The Lodger
Für Alfred Hitchcock war „The Lodger“ aus dem Jahr 1926 der „erste echte Hitchcock-Film“. Tatsächlich finden sich viele Motive seiner späteren Filme in diesem Frühwerk.

The Lodger – A Story of the London Fog entstand 1926 für Gainsborough, nach Hitchcocks Rückkehr aus Deutschland. Er schrieb das Buch mit Eliot Stannard selbst, nach einem Theaterstück namens „Who Is He?“, das wiederum auf Mrs. Belloc-Lowndes' Roman „The Lodger“ beruht.
Im Gespräch mit François Truffaut erklärte Hitchcock, The Lodger sei der „erste echte Hitchcock-Film“ [1]. Tatsächlich finden sich viele Motive seiner späteren Filme in diesem Frühwerk. Die wichtigste Parallele ist natürlich die „klassische“ Hitchcock‘sche Ausgangssituation: Ein Unschuldiger sieht sich einem schlimmen Verdacht ausgesetzt und hat größte Mühe, sich von ihm zu befreien. Hitchcock selbst verglich das Problem, das er bei diesem Film hatte, mit dem, das ihm bei Suspicion (1941) zu schaffen machte: einen Sympathieträger und Publikumsliebling einen Mörder spielen zu lassen. So wie das bei Cary Grant in Suspicion nicht möglich war, konnte er Ivor Novello, einen beliebten Theaterschauspieler und Star des Gainsborough-Studios,nicht zum Avenger machen. Hitchcock ging so weit zu behaupten, „das Funktionieren einer Geschichte [sei] dadurch gefährdet, daß der Star einfach kein Schurke sein kann.“
Tatsächlich ist der schöne und sanfte Ivor Novello (er hat Popstar-Qualitäten, würde man heute sagen), sobald er seinen Schal vor dem Gesicht abgenommen hat, als Mörder kaum vorstellbar. Unter dieser Prämisse muß man The Lodger sehen. Der Suspense resultiert in diesem Fall aus der Frage, wie weit es Hitchcock gelingen wird, den jungen Mann in die Bredouille zu bringen, und es besteht kein Zweifel, daß der Regisseur sein Bestes getan hat: Auf der Flucht, mit Handschellen an einem Zaun hängengeblieben, droht dem (namenlosen) Lodger die Lynchjustiz durch eine wütende Menge, ehe ein deus ex machina in Gestalt des Polizisten Joe Betts (Malcolm Keen) ihn in letzter Sekunde befreien kann. Es wäre interessant zu wissen, wie sehr ein möglicherweise „naiveres“ Publikum der zwanziger Jahre seinerzeit an die Möglichkeit glaubte, dieser pretty boy von Mieter könnte der Serienkiller sein.
Die Geschichte von The Lodger zeigt deutliche Parallelen zum Fall Jack the Rippers: Ein sogenannter Avenger metzelt jeden Dienstag im Schutz des Londoner Nebels eine Blondine und hinterläßt am Tatort seine „Visitenkarte“. Der junge Regisseur eröffnet mit einer virtuosen Anfangssequenz, die in wenigen Minuten klarmacht, wie der Avenger die Stadt terrorisiert. Berühmt ist Hitchcocks Einfall, den Kopf des ersten Mordopfers, das wir zu sehen bekommen, auf eine Glasplatte zu legen, „dann habe ich ihre Haare so ausgebreitet, daß sie das ganze Bildfeld füllen, und sie von unten angeleuchtet, so daß einem das blonde Haar besonders auffiel.“ Das Mädchen wird aus der Themse gefischt, ein Menschenauflauf bildet sich, die Polizei trifft ein, immer wieder blinkt makaber die Leuchtreklame eines Nachtclubs: To-Night Golden Curls.
In einer inszenatorischen tour de force macht sich Hitchcock, wie das später in vielen klassischen Gangsterfilmen der Fall ist, die Errungenschaften der modernen Technik zunutze: Wir sehen einen Journalisten, der hektisch die Redaktion anruft, die Rotation der Druckerpressen, die Auslieferung der Zeitung, und, besonders bemerkenswert, die Bekanntgabe des Verbrechens im damals noch neuen Medium Radio. Hitchcock schildert auch die Reaktionen der Bevölkerung, besonders die von potentiell gefährdeten blonden Mädchen: Manche nehmen die Gefahr nicht ernst, andere stecken sich einige schwarze Locken unter den Hut, um den Avenger in die Irre zu führen. The Lodger elektrisiert mit einer faszinierenden Exposition, die im heutigen Unterhaltungskino wohl mehr als eine halbe Stunde beanspruchen würde.
Auch der Protagonist ist schnell etabliert. Aus dem Londoner Nebel tritt ein Mann ins Haus der Familie Bunting, der alle Anzeichen des Frauenmörders trägt: den Hut tief ins Gesicht gezogen, einen Schal vor dem Gesicht und eine Tasche in der Hand. Später werden wir sehen, daß sich in dieser Tasche eine Pistole, ein Stadtplan mit den markierten Tatorten und das Bild eines der Mordopfer befinden. Hitchcock läßt nichts unversucht, den neuen Mieter als Schlächter von London zu präsentieren. Ein Ausflug in die Nacht, an einem Dienstag, eine vermeintliche „Attacke“ mit dem Schürhaken, sein rastloses Auf- und Abgehen in seinem Zimmer versetzt vor allem Mrs. Bunting (Marie Ault) in Angst und Schrecken.
Natürlich wäre der Suspense kein Suspense, wäre da nicht Daisy Bunting (June), die blonde Tochter des Hauses, die sich arglos und naiv in den neuen Mieter verliebt, während sie alle Avancen des Polizisten Joe, der im Haus ein- und ausgeht, zurückweist. Da helfen alle Warnungen und Verbote nichts. Joe, der mit dem Fall betraut wird, stellt bald fest, daß der Mörder sich – was den Tatort betrifft – immer näher auf das Haus der Buntings zubewegt. Als sein Verdacht sich auf den Mieter richtet, hat dies keineswegs nur sachliche Gründe. Daß er bei Daisy konsequent abblitzt (einmal zerstört er resigniert ein Herz, daß er aus Mrs. Buntings Kuchenteig ausgestochen hat), während sie nur Augen für den jungen Lodger hat, macht den Fall für ihn um so klarer. Er fackelt nicht lange, läßt das Zimmer des Lodgers durchsuchen und diesen verhaften. Er scheint nahe am Ziel, ehe ihn die Nachricht von der Ergreifung des wahren Mörders (per Telefon!) gerade noch rechtzeitig zur Vernunft kommen läßt.
The Lodger ist – unter anderem – auch deswegen bemerkenswert, weil Hitchcock konsequent versuchte, den Einschränkungen, die der Stummfilm mit sich brachte, zu entkommen. Berühmt ist jene Sequenz, in der die Buntings und Joe den ruhelosen Schritten des Mieters im Zimmer über ihnen lauschen: „Da wir ja damals keinen Ton hatten, habe ich einen Boden aus sehr dickem Glas machen lassen, durch das man den Mieter sehen kann. Natürlich wären heute einige dieser Effekte überflüssig und durch Lauteffekte, das Geräusch von Schritten, zu ersetzen. [...] Heute würde ich mich mit dem schaukelnden Leuchter begnügen.“ Weniger offensichtlich, aber um so wirkungsvoller ist eine Sequenz, in der (der Mieter hat gerade seinen nächtlichen Streifzug begonnen) der Schatten eines Mannes auf eine junge Frau fällt: Ihren Schrei können wir nicht hören, aber wir sehen eine Katze aus einer Mülltonne springen und einen aufmerksamen Polizisten sich umdrehen — ein „Soundeffekt“ erster Güte.
Es ist des Öfteren angemerkt worden, die Rettung des verfolgten Mieters (wie in einer Pietà hält Daisy den verletzten Mann in ihrem Schoß) mute fast religiös an. Hitchcock zeigte sich im Gespräch mit Truffaut über das Happy-End wenig erfreut: „[...] bei einer Geschichte wie dieser wäre es mir lieber gewesen, er wäre im Dunkeln verschwunden, und man bekäme nie Gewißheit.“ Man sieht, daß der Regisseur diese last minute rescue so inszeniert hat, als wolle er auf seine Sachzwänge besonders hinweisen. Das Studio gab sich mit der Umarbeitung einiger „allzu düsterer“ Szenen zufrieden, Publikum und Kritik waren von The Lodger sehr angetan, und Hitchcock etablierte sich als Zukunftshoffnung des britischen Kinos.
1 Dieses und alle folgenden Zitate aus: François Truffaut, *Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?", München 1989, S. 37ff.
Der Text erschien im August 1999 in: Lars-Olav Beier, Georg Seeßlen (Hg.): Alfred Hitchcock. Bertz + Fischer (Berlin) 1999..



