What Do You Know of My Heart?
Scheinbar mühelos pendelt er in seinen Filmen zwischen Kontinenten, Kulturen und Jahrhunderten und hat sich bisher mit nahezu jedem Werk auf neues Terrain vorgewagt. Nicht ohne Grund gilt Ang Lee zurzeit als einer der vielseitigsten Filmemacher.

„Ich hoffe, ich werde 300 Jahre alt und kann alle Filmgenres ausprobieren, sie mixen und verdrehen und alles über sie lernen“, hat er selbst einmal gesagt — und ist auf bestem Wege: angefangen bei seinen frühen taiwanesischen Familiendramen wie The Wedding Banquet und Eat Drink Man Woman über das Jane-Austen-Sittenbild Sense and Sensibility, das leichtfüßige Kampfkunst-Epos Crouching Tiger, Hidden Dragon oder die psychoanalytisch grundierte Comicverfilmung Hulk bis zur prekären Romanze zweier Cowboys in Brokeback Mountain oder dem sinnlichen Spionagethriller Lust, Caution. Sensibel und erfrischend ambivalent widmet er sich in seinen Arbeiten den Konflikten des menschlichen Lebens, seziert behutsam und mit liebevollem Humor familiäre Spannungen und Konfrontationen zwischen Generationen und Kulturen und verknüpft dabei geschickt traditionelle und innovative Stilelemente. Im Oktober wird Ang Lee 60 Jahre alt. Ein Ende seines Schaffens ist glücklicherweise nicht in Sicht. Das Stadtkino Basel widmet ihm zum Geburtstag eine Retrospektive.
Gäbe es den Titel eines „Filmweltmeisters“ und würde man die Zahl der international bedeutenden Auszeichnungen als Maßstab heranziehen, so wäre der am 23. Oktober 1954 in Pingtung, Taiwan, geborene Ang Lee (chinesisch: Li An) unumstrittener Anwärter. Lee begeisterte sich schon früh für das Kino, vor allem für Hollywood und Produktionen der Shaw Brothers aus Hongkong. Sein Vater (die Eltern waren als Emigranten vom Festland nach Taiwan gekommen) arbeitete als Lehrer. Er ging zwar auch gern ins Kino, hielt jedoch das Filmemachen für keine erstrebenswerte Beschäftigung. Noch viel später, selbst während der Oscar-Verleihung an Brokeback Mountain, so Lee, habe er daran denken müssen, dass sein Vater seine Berufswahl nicht gutgeheißen habe.
In Taipei studierte Ang Lee Theater und Film, 1978 ging er in die USA, an die University of Illinois. Die Leidenschaft für das Theater geriet gegenüber dem Film ins Hintertreffen. Er wechselte an die Film School der New York University, erlangte einen Master Degree und arbeitete an Produktionen von Kollegen mit, zum Beispiel 1983 an Spike Lees Abschlussfilm. Er lernte Tim Squyres und James Schamus kennen, zwei Männer, mit denen er bis heute (!) nahezu ununterbrochen zusammenarbeitet: Squyres ist sein bevorzugter Editor, und Schamus schreibt nicht nur (allein oder gemeinsam mit Lee) die Drehbücher, sondern ist auch der Produzent der meisten seiner Filme. Lees Abschlussfilm Fine Line erregte das Interesse der Central Motion Picture Corporation in Taipei, die später seinen ersten Spielfilm produzieren sollte. Doch das dauerte bis zum Jahr 1992. Ang Lee verbrachte viel Zeit zu Hause, zog seinen älteren Sohn auf und kochte, während seine Frau das Geld nach Hause brachte. Nebenbei schrieb er Drehbücher (mit Schamus), von denen zwei — die zu Pushing Hands (1992) und The Wedding Banquet (1993) - in Taiwan ausgezeichnet und letztlich auch verfilmt wurden. Die beiden Filme gelten, zusammen mit Eat Drink Man Woman (1994), als Trilogie. In allen dreien geht es um die Auseinandersetzung mit dem Vater in Taiwan, in allen dreien schlagen die „Kinder“ eine ganz andere Richtung ein als vom Vater erwünscht. Sieht man die Filme chronologisch, kann man zusehen, wie schnell Ang Lee sein filmisches Instrumentarium zu beherrschen lernte – bis hin zur Charakterisierung der Figuren. Von Pushing Hands bis Eat Drink Man Woman vergingen nur drei Jahre – ein Quantensprung. Lees Talent war so offenkundig, dass die Filme nicht nur mit Preisen überhäuft wurden (The Wedding Banquet gewann den Goldenen Bären in Berlin und wurde für einen Oscar nominiert), sie waren auch das Eintrittsticket nach Hollywood. Man beauftragte ihn 1995 mit der Adaption von Jane Austens „Sense and Sensibility“. Lee, der sich mit einer aufwendigen Produktion, mit einer stattlichen Anzahl von Stars (Emma Thompson, Hugh Grant, Kate Winslet), seinem ersten Kostümfilm und seinem ersten rein englischsprachigen Projekt konfrontiert sah, sprach später von einem „langen und schwierigen Lernprozess“, meisterte die Aufgabe jedoch mit Bravour und wurde erneut mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet — und mit dem Golden Globe für den Besten Fılm des Jahres.
Obwohl er mit Angeboten, auch für potenzielle Blockbuster, überhäuft wurde, entschied er sich in der Folge für zwei komplexe Literaturverfilmungen, die beide ein kritisches Licht auf seine von ihm sehr geschätzte Wahlheimat USA werten. The lce Storm (1997) basiert auf Rick Moodys Roman über die frühen siebziger Jahre. Moody schildert eine typische amerikanische „suburb“: Die sexuelle Revolution hat mit Verspätung auch hier Einzug gehalten, die Erwachsenen üben sich -– eher unvergnügt – im Partnertausch, die heranwachsenden Teenager (u.a. Tobey Maguire und Christina Ricci in frühen Rollen) frönen ihrer Pubertät. Im Fernsehen lügt Richard Nixon, und die USA sınd dabei, den Vietnamkrieg zu verlieren. Eın Eissturm sucht die Kleinstadt heim, dessen katastrophale Folgen für allgemeine Ernüchterung sorgen. Daniel Woodrells „Woe to Live On“, der Ang Lees Ride wıth the Devil (1999) zugrunde liegt, ist ein düsterer, ganz und gar unheroischer Bericht über den Amerikanischen Bürgerkrieg. Dieser ist, als die Handlung einsetzt, längst entschieden, nur lose Gruppen junger Männer, darunter Jake Roedel (erneut Tobey Maguire), liefern einander noch sinnlose, blutige Scharmützel. Und Roedels Freundschaft mit einem durch den Krieg freigekommenen ehemaligen Sklaven sorgt für massive Spannungen. Beide Arbeiten sind – trotz Star-Besetzung – komplexe, kritische Filme abseits des Mainstream. Doch während The lce Storm vıel Anerkennung erfuhr, fiel Ride wıth the Devil zwischen alle Stühle, weil er dem Studio zu wenig publikumsträchtig erschien. Nicht einmal einen landesweiten US-Kinostart gönnte man dem Film.
Diese frustrierende Erfahrung bewog Ang Lee, nach Taiwan zurückzukehren und Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000), nach einer Vorlage des Schriftstellers Wang Du Lu, zu realisieren – mit der Creme de la Creme der chinesischen Schauspielkunst, mit atemberaubenden Kampfszenen und einer zutiefst berührenden Geschichte um einen alternden Kungfu-Meister (Chow Yun-Fat) und seine kampferprobte Gefährtin (Michelle Yeoh). Die große Liebe zu leben, die sie verbindet, haben sie sich versagt. Ihnen gegenüber steht eine junge, heißblütige Kämpferin (Zhang Ziyi), die ihren Weg noch vor sich hat. Lees grandioses Melodram, zudem eine Verbeugung vor King Hu und Chang Cheh, den Meistern des Martial-Arts-Films, wurde für zehn Oscars nominiert — eine Sensation für einen fremdsprachigen Film — und mit vier Statuen ausgezeichnet.
Lee kehrte in die USA zurück und versuchte sich 2003 an einem uramerikanischen Mythos, dem beliebten Marvel-Comic „Hulk“. Dass er keinen Superhelden-Film von der Stange liefern würde, war ohnehin klar. Das Ergebnis verstörte jedenfalls Lees Fans, die ihm unterstellten, sich an die Industrie „verkauft“ zu haben, ebenso wie eingefleischte „Hulk“-Fans, die den Film „zu kopflastig“ fanden. Ang Lee war von dem Druck und den Erwartungshaltungen, die auf ihm lasteten, so erschöpft, dass er, wie er später meinte, „ernsthaft überlegte, das Filmemachen sein zu lassen“. Was war passiert? Lee hatte wieder einmal, so sehr und so oft er auch die Genres, die Länder, die Epochen, die Schauplätze, die Figurenkonstellationen wechselt, „seinen“ Film gemacht: Es geht bei ihm immer um das Individuum, das um seine Freiheit, sein Glück in einer ständig „enger“ werdenden Welt kämpft. AngLee steht, wie jeder große Melodramatiker, kompromisslos an dessen Seite - obwohl ja, wie man seit Sigmund Freud weiß, „das Glück im Plan der Schöpfung nicht enthalten ist“. Der strahlenverseuchte Wissenschaftler Bruce Banner kämpft gegen den inneren Dämon, der ihn, wenn er aus ihm herausbricht, jedes Mal an die Grenzen seiner Existenz bringt.
An die Grenzen geraten auch zwei junge Cowboys (eigentlich „Sheepboys“) in Brokeback Mountain (2005), die sich im Wyoming der sechziger Jahre unsterblich ineinander verlieben, zu einer Zeit, als das dort (und anderswo) nicht nur nicht „möglich“, sondern noch regelrecht gefährlich war. Deshalb muss ihre Liebe im Verborgenen blühen, sie müssen Scheinehen eingehen, und die gelegentlichen Treffen werden zunehmend prekärer. Und „Liebe“ heißt bei Ang Lee: vor Leidenschaft brennen, sich verzehren, sich in Raserei auflösen. Heath Ledger und Jake Gyllenhaal spielten diese beiden Männer mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht, und auch dieser Film wurde für Ang Lee zum Triumph: Goldener Löwe in Venedig, drei Oscars und vier der wichtigsten Golden Globes. Mit Liebe und Raserei ging es gleich weiter.
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Lust, Caution verblüffte 2007 erneut: Einen gnadenlosen Film wie diesen über eine junge Kommunistin (Tang Wei), die sich während der japanischen Okkupation Chinas in einen Kollaborateur (Tony Leung) verliebt, den sie eigentlich ans Messer liefern soll, einen Film mit expliziten, harten, ekstatischen Sexszenen, das hatte man nicht erwartet. Nur ein Meister seines Faches konnte einen solch gewagten Film drehen, und Lee gewann in Venedig — wieder einmal — den Hauptpreis.
Mit Taking Woodstock (2009) nach dem autobiografischen Bericht von Elliot Tiber machte Ang Lee die nächste Kehrtwendung. Ihn interessierten weniger die gesellschaftlichen Umwälzungen des Jahres 1969, als vielmehr die Entwicklung eines eher unscheinbaren jungen Mannes, der sein Leben in die Hand nimmt und dank seiner Hartnäckigkeit dafür sorgt, dass das berühmte Musikfestival, das kurz vor der Absage steht, doch noch über die Bühne gehen kann. Life of Pi schließlich, sein bislang jüngster Film, nach Yann Martels Roman, bescherte Ang Lee erneut vier Oscars und einen Golden Globe: Die Pazifik-Reise eines schiffbrüchigen jungen Inders auf einem Rettungsboot, auf dem sich außer ihm nur ein riesiger bengalischer Tiger befindet, sorgte weltweit für Begeisterung.
Im Moment steht kein weiteres Projekt an, aber wie immer Ang Lees Laufbahn nach seinem 60. Geburtstag weitergehen mag, eines kann man vorhersagen: Er wird nicht aufhören, uns zu erfreuen, uns zu verzaubern, uns tief in seine Filme zu verstricken und vor allem — uns zu überraschen.
Der Text erschien im Programmheft des Stadtkino Basel im Oktober 2014.



