seinen Film Der Meister und Margarita, und die versorgte um mit Technikern, Equipment, Unterkunft und allem, was man so braucht. Aber auch die Regierung selbst war sehr interessiert und tat alles, um uns zu helfen.
Wie sahen die Arbeitsbedingungen aus?
Ich muß schon sägen. daß dort ganz anders gearbeitet wird als bei uns, in einem ganz anderen Tempo. Deshalb beschloß ich beim zweiten Mal, als ich dort war, daß wir die wichtigsten Dinge selbst mitbringen würden, einfach, weil wir schneller arbeiten mußten. Erstens aufgrund der unsicheren politischen Situation und, dann auch, weil der Winter vor der Tür stand. Wir haben aber unser Team mit sehr vielen russischen Technikern komplettiert. Am Anfang waren die wohl ziemlich schockiert, weil sie so eine Produktion noch nicht erlebt hatten.
Sie haben sehr viel an Originalschauplätzen gedreht. Wie war das möglich?
Ja, wir haben am Roten Platz gedreht, im GUMKaufhaus...
...in der Metro…
Das war wirklich nicht einfach, weil es fast unmöglich war, die Kamera zu verstecken. Wir haben ein paar Leute vorgeschickt, die Aktionen liefern und sich so auffällig verhalten sollten, daß die Passanten auf sie schauen und uns nicht sofort bemerken würden.
Inwiefern hat der Aufenthalt In der Sowjetunion Ihre persönliche Sicht der Dinge verändert?
Nun, insofern daß man die Nachrichten jetzt sicher ganz anders anhört. Man entwickelt eine tiefe Zuneigung zu den Menschen dort: Die Leute sind großzügig, sehr freundlich, sehr offen und hilfsbereit. Ohne daß man es bemerkt, fühlt man sich hingezogen zu ihnen und ihrer Kultur. Man ist dort und muß feststellen, wie wenig man eigentlich über dieses Land weiß.
Eine wichtige Nebenrolle, die eines britischen Geheimagenten, spielt der Regisseur Ken Russell. Wie konnten Sie ihn für den Part gewinnen?
Nun, ich suchte eine Art Charles-Laughton-Typ. Früher gab es in England sehr viele Schauspieler dieser Art, aber die wenigen, die es jetzt noch gibt, waren zum fraglichen Termin alle beschäftigt. Ich brauchte jemanden, der ein bißchen energisch ist und eine „unangenehme“ Person – wenn auch, mit Würde. Mir fiel Ken Russells Ruf ein. Ich rief ihn also an, und er war mit großer Begeisterung bei der Sache.
Wie schätzen Sie die gegenwärtige politische Situation ein?
Ich will mich natürlich nicht als großer Experte aufspielen, nur weil ich eine Zeitlang dort gearbeitet habe, aber ich weiß, daß es im Moment – so haben russische Freunde es mir erzählt – nicht möglich ist, über politische Dinge am Telefon zu sprechen. Die Situation ist heikel. Es gibt eine große Angst, daß die Entwicklung dorthin zurückgeht, wo sie vor „Glasnost“ gestanden hat. Viele Menschen meinen auch, die sogenannten Umwälzungen hätten ihr Leben vollends ruiniert.
Die Leute meinen, es wurde zu viel versprochen und zu wenig erreicht?
Ja. Die Situation war wohl komplexer und auch schwieriger, als Gorbatschow sich das je gedacht hatte. Kaum hatte er einen Mißstand abgestellt, tauchte ein neuer auf – er muß immer hinterherhetzen. Nun haben die Leute den katastrophalen wirtschaftlichen Zustand des Landes erkannt, aber es ist wohl zu spät.

Soll Ihr Film in der UdSSR gezeigt werden?
Ja, er hat Ende März im Kreml Premiere, in einem 6000 Personen fassenden Saal.
Und wie kamen Sie mit dem Autor der Romanvorlage, John Le Carré, zurecht, der ja als ziemlich schwierig gilt?
Ja, er haßt alle Filme, die nach seinen Büchern gedreht worden sind, sogar Der Spion, der aus der Kälte kam. Wir mußten ein Abkommen schließen, daß wir die Grundtendenzen des Romans auf keinen Fall verändern würden.
Das Ende des Films steht aber nicht im Buch.
Nein. Aber auch im Roman kann man zum Schluß herauslesen, daß die Heldin in den Westen entkommen wird, es ist ein optimistisches Ende. Nur: Damit kann man keinen Film abschließen. Ich glaube aber, daß unser Happy-End nicht aufgesetzt ist, sondern nur das vorwegnimmt, was ohnehin passieren würde.
Interessant finde ich diese kurze Rückblende zu Beginn des Film, die sehr bald vom aktuellen Geschehen der Erzählung eingeholt wird…
Ja, das war die Idee des Drehbuchautors Tom Stoppard. Solche Schleifen gibt es auch noch gegen Ende des Films. Sie sind, glaube ich, ein gutes Mittel, um die Komplexität des Romans in den Griff zu bekommen.
Australische Regisseure sind zur Zeit weltweit sehr erfolgreich: Sie, Bruce Beresford, Peter Weir…
Das liegt daran, daß wir sehr international sind. Wir sind nicht „gone Hollywood“, wir machen einfach internationale Filme. Wir sind auch so aufgewachsen. Da Australien ein sehr junges Land ist, kommt ein Großteil der Kultur aus England und den USA. Also ist es für uns kein ganz so großer Schritt. Wir sind in der amerikanischen Kultur einfach schon drinnen.
Das Interview erschien im Falter 12/91 (März 1991).



