Würgeengel
Einer der intelligentesten Akteure des gegenwärtigen Hollywood ist nun mit einem neuen Kabinettstück psychopathologischer Schaustellerei im Kino zu sehen: Mit John Malkovich, dem mörderischen Co-Star von „In the Line of Fire“, sprach Andreas Ungerböck.

John Malkovich, Psychopathendarsteller: Neben Clint Eastwood (als Secret-Service-Agent Frank Horrigan) ist Malkovich der Star des neuen Action-Thrillers In the Line of Fire – Die zweite Chance. Die Rolle als Eastwoods Gegenspieler, als Soziopath Mitch Leary, der ein Attentat auf den US-Präsidenten ankündigt, ist eine neue Facette in der Karriere des 1953 in Benton, Illinois, geborenen Schauspielers, der sich bisher vor allem eher sanft und ein paarmal (wie in Frears’ Gefährliche Liebschaften) dekadent-maliziös gab. Malkovich, Theaterstar und -regisseur, erregte als Kinodarsteller erstmals in Roland Joffés Kambodscha-Drama Killing Fields Aufmerksamkeit: sorgfältig ausgewählte Parts (unter anderem in Bertoluccis Der Himmel über der Wüste) festigten in der Folge sein Renommee.
Was bewegt Sie dazu, eine Rolle anzunehmen, und was interessierte Sie speziell bei „In the Line of Fire“?
In diesem Fall waren es dieser bewußte Verweis auf und die kalkulierte Verwendung des Mythos eines Kinoschauspielers namens Clint Eastwood, die mich reizten. Dazu kommt natürlich das ewige amerikanische Mysterium der Ermordung John F. Kennedys, mit dem der Film sich, wenn auch am Rande, befaßt.
Wie sehr beeinflußte die Tatsache, daß die Figur des Killers Mitch Leary entschieden anders ist als Ihre sonstigen Charaktere, Ihre Entscheidung?
Das kam noch dazu. Eine Rolle wie diese ist sicher eine Herausforderung für jemanden wie mich, der so etwas noch nie oder selten gespielt hat: Neuen Anforderungen sollte man nie ausweichen.
Auf sehr unterschiedliche Weise, aber doch, sind Horrigan und Leary zwei Menschen, die ihre Ideale verloren haben...
Wir alle verlieren unsere Ideale, Gott sei Dank. Es ist mehr Unheil im Namen von Idealen angerichtet worden als im Namen der Religion.
Wie arbeitet man mit einem lebenden Mythos wie Clint Eastwood zusammen? Man würde meinen, daß Sie und er die größtmöglichen Gegenpole in puncto Schauspiel sind.
Ich höre das oft, aber ich sehe das eigentlich nicht so. Ich würde sogar sagen, daß wir einander sehr ähnlich sind: ziemlich schweigsame Menschen, und auch unser Zugang zur Arbeit paßt zusammen. Wir sind beide Let‘s-do-it-Akteure. Es ist dieser pure, klassisch amerikanische Ansatz in der Schauspielerei, würde ich sagen.
Es ist bei aller Bedrohung ein sehr romantischer Zug, den Sie Leary verleihen: Es ist fast so, als wolle er Horrigan eine letzte Chance geben, sich als Held zu bewähren.
Ich glaube, er hat bei all seiner aufgestauten Wut diese kleine, aber doch präsente Hoffnung, er könne sich geirrt haben. Es scheint fast so, als wollte er gefaßt werden.
Bringt der Film so etwas wie die Enttäuschung der amerikanischen Öffentlichkeit über die Politik des Landes zum Ausdruck? Immerhin ist der US-Präsident noch selten in einem Film so schlecht weggekommen.
Es gibt sicher eine weit verbreitete Enttäuschung in diesem Land, aber das ist ja keineswegs nur ein amerikanisches Problem, wenn man sich in der Welt umschaut. Es ist eine Art Zynismus gegenüber der Politik. In Amerika aber, denke ich, wird man etwas dagegen unternehmen, früher oder später.
Teilen Sie diese Enttäuschung?
Bis zu einem gewissen Grad. Aber ich halte es eher mit Nietzsche, was die Politik betrifft: Jeder Staat, der so armselig organisiert ist, daß er nicht mehr von Berufspolitikern allein regiert werden kann, verdient es, zerstört zu werden. Politik ist nicht etwas, woran ich besondere Hoffnungen knüpfe. Ich versuche so zu leben, daß ich mit dem Staat so wenig wie möglich in Berührung komme, daß er sich so wenig wie möglich um mich kümmert.
Der Text erschien in Die Presse / Schaufenster am 29. Oktober 1993.



