Wolkig mit Aussicht auf neue Erfolge
Die Aufbruchsstimmung, die die Erfolge der letzen Jahre im Lande auslösten, hält ungebrochen an. Die österreichische Filmbranche im Herbst 2010. Ein Überblick.

Man stelle sich vor, Andorra würde plötzlich Fußball-Europameister oder ein Nigerianer würde den Ski-Weltcup gewinnen. Solche und ähnliche Vergleiche wurden in den letzten zwei, drei Jahren des Öfteren bemüht, um der unzweifelhaft großen Erfolge des österreichischen Filmschaffens medial Herr zu werden. Rekapitulieren wir: Oscar für Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher im Jahr 2008; Oscar-Nominierung für Götz Spielmanns Revanche 2009; Goldene Palme, diverse Europäische Filmpreise, Golden Globe und zwei Oscar-Nominierungen für Michael Hanekes Das weiße Band 2009/2010; Oscar für Christoph Waltz als bester Nebendarsteller in Inglourious Basterds 2010).
Die Aufbruchsstimmung, die diese Erfolge im Lande auslösten, hält offenbar ungebrochen an. Es wird allerorten fleißig produziert, und die Filme stehen sozusagen in und vor den Kinos Schlange. Allein im September 2010 ging ein gutes Dutzend Filme österreichischer Herkunft (oder Koproduktionen mit österreichischer Beteiligung) an den Kino-Start. Das ist ebenso erfreulich, wie es andererseits problematisch ist. Setzt man als oberstes Besucherlimit für einen österreichischen Kinofilm mit 300.000 bis 600.000 an – Letzteres widerfuhr allerdings nur Hinterholz 8 von Harald Sicheritz im Jahr 1998, einer recht deftigen Komödie mit dem damals unglaublich populären Kabarettisten Roland Düringer – so kann man sich leicht ausrechnen, dass die Aufmerksamkeit der österreichischen Kinozuschauer bei zwölf oder mehr heimischen Filmen pro Monat dementsprechend geteilt sein muss. Dennoch ist der Satz „Wir starten im Herbst“ in den letzten Jahren in der heimischen Verleihbranche quasi zum Credo geworden. Das mag unter anderem damit zu tun haben, dass im Herbst Österreichs größtes Filmfestival, die Viennale, stattfindet, die automatisch das öffentliche Interesse auf den Film lenkt, mehr als dies das restliche Jahr über der Fall ist. Ob es klug ist, so viele Filme kurz hintereinander oder gar parallel auf den Markt zu werfen, ist allerdings zweifelhaft, zumal die Kinosituation durch das kontinuierliche Verschwinden von Abspielstätten für den österreichischen Film allmählich prekär wird,
Zwar gibt es in Wien mehrere Programmkinos, und auch in den Landeshauptstädten und in größeren Bezirksstädten zumindest jeweils eines, ansonsten aber regieren den Kinomarkt landauf, landab größere Kinocenter und Multiplexe. Dass der österreichische Film in seiner überwiegenden Mehrheit, sieht man von bewusst auf Blockbuster getrimmten Komödien und den Verfilmungen der beliebten Kriminalromane von Wolf Haas ab, nicht multiplextauglich ist, ist nun einmal eine Tatsache, die all zu oft übersehen wird. Die amerikanischen Major-Verleiher, die allesamt – in Zeiten der allgemeinen Wegrationalisierung ein wenig überraschend – immer noch ihre Filialen im kleinen Österreich betreiben, überschwemmen den Markt mit Kopien ihrer Blockbuster, und so kann es vorkommen, dass gelegentlich fast ein Fünftel (!) der derzeit 582 Kinosäle, die es in Österreich gibt (in nur noch 161 Kinohäusern) von einem einzigen Film belegt wird. Die Folge sind, wenig überraschend, Filmstau bzw. immer kürzere Abspielzeiten. In diesem Mahlstrom sind österreichische Filme ziemlich chancenlos. Die Kinosituation, die um die Jahrtausendwende, mit dem Hereinbrechen des großen Multiplex-Booms vor allem in Wien, ein Dauerthema in den Medien war, wird heutzutage kaum noch beachtet. Nicht von ungefähr wird die Viennale dieser Tage eine Round-Table-Diskussion zu dem Thema abhalten, die sich mit der Lage der Programmkinos, die den österreichischen Film wesentlich mit tragen, beschäftigen wird.

Der Kinomarkt in Österreich wird ganz deutlich vom Marktleader Cineplexx (Bestandteil der Constantin Film Holding) beherrscht, der ein gutes Drittel der Säle besitzt bzw. betreibt. Daneben gibt es (nur) noch die von der österreichischen Kino-Familie Hueber betriebene Marke Hollywood Megaplex mit Standorten vor allem außerhalb Wiens, und United Cinemas International ist der einzig verbliebene internationale Mitbewerber – mit allerdings nur drei Standorten in ganz Österreich. Der Kinobesuch im Lande liegt generell bei schwachen rund 15 Millionen Eintritten pro Jahr (Schnitt pro Einwohner: nicht einmal zwei Kinobesuche pro Jahr) – mit gelegentlichen Ausreißern nach oben (2004: 19,4 Millionen; 2009: 18,4 Millionen).
Für 2010 kann man mit einem überdurchschnittlichen Ergebnis rechnen, sind doch noch einige potenzielle Erfolgsfilme in den Startlöchern, neben Harry Potter zum Beispiel erfreulicherweise auch zwei österreichische Erzeugnisse: Echte Wiener. Die Deppat’n und die G’spritzten (Regie: Barbara Gräftner, Start: 17. Dezember) ist die Fortsetzung einer im Vorjahr mit 372.000 Besuchern äußerst erfolgreichen Komödie, und Kottan ermittelt – Rien ne va plus (Regie: Peter Patzak, Start: 3. Dezember) muss wohl auch in Deutschland nicht extra vorgestellt werden. Dass diese beiden erfolgsträchtigen Filme auf überaus populären Fernsehserien der Siebziger/Achtziger-Jahre – mit großteils denselben Darstellern – beruhen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die aktuelle Lage vor allem im Drehbuchbereich. Trotz intensivster Bemühungen unterschiedlicher Organisationen (etwa des in Wien beheimateten Drehbuchforums) gehört das Erzählen von publikumstauglichen Geschichten immer noch zu den Schwachstellen des österreichischen Filmschaffens. Allzu sehr ist man hierzulande der guten alten Autorenfilm-Theorie verpflichtet, und die meisten österreichischen Regisseurinnen und Regisseure schreiben ihre Filme immer noch selbst, nicht immer zu ihrem eigenen Vorteil.
Trotz der erwartbaren Erfolge dieser wieder belebten TV-Serien und trotz gelungener Spielfilme wie Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott (Regie: Andreas Prochaska) und Tag und Nacht (Regie: Sabine Derflinger), beide ebenfalls im „heißen Herbst“ gestartet, wird 2010 nicht als Spitzenjahr in die österreichische Filmgeschichte eingehen. Die Zuschauerzahlen – abseits dieser genannten Filme – sind denkbar bescheiden geblieben. Der deutsch-österreichische Kinderfilm Tiger-Team– Der Berg der 1000 Drachen (Regie: Peter Gersina) war mit rund 50.000 Zuschauern ebenso leidlich erfolgreich wie Der Atem des Himmels (noch im Kinoeinsatz), ein vornehmlich durch Eigeninitiative des ehemaligen Rocksängers Reinhold Bilgeri entstandenes Drama. Enttäuschend abgeschnitten haben die ambitionierten Literaturverfilmungen Der Räuber (Regie: Benjamin Heisenberg nach einem Roman von Martin Prinz), die immerhin bei der Berlinale 2010 einiges Aufsehen erregt und als Bären-Kandidat gegolten hatte, und Der Kameramörder (Regie: Robert Pejo nach einem Roman von Thomas Glavinic). Auch die Zahlen für den Dokumentarfilm, der in den letzten Jahren – etwa mit Erwin Wagenhofers We Feed the World (2005) – wahre Blockbuster hervorbrachte, sind mehr als dürftig: Mit rund 27.000 Besuchern steht die Esoterik-Doku Am Anfang war das Licht von P.A. Straubinger (derzeit noch im Kinoeinsatz) noch am besten da. Man mag sich damit trösten, dass – ein bekanntes Phänomen – die Erfolgsgeschichte des österreichischen Films zyklisch verläuft: Auf ein fettes Jahr, das sich auch an den Kinokassen als solches manifestiert, folgen meistens ein bis zwei magere. Trotzdem ist auch hier Erfreuliches zu vermelden. So geriet zum Beispiel die jahrelang äußerst statische Verleihsituation in Bewegung, als im Herbst 2009 ein neuer Player, die Thimfilm (Geschäftsführer Andreas Thim), auf den Plan trat, die sich fast ausschließlich mit österreichischen Produktionen, Spiel- wie Dokumentarfilmen, beschäftigt. Mit dem schon erwähnten Publikumshit Echte Wiener landete der Neuling auf Anhieb einen Riesenerfolg, und seither sind viele der größeren österreichischen Filme via Thimfilm in die Kinos gekommen. Dem bisherigen Platzhirschen für österreichische Filme, dem Filmladen, erwächst solchermaßen starke Konkurrenz.
Auch auf dem Gebiet der Förderung hat sich einiges getan: Mit dem vom Wirtschaftsministerium finanziell ausgestatteten und von der Austria Business Agency und dem Austria Wirtschaftsservice abgewickelten Service Filmstandort Austria trat am 1. Juli 2010 ein Spitzenfinanzierungsmodell in Kraft, das dann greift, wenn die Basisfinanzierung durch die bisher schon existierenden Förderstellen sichergestellt ist. Damit wurde einer langjährigen Forderung der Filmwirtschaft nun endlich entsprochen. Die Mittel der großen „traditionellen“ Förderinstitutionen wurden nach den internationalen Erfolgen aufgestockt: In erster Linie sind das das Österreichische Filminstitut (ÖFI, Budget derzeit 16,5 Mio. Euro), der Filmfonds Wien (FFW, 10 Mio. Euro), die Förderinstitution der Bundeshauptstadt mit gemischter wirtschaftlich-künstlerischer Ausrichtung, das 1981 etablierte Film-/Fernsehabkommen zwischen dem ORF und dem ÖFI, dessen Weiterführung aufgrund der notorischen Finanzkrise des öffentlich-rechtlichen Senders kurzfristig in Frage gestellt war. Mit Ende 2009 wurde die Fortführung des erfolgreichen Modells bekanntgegeben, ohne das die Finanzierung eines einigermaßen großzügig budgetierten Films hierzulande kaum möglich ist. Für die Kinofilmförderung stellt der ORF nunmehr acht Millionen Euro zur Verfügung, das entspricht einer Erhöhung um 2,1 Millionen Euro gegenüber den Vorjahren. Das neue Abkommen gilt für vorerst vier Jahre. Insgesamt investiert der ORF nunmehr 95 Millionen Euro in die österreichische Film- und Fernsehwirtschaft.
Bleiben noch die Festivals zu erwähnen, ein Gebiet, auf dem Österreich mittlerweile einige markante, von der internationalen Branche und auch vom Publikum hoch geschätzte Veranstaltungen aufweisen kann. An erster Stelle ist natürlich die Viennale zu nennen, die alljährlich im Oktober/November die Massen anlockt, und das mit einem seit 1997 von Hans Hurch durchaus kantig zusammengestellten Programm, das nicht in erster Linie auf die „Quote“ schielt. Die Diagonale in Graz (März), das Forum des österreichischen Films, hat sich nach einigen Turbulenzen unter der neuen Leitung von Barbara Pichler gut erholt und kommt seiner Aufgabe, ein Ort der Begegnung für die gesamte nationale Branche – mit internationaler Beteiligung – zu sein, bestens nach; ebenso wie Crossing Europe in Linz (April), das sich, 2004 von Christine Dollhofer gegründet und seither geleitet, erfolgreich und mit stetig wachsender Anerkennung dem jungen europäischen Filmschaffen widmet.
Zusammenfassend kann man also festhalten, dass der österreichische Film, trotz aller hier angeführten Problemstellungen, auf einem positiven Kurs zu sein scheint – wegen oder trotz der gegenwärtigen Rahmenbedingungen. Das ist, wie immer, Ansichtssache.
Der Text erschien im filmdienst No. 22/10 (Oktober 2010).



