Ständige Bewegung
Zur Beijing-Trilogie der Regisseurin Ning Ying

„Es steht außer Frage, dass Ning Ying Beijing liebt, aber die offene Liebeserklärung im englischen Titel ihres Films sollte man nicht allzu wörtlich nehmen; sie ist ziemlich sarkastisch. Das Beijing, das sie hier zeigt, ist eine übersprudelnde Energiequelle, permanent in Bewegung. Man kann sich darin verlieren, wenn man seinen Rhythmus nicht darauf einstellen kann.“ Das schrieb Gerwin Tamsma, einer der Programmverantwortlichen des Internationalen Filmfestivals in Rotterdam, wo der chinesische Film traditionell sehr stark vertreten ist, im Februar 2001 anlässlich der Premiere von Ning Yings Film Xiari nuanyangyang (I Love Beijing).
Die Drehbuchautorin und Regisseurin Ning Ying – eine von wenigen Frauen, die seit Jahren kontinuierlich in China Filme drehen können – wird am 23. Oktober 1959 in Beijing geboren. Sie beginnt früh, Geige zu spielen und gehört jenem berühmten ersten Jahrgang an, der ab 1978, nach der Wiedereröffnung der Beijing Film Academy (die während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 weitgehend geschlossen war) Film studieren kann. Zu ihren (älteren) Kollegen an der Akademie zählen Chen Kaige, Zhang Yimou und Tian Zhuangzhuang, die sich in den achtziger und neunziger Jahren daran machen, dem volkschinesischen Kino internationale Geltung zu verschaffen. 1982 erhält Ning Ying, zu dieser Zeit höchst ungewöhnlich, die Erlaubnis, ihre Ausbildung am Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom, wo sie ein Stipendium erhalten hat, fortzusetzen. Sie studiert vier Jahre lang Schnitt und drei Jahre lang Regie. In Italien lernt sie unter anderem Bernardo Bertolucci kennen; sie arbeitet später bei seinem Historienepos The Last Emperor (1987) als eine von mehreren Regieassistenten. Und sie befasst sich während ihres Studiums, wie an ihren Filmen später deutlich sichtbar wird, eingehend mit dem italienischen Neorealismus. 1987 kehrt sie an die Beijing Film Academy zurück.
1990 entsteht ihr erster Film You ren pianpian ai shang wo (Somebody Just Fell in Love with Me), nicht mehr und nicht weniger als eine Art „Remake“ von Billy Wilders Some Like It Hot. Schon mit Zhao le (For Fun, 1992) sorgt sie international für Aufsehen – zu jener Zeit, als der neuere chinesische Film seine ersten großen Erfolge bei den Festivals im Westen feiert. For Fun gilt heute als der erste Teil von Ning Yings so genannter Beijing-Trilogie. Deren zweiter Teil etabliert sie endgültig als Regiegröße von internationalem Format: Minjing gushi (On the Beat, 1995) wird bei zahlreichen Festivals weltweit gezeigt und erhält mehrere Preise, unter anderem den Grand Prix beim renommierten Filmfestival in San Sebastián. On the Beat schafft es darüber hinaus unter dem Titel Auf Streife auch in die deutschsprachigen Kinos – für das chinesische Filmschaffen, sieht man einmal von den Arbeiten Chen Kaiges und Zhang Yimous ab, ist das damals noch höchst ungewöhnlich. 1996 dreht sie auf Einladung der Stadt Turin einen zwölfminütigen Promotionfilm namens Dulin (Turin). 1997 ist sie Jurymitglied bei der Berlinale.
Nach I Love Beijing, mit dem sie ihre Beijing-Trilogie abschließt, dreht sie einen bemerkenswerten, mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm namens Xi wang zhi lü (Railroad of Hope, 2002) über das im Westen bis dato unbekannte Phänomen der Arbeitsmigration innerhalb Chinas: Sie beobachtet Menschen aus der – später, im Mai 2008 von einem schweren Erdbeben erschütterten – südöstlichen Provinz Sichuan, die mit der Bahn über 2000 km zurücklegen, um der Armut zu entfliehen und in der nordwestlichen autonomen Provinz Xinjiang als Hilfskräfte bei der Baumwollernte „reich“ zu werden. Viele von ihnen haben ihr Dorf noch nie verlassen, geschweige denn, dass sie in einem Zug gefahren wären. Danach dreht Ning Ying zwei kurze Filme, Commune by the Great Wall, einen Promotionfilm für das gleichnamige Hotel nahe Beijing, und Rang haizimen ziji shuo (In Our Own Words) für UNICEF. 2005 entsteht ihr nächster langer Spielfilm Wu qiong dong (Perpetual Motion). Darin treffen vier (neu)reiche Frauen zusammen, um in Sex-and-the-City-artigen Gesprächen herauszufinden, wer von den drei Gästen mit dem Mann der Gastgeberin geschlafen hat. Darüber hinaus geht es aber auch um die Frage, wie aus einer zutiefst revolutionär geprägten Gesellschaft eine völlig dem Konsum hingegebene werden konnte.
Derzeit bereitet Ning Ying gemeinsam mit der österreichischen Produktionsfirma Dor-Film den Film Rosenfeld vor, die Verfilmung der abenteuerlichen Lebensgeschichte des Jakob Rosenfeld, dessen Lebensbogen sich vom erfolgreichen Arzt in Wien, das er als Jude und Homosexueller in den dreißiger Jahren unfreiwillig Richtung Shanghai verlassen musste, bis zum General der chinesischen Armee spannte. Wiewohl sie mit den großen Regisseuren der so genannten Fünften Generation chinesischer Filmemacher studiert hat, ist Ning Ying sowohl vom Alter als auch von ihren Themen (China im Umbruch) her eher der Sechsten Generation und solch prominenten Regisseuren wie Wang Xiaoshuai, Lou Ye und Zhang Yuan zuzuordnen.
For Fun, eine wunderbar sorgfältig beobachtete Komödie nach einem Roman von Chen Jiangong, beginnt mit einem Tracking Shot durch die Straßen von Beijing, im Hintergrund hört man Fetzen eines Kurt-Weill-Songs; ein Hinweis schon hier auf Ning Yings einzigartige, grenzüberschreitende Perspektive auf das neue China. Nicht viele Filmemacher ihrer Generation hatten so wie sie Gelegenheit, ihren filmischen Horizont im Ausland zu erweitern und die Kinematografien anderer Länder kennen zu lernen. Und ausländische, vor allem europäische Filme in China zu sehen, ist bis heute, trotz DVDs und Raubkopien, keine so einfache Sache. Ein alter Mann ist gezwungen, seinen Job als Leiter eines kleinen lokalen Opernhauses, den er viele Jahre lang innehatte, aufzugeben. Er ist niedergeschlagen und enttäuscht, bis er eines Tages in einem Park eine Gruppe von Amateursängern kennen lernt. Er beschließt, aus dem Haufen schlecht gelaunter und skeptischer älterer Männer eine neue Operntruppe zusammenzustellen, was ihm erwartungsgemäß und trotz aller möglicher komödienimmanenter Hindernisse schließlich auch gelingt. In ihrem ungekünstelten, realistischen Stil gelingt es Ning Ying mit feinem Humor und großer Detailgenauigkeit, ihren Charakteren Leben einzuhauchen, ganz besonders dem selbst ernannten Chef der Truppe. Gespielt wird er von Huang Wenjie, den Ning Ying am Set von The Last Emperor kennen gelernt hatte, wo er in einer Nebenrolle zu sehen war. Der Rest der Besetzung besteht – wie fast immer bei Ning Ying – aus Laien, mit denen sie ganz hervorragende Resultate erzielt. Das Drehbuch schrieb die Filmemacherin, ebenso wie später das von I Love Beijing zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Ning Dai, die ebenfalls an der Beijing Film Academy studiert hatte und vor allem für ihre Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Zhang Yuan, einem wichtigen Vertreter der „sechsten Generation“, an dessen Filmen Sons (1996), Seventeen Years (1999) und Little Red Flowers (2006) bekannt ist. Trotz seines heiteren Grundtons ist For Fun aber doch auch so etwas wie ein Abgesang auf das „alte“ Beijing. Die Szenerie der traditionellen eingeschoßigen Häuser bzw. Wohnviertel, der so genannten hutong, ist noch einigermaßen intakt, es gibt noch so etwas wie nachbarschaftliches Zusammenleben, das zwar wenig Privatsphäre bietet, dafür aber einen Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft gewährleistet.
Hutong sieht man auch in On the Beat noch, dem zweiten Teil der Beijing-Trilogie. Der Originaltitel (Minjing gushi heißt so viel wie „Polizeigeschichten“) ist da wesentlich präziser als der englische oder der deutsche. Der Film beginnt nicht mit einer Aufsicht auf Beijing, nicht mit einer Fahrt durch die Straßen, sondern schon im Off mit der Rede eines höheren Polizeioffiziers über die wichtige Funktion der Polizei bei der Erhaltung von Ordnung und Disziplin zum Wohle des Vaterlandes. Und schon bald lernen wir den Protagonisten des Films kennen: einen „ganz normalen“ Fahrrad-Polizisten namens Yang Guoli, der, wie er seinem jüngeren Streifenkollegen Wang Liangui verrät, 1959 geboren ist – im selben Jahr also wie die Regisseurin Ning Ying. Wang Liangui ist neu bei der Polizei und wird von seinem älteren Partner in sein neues Revier eingeführt, das, wie Yang Guoli minuziös erklärt, von nicht weniger als 2.300 Personen bewohnt wird. Der wichtigste Besuch gilt dabei dem Nachbarschaftskomitee, in diesem Fall gebildet von einer Gruppe älterer Frauen, die über Kommen und Gehen, Leben und Arbeiten der Bewohner, aber auch über wesentlich intimere Details wachen: So wissen sie, dass 130 unverheiratete Frauen in dem Viertel wohnen, sie beraten in Sachen Verhütung und versuchen, Abtreibungen weitgehend zu vermeiden. Das Nachbarschaftskomitee ist natürlich ein verlängerter Arm der Kommunistischen Partei Chinas, eine Art Parteiinstanz mit vorgeblich menschlichem Antlitz. Man kennt sich untereinander, aber gewisse Dinge dürfen nicht sein, und da ist das Nachbarschaftskomitee angewiesen, mit der Polizei und anderen Behörden zu kooperieren. Dennoch hat man den Eindruck, dass zumindest das hier porträtierte Komitee, wie so vieles andere im modernen Beijing, ein Auslaufmodell ist. Ning Ying begeht allerdings nicht den Fehler, dieses durchaus fragwürdige Kontrollinstrument nostalgisch zu verklären.
Wie schon in For Fun haben diese Szenen, die an Originalschauplätzen vor Ort gedreht wurden, viel mehr dokumentarischen als Spielfilmcharakter. Ning Ying meint dazu: „Das Thema hat mich ausgewählt. Es spielte sich genau vor meinen Augen ab, und zwar in einem alten Viertel von Beijing, das abgerissen und mit modernen Hochhäusern bebaut werden sollte. Die jungen Männer lungerten herum, die alten Frauen tratschten miteinander, die jungen Mädchen aßen an den Ständen, ein Mann wusch seine Füße, kurzum, all das, was ich das richtige Leben nenne. Beim Filmen all dieser äußerlichen Gegebenheiten kann man die Mentalität der Menschen und ihre tiefsten Geheimnisse erfassen.“ On the Beat geht da noch einen Schritt weiter als der vorige Film. Die Polizisten bei Ning Ying sind „Menschen wie du und ich“, mit ihren banalen Gewohnheiten und ihren Sorgen, die sie durch den beruflichen Alltag begleiten. Bei Yang Guoli etwa hängt der Haussegen ziemlich schief: Seine Frau ist alles andere als begeistert, dass er so viel arbeiten muss und der Haushalt und die Betreuung ihres gemeinsamen Sohnes fast zur Gänze an ihr hängen bleiben. Die Polizisten sind müde und überarbeitet, die Polizeieinheit, um die es geht, ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was man an Cops aus amerikanischen Genrefilmen gewohnt ist. On the Beat ist weit davon entfernt, ein typischer Polizeifilm zu sein. Es gibt keine Autoverfolgungsjagden, es gibt überhaupt nur wenige Autos in diesem Film. Es gibt keine Toten, keine brillante Detektivarbeit, und niemand zieht je eine Pistole. Am wichtigsten jedoch: Niemand begeht eine Straftat, jedenfalls keine, die die westliche Welt als Straftat bezeichnen würde. Anstatt Serienkiller hinter Schloss und Riegel zu bringen oder Drogensyndikate hochgehen zu lassen, müssen diese Polizisten das Erbrochene von Volltrunkenen aufwischen, Hundefänger spielen, einen verstockten Mann aufspüren, der einen Polizisten beleidigt hat, und einen Verkäufer von pornografischen Fotos – Frauen in Badeanzügen – verhaften. Der Mangel an Vorfällen könnte auf eine Kleinstadt schließen lassen, aber der Feind in On the Beat ist das System selbst, nicht wie sonst die Stützen der Unterwelt.
Statt dessen müssen die Polizisten erkennen, dass ein gefinkelter Trickdieb, der sie noch dazu mit seinem gefälschten Namen und denen seiner Kinder narrt, sechs bis sieben Mal so viel verdient wie sie selbst, und sie müssen einen Auftrag ausführen, der nur wahren Apparatschiks vom alten Schlag in den Sinn kommen kann: Weil ein Betrunkener von einem angeblich tollwütigen Hund gebissen wurde, müssen alle Hunde des gesamten Stadtviertels, ja ganz Beijings, beseitigt und das Halten von Hunden generell verboten werden. Was sich wie ein schier unlösbares Unterfangen anhört, ist es de facto auch. Eine Armee von wenig motivierten Polizisten macht sich auf, die Stadt von Hunden zu säubern – so weit sie diese erwischen, natürlich. Da werden heulende Kinder, die auf ihre Hundchen nicht verzichten wollen, ebenso in Kauf genommen wie minutenlange wilde Verfolgungsjagden zu Fuß. Die Absurdität des ganzen Unternehmens wird von Ning Ying angemessen in Szene gesetzt, das Chaos, das die Polizisten auslösen, ist jedenfalls beinahe größer als der Nutzen, den sie stiften. Aber die Jagd auf die Hunde ist nicht bloß eine Beschäftigung für die Polizisten, Ning Ying verpackt darin subtile politische Subversion, denn natürlich hätte die Polizei Wichtigeres zu tun. Hier aber wird eine gigantische Scheinaktivität erzeugt, um Ruhm und Ehre für Partei und Bürokratie zu generieren. Darin gleicht Nings Spielfilm auf verblüffende Weise Sunken National Treasures (1999), einem Dokumentarfilm von Duan Jinchuan: Dort wird das Heben eines chinesischen Kriegsschiffes aus dem japanisch-chinesischen Krieg auf vollkommen abstruse Weise zur Staatsaffäre und zum nationalen Auftrag erklärt, ehe sich nach viel Hin und Her und unter viel Gezeter herausstellt, dass die Aktion ebenso sinnlos wie undurchführbar ist.
Trotz aller Komik sind die ernsten Untertöne in On the Beat nicht zu überhören: Schon dräuen im Hintergrund Hochhausburgen, und es wird klar, dass die alten Stadtviertel (die im übrigen tatsächlich vor allem in hygienischer Hinsicht desolat waren) dem Untergang geweiht sind. 700 Familien seien aus der Gegend schon abgesiedelt worden, heißt es einmal im Film. Und auch die gesellschaftlichen Umwälzungen machen sich hier, für den chinesischen Film recht früh, bemerkbar: Die Hundehalter, die immer mehr werden, darauf wird im Dialog auch mehrmals Bezug genommen, sind natürlich die Neureichen, für die es – scheinbar – keine Gesetze gibt, ebenso wie sich reiche Leute auch über die strikte Ein-Kind-Politik hinwegsetzen können, indem sie im Falle des Falles eine Pönale zahlen. Hundehaltung war früher ein Tabu in China, und die arme Bevölkerung hätte sie sich sowieso nicht leisten können. Erst durch den aufkommenden Kapitalismus sind Hunde plötzlich wieder ein Thema. Und als ob das noch nicht genug Bestätigung der neuen Entwicklungen wäre, erwacht Yang Guoli auf seinem Bett im Dienstzimmer ausgerechnet vor einem großen Plakat mit dem Marlboro-Schriftzug darauf; später werden sich die Polizisten im Fersehen einen amerikanischen Actionfilm ansehen, der mit ihrer eigenen Realität weniger zu tun hat als die Rückseite des Mondes.
I Love Beijing, ihren wohl komplexesten Film, beginnt Ning Ying, wieder mit einem Blick auf eine der großen Straßenkreuzungen der Stadt. Doch die vermeintliche Idylle von For Fun ist gewichen: Endlose Autokolonnen, Staus und Hupkonzerte beherrschen 2001 das Bild. Wie in On the Beat hat Ning Ying eine Figur gewählt, die exemplarisch ist für das Leben in der Stadt: Statt eines Polizisten ist es diesmal ein junger rastloser Taxifahrer namens Fang Dezi. Seine Arbeit bringt ihn mit Menschen in Kontakt, deren Lebensstil weit über seinen Horizont hinausgeht. Der Film folgt ihm auf seinen Touren durch ganz Beijing. Er ist immer unterwegs, streift Menschen und Orte, ohne ihnen jemals nahezukommen. Dezis Fahrten von einem Ziel zum nächsten, von einer Frau zur anderen, gleichen Beijings Suche nach der eigenen Identität, die sich irgendwo zwischen den alten Werten und einer unbekannten Zukunft befindet. „Wie überall auf der Welt sind Taxifahrer sehr interessante Leute“, heißt es bei Gerwin Tamsma weiter, „weil sie sechzehn Stunden am Tag in ihren Autos sitzen, Radio hören, mit Menschen reden und zu allem eine Meinung haben. Meinungen hat auch Dezi, nur das Ziel in seinem Leben fehlt. Er hat aber die Fähigkeit zur Selbstironie, was dem Film einen feinen Humor verleiht.“
Ning Ying sagt in einem Statement zu I Love Beijing (dessen Originaltitel im übrigen „bloß“ so viel wie „Die Sommersonne erzeugt Wärme“ bedeutet): „In den letzten zehn Jahren habe ich erlebt, wie sich meine Heimatstadt auf erstaunliche Weise verändert hat. In meinem Film zeige ich die Wucht der Veränderungen, die unser Leben bestimmen, und die Hoffnungen und Ängste der jungen Generation in einer rhapsodischen Form, aus der Sicht eines Taxifahrers. Wenn ich auf meine letzten drei Filme zurückblicke, dann ergeben sie für mich eine Trilogie über drei Generationen von Chinesen: die Großeltern in For Fun, die Eltern in On the Beat und die Kinder in I Love Beijing.“ Das Beijing, das sie im dritten Film der Trilogie zeigt, hat so gut wie nichts mehr mit dem in For Fun gemeinsam. Beijing ist endgültig zur asiatischen Megacity geworden, zum Großstadt-Moloch. Und um zu demonstrieren, dass nicht nur die Stadt sich verändert hat, sondern auch die Menschen, steht gleich am Anfang des Films die recht unschöne Scheidung zwischen Fang Dezi und seiner Frau. Während Yang Guoli und seine Frau in On the Beat sich noch einigen konnten, trotz vieler Arbeit und Kind, ist hier das kinderlose Ehepaar weit auseinandergetrieben, und das Ende der Beziehung ist tragisch.

In der Folge driftet Fang Dezi „like a rolling stone“ durch ein anonymes, wild pulsierendes Beijing (tatsächlich wäre Perpetual Motion ein wunderbarer Titel für den Film gewesen), das wenige angenehme Seiten und Orte zu haben scheint. Sein nächtliches Vorbeifahren am Tor des Himmlischen Friedens mit dem riesigen Mao-Porträt darüber hat geradezu etwas Höhnisches an sich. Maos Enkelkinder sind gefangen zwischen dem, was nicht mehr ist, und dem, was sie noch nicht (und vermutlich nie) haben können. Beijing zeigt sich als eine Stadt im Umbruch mit massiven Problemen. Wegen der Umweltverschmutzung müssen die Taxifahrer, die oft von der Hand in den Mund leben, ihre alten Autos aufgeben und auf neue, umweltverträglichere umsteigen – eine Maßnahme, die viele von ihnen in den Ruin treiben wird. Fang Dezi wird zwei Mal im Laufe des Films von Fahrgästen betrogen – einmal von üblen Gangstern, einmal von einem harmlosen Familienvater, dem einfach das Geld fehlt. Dezi sammelt Frauen auf, die ebenso heimat- und wurzellos sind wie er selber; die Affären, die er hat, sind kurz und irrelevant. Die Girls träumen nicht von ihm, sondern von Versace, Armani und Gucci. Sie wollen eigentlich auch nicht mit dem Taxi fahren, sondern selbst mit einem Mercedes herumkurven, wie es im Film einmal heißt. Fang Dezis Versuch, sich in einer Bar, in der auch Ausländer verkehren, einen schönen Abend zu machen, endet mit seinem Hinauswurf und dem Ratschlag, vor den Reichen und Schönen keine Szene zu machen. Trotzdem ist I Love Beijing kein hoffnungslos pessimistischer Film. Das ist der Meisterschaft Ning Yings zuzuschreiben, die dazwischen immer wieder Szenen mit leisem Humor einbaut.
Filme dieser Art, die sich mit der komplexen Vergangenheit und der ungewissen Zukunft Chinas auseinandersetzen, schossen und schießen seit der Jahrtausendwende wie die Pilze aus dem Boden. Das urbane Umfeld, zumeist in Beijing, aber auch in Shanghai oder dem rasant wachsenden Chonqing, ist dabei ein bestimmender Faktor. 1999 etwa entsteht Zhang Yangs Film Xizhao (Shower), in dem einer der „typischen“ neureichen chinesischen Businessmen aus der boomenden Wirtschaftsregion Shenzhen nach Beijing zurückkehrt, wo er sich mit der drohenden Schließung des Badehauses, das seinem Vater gehört, konfrontiert sieht. Das gemeinsame Bad als soziales Ritual, klar ein Relikt aus einer vermeintlich besseren Vergangenheit, wird hier konterkariert durch eine anonyme Großstadt, in der keiner mehr den anderen kennt. Wo Zhang Yang allerdings bisweilen unangenehm sentimental wird, überzeugt der junge Autor und Regisseur Shi Runjiu mit seiner bitteren Komödie Meili xin shijie (Schöne neue Welt): Ein einfacher Mann vom Lande, der wie Tausende andere in Shanghai seine große Chance wittert, erlebt böse Überraschungen mit den Geschäftemachern im Turbokapitalismus der Großstadt. Dass die Wohnung, die er glaubt, in der Lotterie gewonnen zu haben, noch nicht einmal gebaut ist, ist da noch sein geringstes Problem. Auch Dasheng, der Held von Tang Danians angemessen ironisch betiteltem Dushi tiantang (City Paradise, 2000) kommt vom Land nach Beijing, um dort als Fensterputzer an den gigantischen Wolkenkratzern sein Glück zu machen. Doch er muss erkennen, dass die Goldgräberstimmung, die allerorten ausgebrochen ist, nicht allen zum Segen gereicht. Ähnlich geht es den Protagonisten von Liu Haos chinesisch-deutscher Koproduktion Chenmo he Meiting (Chenmo und Meiting, 2002): Dem jungen Mann, der als illegaler Blumenhändler sein Dasein fristet, und seiner Freundin, einer armen Frisörin, ist in einem feindseligen Beijing kein Glück beschieden. Wang Xiaoshuai schildert in seinem Shiqi sui de dan che(Beijing Bicycle, 2001) die unliebsamen Erlebnisse eines siebzehnjährigen Bauernjungen, der sich in Beijing für einen Schandlohn als Fahrradkurier verdingt – bis ihm eines Tages sein wertvolles Arbeitsgerät ausgerechnet von einem aus reicher Familie stammenden Schüler gestohlen wird. Wangs bittere Paraphrase auf Vittorio de Sicas Fahrraddiebe wird bei der Berlinale 2002 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Aber nicht nur die avancierten Regisseure des im Ausland so geschätzten unabhängigen chinesischen Films wenden sich dem Thema zu, es ist auch allgegenwärtig im Mainstream, dessen durchaus unterhaltsame Produkte leider allzu selten in den Westen vordringen: Feng Xiaogang, der das kommerzielle erfolgreiche chinesische Kino seit Jahren dominiert, gelingt mit Shou ji (Cell Phone, 2003) eine wunderbare schwarze Komödie um einen erfolgreichen TV-Moderator, dem die amourösen Botschaften auf seinem Handy beruflich und privat zum Verhängnis werden. Auf ganz verblüffende Weise frisst hier der Neo-Kapitalismus einen seiner „Gewinner“. Auch Zhang Yuan, Vorzeigeregisseur der Sechsten Generation und einer der Protagonisten des kritischen Autorenkinos der Neunziger Jahre, versucht sich mit seinen offiziell sanktionierten Mainstream-Filmen Wo ai ni (I Love You, 2003) und Lü cha (Green Tea, 2004) erfolgreich am Thema der modernen Großstadt Beijing, die sich zwar rasend schnell entwickelt, ohne dass jemand genau wüsste, wohin. Ein später, durch seine freizügigen Sexszenen prominent gewordener Ausläufer dieser Film-Serie ist Li Yus Pingguo (Lost in Beijing, 2007), in dem die Regisseurin, die 2001 mit Jin nian xia tian(Fish and Elephant), dem ersten chinesischen Film mit einem dezidiert lesbischen Hintergrund, für Aufsehen gesorgt hatte, ein recht düsteres Bild vom Verfall der Werte und von der Raffgier der neureichen Bewohner Beijings malt.
Dennoch richtet sich der Pessimismus der Filmemacher weniger gegen Stadt und ihre Bewohner, schon gar nicht gegen die Tausenden Glücksritter, die Tag für Tag wie eine Flutwelle neu über Beijing hereinbrechen, sondern gegen ein System, das nach Jahrzehnten der peinigenden, allumfassenden politischen und gesellschaftlichen Kontrolle in einerArt 180-Grad-Wendung alle Zügel hat schießen lassen. Wie aus orthodoxen Kommunisten ohne jeden Spielraum nach links oder rechts plötzlich überzeugte Turbokapitalisten wurden, das ist vermutlich das größte Rätsel an diesem in vieler Hinsicht rätselhaften Land. Und während die Bevölkerung, zumindest den Teil, der nicht zu den Gewinnern zählt, schon nach wenigen Jahren Beklemmung überfiel, ist die Euphorie der Verantwortlichen nicht gebremst worden – im Gegenteil: Damit, dass am 13. Juli 2001 Beijing als Olympia-Austragungsort für das Jahr 2008 bekannt gegeben wurde, begann für China eine neue Zeitrechnung, und in Beijing ist seither kaum ein Stein auf dem anderen geblieben – weder im buchstäblichen noch im metaphorischen Sinne. Ning Ying kommt, historisch betrachtet, das Verdienst zu, mit ihrer Filmtrilogie über das sich radikal verändernde Beijing schon sehr früh auf diese Entwicklung hingewiesen zu haben.
Der Text erschien im Mai 2009 in: Margrit Frölich, Karsten Visarius (Hg.): Made in China. Das aktuelle chinesische Kino im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche. Schüren Verlag (Marburg) 2009.



