Satansweib
Jane Russell. Sie hat die größten Leinwandhelden als Partner gehabt und mit den berühmtesten Regisseuren gedreht. Heute, im Alter von 70 Jahren, ist sie nur noch Großmutter, unterstützt bedürftige Kinder und sieht sich ihre Filme nie im Fernsehen an. Dafür ist sie ein gefragter Stargast bei europäischen Film-Festivals. ANDREAS UNGERBÖCK traf das „Satansweib“.

Zweimal binnen weniger Monate holten europäische Festivalveranstalter die große alte Dame über den Teich, um sich mit ihrer immer noch glanzvollen Ausstrahlung und mit ihren filmischen Perlen zu schmücken. Sowohl in Deauville als auch in Berlin kam das Publikum scharenweise, um jene Frau zu sehen, deren Karriere vor genau 50 Jahren mit einem geschichtsträchtigen Skandal begonnen hatte. Jane Russell, die vor wenigen Wochen ihren 70. Geburtstag feierte, war ein angehendes Fotomodell, als sie 1939 zu Probeaufnahmen für Howard Hawks' Film The Outlaw eingeladen wurde. Sie bekam die Rolle — nicht zuletzt hatte das „zwei große Gründe“, wie die Film-Publicity-Leute sofort zu melden wussten: Ihre imposante Oberweite beschäftigte in den folgenden sieben Jahren nicht nur das öffentliche Leben in den Vereinigten Staaten, sondern auch die Gerichte und die Zensurbehörde. Posters und Photos von Jane Russell überschwemmten das Land, ohne daß irgend jemand den Film zu Gesicht bekommen hatte. Jane Russell wurde zur ständigen Begleiterin der GIs im Zweiten Weltkrieg. Hughes schürte die Erwartungen weiter, zog den Film 1943 — nachdem er endlich angelaufen war — nach kurzer Zeit wieder zurück, um ihn erst 1946 endgültig in die Kinos zu bringen. Zwar hatte sich die Aufregung um die angeblich obszönen Posen der Russell als weitgehend grundlos herausgestellt, aber Jane Russell war ein großer Star geworden, ohne in diesen sieben Jahren auch nur einen einzigen weiteren Film zu drehen. Heute amüsiert sie sich darüber, daß sie einer neuen Generation von Filmjournalisten, die ihre Enkel sein könnten, noch immer diese alte Geschichte erzählen muß: die Story von dem nahtlosen Büstenhalter, den Mr. Hughes angeblich höchstpersönlich für sie entworfen hatte, um ihre Formen noch zu betonen, und den sie nie getragen hatte: „Ich habe ihn einmal anprobiert, in der Garderobe mit meiner Garderobiere, dann sagte ich: ‚Leg das Ding unter die Couch.'“

Sie erzählt das mit dem gleichen kühlen Understatement, mit der Ironie, die alle ihre Filme auszeichnet und zum Vergnügen macht. Besonders jene zwei Filme, die sie gemeinsam mit ihrem Freund Robert Mitchum drehte, Ein Satansweib und Macao, sprühen vor ironischem Witz und jenen schlagfertigen Dialog-Salven, die heutigen Hollywood-Drehbuchautoren nicht und nicht gelingen wollen. „Ich bin das, was man ein verdorbenes Kind und reich nennt“, sagt Russell in Ein Satansweib, und Mitchum kontert: „Ich bin das, was man ein verdorbenes Kind der Armut nennt.“ Ihr gemeinsames Spiel zwischen Anziehung und Zurückweisung, zwischen der Sehnsucht nach dem anderen und der Angst, enttäuscht zu werden, knistert vor Erotik, ohne daß die Russell mehr als eine halbentblößte Schulter zeigen muß. Mehr war gar nicht nötig, sagt sie, und kann sich einen Seitenhieb auf das heutige Filmgeschehen nicht verkneifen: „Vielleicht hatten wir sogar mehr Sex. Heute sagt man: Oh, sie tun es schon wieder. Man will gar nicht mehr hinsehen.“ Jane Russell verkörperte einen einzigartigen Frauentyp, eine Mischung aus Sex-Göttin, die sie ja auf Grund ihrer Erscheinung für viele war, und gutem Kumpel. Weit entfernt vom Sex-Sternchen mit Schmollmund, wie er in den 50er Jahren mit Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot gefragt war. In ihrer Glanzzeit durften die Frauen noch stark sein, waren nicht ausschließlich Objekte begehrlicher Männerblicke. Kolleginnen wie Rita Hayworth oder Lauren Bacall kamen ihr da noch am nächsten. Am deutlichsten unter Beweis stellte Jane Russell ihre Stärke in Sein Engel mit den zwei Pistolen, den sie 1948 mit Bob Hope drehte: als Geheimagentin Calamity Jane „tarnt“ sie sich im Wilden Westen durch die Hochzeit mit dem schwächlichen Zahnarzt Peter Potter, einem wahren Waschlappen von Mann, der sich denn auch genötigt sieht, sich und seine Frau als „Mr. und Mrs. Potter — ich bin der Mister“ vorzustellen. Wenn er sich vor etwas fürchtet (und das tut er recht häufig), flüchtet er mit einem Satz in Janes starke Arme.
Stark und imponierend war sie auch in ihrem wohl berühmtesten Film, Blondinen bevorzugt, der sie nicht nur mit ihrem ersten Regisseur Howard Hawks wieder zusammenbrachte, sondern auch mit dem aufgehenden Stern Marilyn Monroe. Während die zarte Marilyn von einem gutsituierten Herrn träumt, der ihr „a girl's best friends“ schenkt, nämlich Diamanten, hat Jane Russell Handfesteres im Sinn. Nicht weniger als die gesamte Olympiamannschaft der USA muß herhalten, wenn sie ihr „Ain't there anyone here for love“ singt, bevor sie die sämtlich in fleischfarbene (!) Trikots gekleideten Burschen einen nach dem andern in den Swimmingpool befördert.
Stärke bewies sie aber auch in ihrer unverbrüchlichen Treue zu „ihrem“ Studio, RKO Radio Pictures, wo „wir alle wie eine große Familie waren“. Kam einmal ein „Eindringling“ zu RKO, wie der gebürtige Wiener Regisseur Josef von Sternberg, der immerhin Marlene Dietrich zum Weltstar gemacht hatte, dann hatte er keinen leichten Stand. Von Sternbergs Regie zu Macao war von ständigen Reibereien mit der Crew überschattet. „Er erließ sofort alle möglichen Maßregeln: Es ist verboten, auf dem Set zu essen und zu trinken, er machte abfällige Bemerkungen über andere. Nun, am ersten Tag also, nach der Verkündigung dieser neuen Regeln, kam Bob Mitchum mit einem riesigen Picknick-Korb herein und breitete mitten auf dem Boden ein Tuch aus und lud alle vom Stab zu einem Sandwich und einem Drink ein. Seine Sekretärin kam mit einem großen Krug herein, und das war's dann.“ Von Sternberg mußte gehen, und Nicholas Ray, mit dem die Russell später den fulminanten Zigeunerfilm Feuer im Blut drehte, brachte Macao zu Ende.
Ihre vielen berühmten männlichen Partner möchte sie nicht missen: „Ich mochte sie alle, Mitchum, Gable, alles wunderbare Männer.“ Mit den fünfziger Jahren neigte sich auch die große Karriere der Jane Russell dem Ende zu, vier Filme drehte sie noch in den sechziger Jahren, widerstand aber — ganz im Gegensatz zu anderen Stars — der Versuchung, die „Legende“ durch einige matte Altersrollen noch einmal aufleben lassen zu wollen. Heute ist sie mit dem Grundstücksmakler John Calvin Peoples verheiratet, kümmert sich um ihre Familie, um alte Freunde und ganz besonders um ein von ihr initiiertes Waisen-Adoptionsprogramm. Sie selbst ging mit gutem Beispiel voran, indem sie mit ihrem ersten Mann Robert Waterfield drei Kinder adoptierte. Daß ihre alten Filme im Fernsehen laufen, merkt sie nur daran, wenn ihre Enkelkinder wieder einmal so „merkwürdig ehrfürchtig“ dreinschauen. Ihr fester Boden unter den Füßen ist der Glaube an Gott und die Hochachtung traditioneller Werte wie Freundschaft und Familie, und sie sagt jedem, der es hören will, offen, daß sie stets republikanisch wählt.
Man kann das konservativ nennen — oder es so ausdrücken wie ihr großer Kollege Robert Mitchum: „In einer Welt der Täuschung und des Betrugs ist sie ebenso natürlich und zuverlässig, wie sie schön ist. Ich bin stolz, mich ihren Freund nennen zu dürfen.“
Das Interview wurde im September 1990 in Deauville geführt, der Text erschien in der „Kurier Freizeit“ am 20. Juli 1991.


