Wenn die Legende Pause macht
In den sechziger Jahren war John Frankenheimer die große Hoffnung des amerikanischen Kinos. Seither versucht sich der Regisseur von Kultfilmen wie „The Manchurian Candidate“ und „Seconds — Der Mann, der zweimal lebte“ als Action-Routinier, zuletzt mit „Year of the Gun“, der zur Zeit in den Wiener Kinos zu sehen ist. Ein Gespräch über 30 Jahre Arbeit in Hollywood und sein Leben als Legende.

Einem Regisseur. der The Young Savages. The Manchurian Candidate und Birdman of Alcatraz gedreht hat, könnte man fast alles verzeihen“, schreibt David Quinlan in seinem „Guide to Film Directors“ über Frankenheimer: „Und das, obwohl man diesem amerikanischen Regisseur seit seiner Glanzzeit in den frühen Sechzigern tatsächlich schon eine ganze Menge zu verzeihen hat.“ John Frankenheimer. Jahrgang 1930, legte binnen weniger Jahre ein zutiefst verstörendes, vielfältiges Œuvre vor: den Gerichtssaal-Reißer um jugendliche Verbrecher, The Young Savages (1961), das Psychogramm des lebenslang inhaftierten Birdman of Alcatraz (1962). die Geschichte eines in Korea zum Präsidenten-Attentäter umerzogenen Manchurian Candidate (1962), die Horrorvision eines Militärputsches in den USA, Seven Days in May (1963). und die psychedelische Phantasie eines kleinen, verbitterten Mannes, der als Rock Hudson ein zweites Leben beginnt, Seconds (1966).
Davor drehte Frankenheimer eine Unzahl von Fernsehfilmen, die heute praktisch unbekannt sind, danach eine Unzahl von Action-Filmen. die — vielleicht mit Ausnahme von French Connection II (1975) und Black Sunday (1979) — besser unbekannt geblieben wären. Die Bruchlinie, die die Qualität seines Werks durchzieht, vermag wohl niemand genau zu erklären — sie gleicht in etwa der, die auch die Arbeit seiner Altersgenossen Sidney Lumet und Robert Mulligan kennzeichnet. Von seinem Witz immerhin hat der letzte Klassizist des amerikanischen Kinos — der Hawks, Hitchcock, Ford und Wyler als seine Lieblingsregisseure, A Place in the Sun von George Stevens als seinen Lieblingsfilm nennt — nichts verloren. Das folgende, im August 1991 in Deauville entstandene Interview zeugt davon.
“Year of the Gun“ ist ein Film über die Roten Brigaden. Sehen Sie einen Zusammenhang mit den politischen Filmen am Anfang Ihrer Karriere?
Ich glaube schon, daß es den gibt. Es ist für mich genauso ein politischer Thriller wie Seven Days in May oder The Manchurian Candidate. Wir müssen ihn in den USA auch als Polit-Thriller verkaufen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß vermutlich 99,9 Prozent aller Amerikaner die Roten Brigaden für eine Rockband oder etwas Ähnliches halten. Und Aldo Moro kennen sie schon gar nicht. In Europa ist das natürlich etwas anderes, dort wird das ganz ein anderer Film.
Wie recherchieren Sie für Ihre Filme?
Ich bereite mich immer sehr gründlich vor. Für Year of the Gun z.B. war ich monatelang in Archiven und Bibliotheken, um zu lesen und Fotos anzuschauen. Ich sprach mit jemandem, der selbst bei den Roten Brigaden war. Ich glaube, wir haben wirklich sehr gut recherchiert. Ich mache das immer so. Wenn Sie Manchurian Candidate anschauen, diese Versammlungen bei den US-Wahlkämpfen: Ich habe wirklich Tausende Fotos studiert, um die richtig nachstellen zu können. Das gleiche gilt für Seven Days in May. Bei The Train war es vielleicht ein bißchen anders, da hatte ich leider nicht so viel Zeit, ich mußte meinen Kollegen Arthur Penn ersetzen. Obwohl ich auch da viel über die Resistance gelesen hatte. Oder Grand Prix: Da habe ich mich wirklich minutiös vorbereitet. Mir ist es lieber, wenn ich zu viel über eine Sache weiß als zu wenig.
Wie waren denn die Reaktionen nach Filmen wie „Seven Days in May“ oder „Manchurian Candidate“?
Ich kann mich an eine Voraufführung von Manchurian Candidate in San Francisco erinnern. Während das Publikum die Stimmzettel ausfüllte, kam ein Mann zu mir und sagte: „Haben Sie etwas mit dem Film zu tun?“ Ich muß wohl ziemlich nervös ausgesehen haben. Ich sagte: „Ja.“ Er sagte: „Wissen Sie, der Film ist großartig, aber diese linken Bastarde werden ihn nie in die Kinos kommen lassen.“ Dann kam ein anderer und sagte: „Der Film ist wirklich gut, aber diese Rechtsradikalen werden ihn nie im Leben herausbringen.“ Ich sagte: „Ich möchte Ihnen jemand vorstellen.“ Der Film beleidigte sowohl die Linke als auch die Rechte. Als der Film 1962 herauskam, war er der erste, der sich explizit mit dem Kommunistenfresser Senator McCarthy beschäftigte. Historisch gesehen. würde ich sagen, war es ein ziemlich couragierter Film, der offen sagte: „Das war Scheiße“. Die Idee, McCarthy, der in Wirklichkeit ein Werkzeug der Russen war, würde Präsident werden, war wirklich atemberaubend. Wir spielten damals ein Spiel namens „Manchurian Candidate“. Das ging so: „Wenn du dieses Land zerstören wolltest, wer würde dann dein Präsident sein?“ Der Sieger hieß jedes Mal Richard Nixon. Ich meine, wenn man die Vereinigten Staaten wirklich hätte zerstören wollen, wen Besseren hätte man dafür finden können als Richard Nixon?
Aber „Seven Days in May“ richtet sich wohl eindeutig gegen die Rechten. Wie haben die reagiert?
Nun, man muß eines bedenken: Sie konnten wohl schlecht aufstehen und sagen: Ja, wir planen einen Staatsstreich gegen den Präsidenten.“ Das heißt, sie mußten schön still sein. Aber zu Seven Days fällt mir noch ein, daß ich damals dachte: Der beste Präsident, den die USA je haben hätten können, wäre Fredric March, unser Hauptdarsteller, gewesen. Das ist wahr.
Ihr Film „Seven Days in May“ erinnert aus heutiger Sicht auch stark an Oliver North und Irangate.
Absolut. Es ist, als wäre er aus diesem Film in die Wirklichkeit gestiegen. Das ist wirklich erschreckend. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte über Seven Days in May: Als wir den Film fertiggestellt hatten, erhielten wir eine Anfrage vom Stabschef der brasilianischen Armee, ob sie wohl den Film sehen könnten. Also sandten wir ihnen eine Kopie, und zwei Wochen später haben sie die Regierung gestürzt. Kein Witz.

Wie Sie mit „Seven Days in May“ dem Leben voraus waren, so waren Sie vor allem mit der Kameraarbeit in „Seconds“ Ihrer Zeit voraus.
Die Kameraarbeit in Seconds hat sich aus meinen Filmen bis dahin, aber auch aus meiner früheren Fernseharbeit entwickelt. Ich ging nur in Seconds fünf Schritte weiter. Und ich hatte einen der besten Kameramänner, die es je gab, James Wong Howe. Er war einfach genial.
Die Bilder des Films sind psychedelisch, noch bevor diese Zeit überhaupt gekommen war.
Völlig richtig, sie sind psychedelisch, mit all diesen Verzerrungen und so weiter. Ich hatte nie Schwierigkeiten mit der Kamera. das war schon zu meiner Fernsehzeit so. Ich gebe zu, daß ich mich oft zu sehr darauf verlassen habe. Aber in Seconds bin ich wirklich sehr zufrieden damit.
Nick Nolte sagt einmal als Kriegsreporter in „Under Fire“: „I don't take sides, I take pictures“. Wie sieht das bei Ihren politischen Filmen aus?
Ich mag den Film von Spottiswoode nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Ich lasse mich aber von dieser Frage nicht in die Falle locken. Es kommt darauf an, was ich tue. Als ich für Robert Kennedy Publicity machte, stand ich sicherlich auf seiner Seite und ließ Richard Nixon wie das Arschloch aussehen, das er tatsächlich war. Aber das kann man nicht verallgemeinern.
Was ist aus George Axelrod geworden, der mit Ihnen das Drehbuch zu „Manchurian Candidate“ geschrieben hat?
Es ist kein Geheimnis, daß er eine wirklich schwere Zeit hinter sich hat – persönlich. Aber, soweit ich weiß, hat er ein neues Drehbuch fertig und versucht, es zu verkaufen. Das ist heute viel, viel schwieriger als damals. Hollywood ist heute wie ein Dschungel. Mein Freund William Friedkin sagt immer: „Wir hängen an einer Klippe, nur mit einer Schnur zwischen den Zähnen, und versuchen, uns daran wieder selbst hinaufzuziehen.“ Genauso ist es. Es wird immer schlimmer. Immer weniger Filme werden gemacht, immer mehr Sequels. Sogar die großen Mogule, wie Jack Warner oder Louis B. Mayer oder wie sie alle hießen, hatten manchmal ihre lichten Momente und sagten: „Machen wir doch diesen Film, einfach weil er gemacht werden sollte. Auch wenn er kein Geld einspielt, aber er ist es wert, gedreht zu werden.“ So etwas steht heute nicht einmal zur Diskussion. Die einzige Überlegung ist: Wird es ein Erfolg? Glauben Sie, daß es den Präsidenten von Coca-Cola interessiert, ob ein Film künstlerisch wertvoll ist – einen Dreck! Nun, das ist ja nichts Neues, aber so schlimm war es bestimmt noch nie. Sogar die New York Times, wo früher noch Filmkritiken geschrieben wurden, orientieren sich heute danach, nach ob ein Film ein großer Hit ist oder nicht.
Deprimiert Sie das?
Nein, das kann ich mir nicht leisten. In diesem Job muß man ein Optimist sein. Wenn man jemals daran dächte, was bei einem Film alles schiefgehen kann, bliebe man vermutlich im Bett.
Wie gehen Sie mit Ihrer Geschichte um? Die jüngsten Kritiken waren ja im Vergleich zu Ihren früheren Filmen mehr gerade freundlich. Macht es Ihnen etwas aus, ständig an Filmen wie „Manchurian Candidate“ gemessen zu werden?
Nein, absolut nicht. Damit lebe ich. Und es ist das gute Recht der Kritiker, so etwas zu tun. Unlängst fragte mich jemand etwas Ähnliches: „Wie fühlt man sich, wenn man einen der zehn besten Filme gemacht hat, die es gibt? Wie leben Sie damit?“ Ich sagte: „Man lebt großartig.“ Ich meine, nur neun andere Leute haben das auch geschafft, und die meisten davon sind tot. Ich habe das Glück, zu leben, und ich bin auch noch recht gesund. Also was soll's? Außerdem bin ich jemand, der sich gerne mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Erst unlängst sah ich wieder die Sachen, die ich mit 26, 27 Jahren fürs Fernsehen gemacht habe, wie Days of Wine and Roses, und ich dachte: „Das war wirklich gut.“ Ich würde es heute vielleicht anders machen, aber das heißt noch nicht, daß ich es besser machen könnte. Ich kann nur sagen, ich bin froh, die Gelegenheit gehabt zu haben, in dieser Branche über vier Jahrzehnte arbeiten zu können. Und ich hoffe, daß es noch lange so bleiben wird.
Kommen wir noch einmal auf Ihre letzte Arbeit zurück: Was hat Sie bewogen, die weiblichen Hauptrollen in „Year of the Gun“ mit Valeria Golino und Sharon Stone zu besetzen?
Nun, ich brauchte jemand, der in Italien leben sollte und Englisch konnte. Das war alles. Valeria lebt in den USA und spricht Italienisch. Ursprünglich hatten wir an eine Französin gedacht. Dann sagte ich mir: Warum soll ich mir selber das Leben schwermachen? Hier haben wir eine Frau, die Englisch und Italienisch kann, ich brauche keinen Dialekttrainer, und fertig. Sharon Stone sah ich zuerst in einer Fernsehserie und war total von ihr begeistert. Ich wollte sie schon für den Film Dead Bang. Aber da bekam ich Streit mit meinem Produzenten, der sagte: „Du kannst sie nicht nehmen, sie schaut doch genauso aus wie Don Johnson.“ Ich sagte: „Du bist verrückt. Wenn Don Johnson so ausschauen würde, wäre ich mit ihm verheiratet.“ Jedenfalls kam es nicht zustande. Aber sobald ich an Year of the Gun zu arbeiten begann, schrieb ich diese Rolle immer für Sharon. Das war für mich klar.
Und warum lassen Sie dann den Amerikaner John Pankow einen Italiener spielen?
Das hängt mit dem zusammen, was ich eben sagte. Jedesmal, wenn ein italienischer oder französischer Schauspieler Englisch redet, versteht das amerikanische Publikum nicht ein Wort von dem, was er sagt: Kein Ausländer hat es jemals geschafft in Hollywood – sieht man von Arnold Schwarzenegger ab. Also ließ ich John Italienisch sprechen. und dachte mir: Sollen sich doch die Italiener über sein Italienisch den Kopf zerbrechen.
Das Interview erschien im Falter 40/92 (September 1992).



