Jenseits von Pattaya
Der aktuelle thailändische Filmboom hängt nicht unwesentlich mit dem Erfolg einer Anzahl von jüngeren Regisseuren zusammen, die in den letzten Jahren bei internationalen Festivals für Aufsehen sorgten.

Bekannt ist Thailand für westliche Kinogänger allenfalls als (mehr oder weniger erkennbarer) Schauplatz von Filmen wie The Man with the Golden Gun, Tomorrow Never Dies, Good Morning, Vietnam, The Killing Fields, The Deer Hunter, Golden Eye, Air America, In the Mood for Love oder The Beach, um nur einige zu nennen. Trotzdem beklagen die thailändischen Produzenten die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Regierung, wenn es um ausländische Aufträge geht. Das undurchsichtige Steuersystem, die unklaren Regelungen für ausländische Arbeitnehmer und die Schwerfälligkeit der Behörden würden vielversprechende Koproduktionen zunichte machen. Die Ausgaben ausländischer Filmproduktionen seien von 900 Mio. Baht (20,3 Mio. Dollar) im Jahr 1997 auf 578 Mio. Baht (13,03 Mio. Dollar) im Jahr 1999 gefallen.
Aber die Regierung hat so ihre Sorgen mit ausländischen Filmen: Die Dreharbeiten für Danny Boyles The Beach (2000) auf der kleinen Insel Ko Phi Phi Le endeten im ökologischen Desaster. Umweltschützer aus aller Welt liefen Sturm gegen die Zerstörung des Tropenparadieses. Im Falle von Andy Tennants Anna and the King (1999) untersagte die Regierung kurzerhand die Dreharbeiten in Thailand, weil das Drehbuch vor historischen Fehlern strotze und das Königshaus beleidige, das so gut wie unantastbar ist. (In den Kinos wird vor jedem Film die Nationalhymne gespielt!) Die Industrie musste leidvoll zur Kenntnis nehmen, dass die Dreharbeiten (mit Ausgaben von über drei Mio. Dollar) schließlich in Malaysia stattfanden.
Thailands Filmproduktion ist in vieler Hinsicht typisch für die Entwicklung, die viele asiatische Länder durchmach(t)en. Wie Taiwan etwa oder der Stadtstaat Singapur war das Königreich lange Zeit filmischer „Selbstversorger", was sich auch in den Zahlen ausdrückte: Bis in die siebziger Jahre produzierte man in Thailand zwischen 100 und 200 Filme jährlich, die meisten davon billig hergestellte und auf eine rasche Verwertung ausgerichtete 16-mm-Filme. Nur noch wenige Veteranen der Branche, wie die Regisseure Cherd Songsri und Prince Chatri Chalerm Yukol (auch bekannt als Than Mui, tatsächlich ein Spross des Königshauses), können sich an diese (quantitative) Hochblüte erinnern, die mit der flächendeckenden Verbreitung von Fernsehen und Video und vor allem mit der Etablierung der Verleihfilialen der Hollywood Majors ein Ende fand. Wurden bis weit in die neunziger Jahre immerhin noch rund 20 Filme jährlich produziert, so fiel der nationale Output 1999 und 2000 auf grade einmal je neun Filme.
Zwar gab es auch in den achtziger und frühen neunziger Jahren immer mal wieder künstlerisch und kommerziell erfolgreiche lokale Filme von Regisseuren wie Euthana Mukdanasit (Butterflies and Flower, Sunset), Niratisai Kanjareuk (Blackbirds at Bangpleng) oder Bandit Rittakhol (Once Upon a Time … This Morning), aber im Großen und Ganzen führten die Formelhaftigkeit, die schlechten Drehbücher und der fast obsessiv eskapistische Grundton der Filme das thailändische Kino an den Rand des Abgrunds. Die Filme waren selten mehr als Vehikel für die allgegenwärtigen pretty faces, Teenie-Popstars beiderlei Geschlechts. Geld kam vor allem von den beiden Musik-Giganten Grammy Entertainment und RS, die zufrieden waren, wenn ein wenig Handlung um ihre Stars herum gebaut wurde. Allmählich begann sich das Publikum jedoch an den immer gleichen Teenie-Romanzen satt zu sehen, und Mitte der Neunziger schien der Tiefpunkt erreicht: „Wir brauchen gar keine Arthouse-Filme in Thailand, denn die thailändischen Filme sind – was ihre Zuschauerzahlen betrifft – ohnehin Arthouse-Filme", spottete der Regisseur Pen-ek Ratanaruang 1997 nach seinem Regiedebüt Fun Bar Karaoke.
Hollywood-Filme: 80 Prozent Marktanteil
Mitte der neunziger Jahre brach der Kinomarkt für heimische Filme endgültig zusammen: In Thailand eröffneten die ersten Multiplexe, vor allem in den Shopping Malls der Metropole Bangkok, und begannen jugendliche Zuschauer anzuziehen. Allein von 1993 bis 1996 stieg der Kinokartenverkauf von 30 Mio. auf 80 Mio. US-Dollar jährlich. Entertainment Golden Village (EGV), ein Joint Venture zwischen dem alteingesessenen lokalen Entertain Theatres Network und Golden Village (Hongkong/Australien), dominiert mit 40% Anteilen den Kinomarkt vor Major Cineplex und United Artists. EGV hat über 60 Leinwände in sieben Locations allein in der Hauptstadt. Demgegenüber mussten allein 1999 zwanzig kleine Kinos und Mini-Center in Bangkok ihre Türen für immer schließen. Von den 270 Leinwänden in den beiden größten Städten Bangkok und Chiang Mai stehen heute 147 in Multiplexen, 104 in Miniplexen, und nur noch 19 sind Einsaalkinos.
Wie fast überall in Asien profitierten vom neuen Besucherboom vor allem die US-Blockbuster. Hollywood, angetreten mit derselben aggressiven Strategie wie in anderen asiatischen Ländern, bekam den thailändischen Markt binnen kürzester Zeit in den Griff. Sogar die königlichen Armeeoffiziere wurden in Sachen Patriotismus anhand von US-Filmen wie Independence Day geschult. Der Marktanteil der amerikanischen Kassenschlager, Anfang der Neunziger noch bei „nur" 60%, liegt mittlerweile bei rund 85%, und das trotz der allgegenwärtigen Video- und DVD-Piraterie, die der US-Industrie in Thailand wie im restlichen Südostasien schwer zu schaffen macht.
Um ihre Schlagkraft zu erhöhen, haben sich in Thailand – ein Unikum – Columbia TriStar und Buena Vista zusammengeschlossen. Mit vorgezogenen Premieren der US-Blockbuster versucht man zudem, der Piraterie so gut wie möglich vorzubeugen. Der Anteil der Thai-Filme am Box-Office-Kuchen beträgt 11% – früher über 20%. Den Rest teilen sich indische und chinesische Filme, meist aus Hongkong. Europäische Filme sind – außerhalb des Bangkok Film Festivals, das allerdings erst am Anfang steht – so gut wie nicht zu sehen. Roberto Benignis La vita è bella (1998), von Global Pictures verliehen, musste sich mit 10 Mio. Baht (rund 225.000 Dollar) Einspiel begnügen. Sieben bis acht von zehn Filmen in den jährlichen Top-Ten-Listen sind US-amerikanischen Ursprungs, die restlichen zwei bis drei Plätze teilen sich einheimische Filme und solche aus Hongkong.
Wendepunkt: das Jahr 1997

Angesichts dieser Fakten mutet die Tatsache, dass man dennoch von einem neuen thailändischen „Filmwunder" spricht, geradezu kurios an. 1997 kann als eine Art Wendepunkt angesehen werden, als ein Jahr, in dem sich der erste Silberstreif am Horizont abzeichnete: Fun Bar Karaoke, eine Art Wong-Kar-wai-Film thailändischen Zuschnitts, wurde bei zahlreichen internationalen Festivals (u.a. auch beim Forum in Berlin) gezeigt, und lenkte – trotz geteilter Aufnahme – das internationale Interesse wieder auf den thailändischen Film. Am anderen Ende des filmischen Spektrums entstand Nonzee Nimibutrs Dang Bireley and Young Gangsters, die – an Hongkong-Filme wie To Be No. 1 angelehnte – mythisch überhöhte Lebensgeschichte eines (realen) prominenten thailändischen Gangsters: knallhart, kompromisslos und so recht nach dem Geschmack eines (urbanen) jugendlichen Publikums. Dank hoher Production Values und einer Riege lokaler Stars wurde Dang Bireley zum bis dahin erfolgreichsten thailändischen Film aller Zeiten und zum Vorbild für andere Filmemacher.
Diese beiden Filme signalisierten Aufbruch, wenn auch in zunächst unterschiedliche filmische Richtungen. Die auffälligste Parallele: Beide Regisseure waren früher in der Werbebranche tätig, wie auch einige andere in den letzten Jahren erfolgreiche thailändische Filmemacher, etwa Yongyuth Thongkongthun (Iron Ladies, 2000). Der Erfolg von Dang Bireley löste eine Reihe von mehr oder weniger gelungenen Nachahmungen im Gangstergenre aus; zudem schwappte die „neue" asiatische Horrorfilm-Welle im Gefolge des japanischen Blockbusters The Ring (1998) auch auf Thailand über. Erneut war es Nonzee Nimibutr, der den Vogel abschoss und mit dem mystischen Horrorepos Nang Nak (150 Mio. Baht/3,38 Mio. Dollar Einspiel) nicht nur in der Heimat, sondern auch international reüssierte: Der Film, von Fortissimo weltweit vertrieben, wurde gut verkauft, ganz besonders in den benachbarten asiatischen Ländern. Aber auch Pen-ek Ratanaruang feierte einen großen Erfolg. Sein cleverer Schachzug, das thailändische Major Studio Five Star Productions zur Koproduktion seines nächsten Films zu bewegen, zahlte sich für alle Beteiligten aus: 6ixtynin9 (1999), eine am Mainstream orientierte, dennoch intelligente und rabenschwarze Komödie über eine Frau, die eine Schachtel voll Geld vor ihrer Wohnungstür findet und in haarsträubende Kalamitäten gerät, sorgte nicht nur in seinem Heimatland für ausverkaufte Häuser, sondern war – neben Nang Nak – der thailändische Film, der international am meisten Beachtung fand. Auch Apichatpong Weerasethakuls Low-Budget-Film Mysterious Object at Noon (2000), wohl am ehesten das, was man im Westen einen Arthouse-Film nennen würde, kam sehr gut an.
Wie Phönix aus der Asche – anders kann man es nicht beschreiben, wenn man das Box-Office-Ergebnis des Jahres 2000 betrachtet. Es scheint, als habe sich die Konzentration auf wenige Filmproduktionen – eine Art Gesundschrumpfung – positiv auf das thailändische Filmschaffen ausgewirkt: Zwei thailändische Filme liegen an der Spitze, deutlich vor den amerikanischen Major-Filmen.
Top-Ten-Filme Thailand, 2000 – Einspiel in US-Dollar
1. Bang Rajan, Thanit Jitnukul, Thailand, 3,37 Mio.
2. The Iron Ladies, Yongyuth Thongkongthun, Thailand, 2,47 Mio.
3. Mission Impossible 2, John Woo, USA, 2,02 Mio.
4. X-Men, Bryan Singer, USA, 1,75 Mio.
5. Charlie's Angels, Joseph McGinty Nichol, USA, 1,56 Mio.
6. End of Days, Peter Hyams, USA, 1,55 Mio.
7. Hollow Man, Paul Verhoeven, USA, 1,15 Mio.
8. The Perfect Storm, Wolfgang Petersen, USA, 1,13 Mio.
9. Dinosaur, Eric Leighton/Ralph Zondag, USA, 1,05 Mio.
10. Gone in 60 Seconds, Dominic Sena, USA, 1,01 Mio.
Thailändische „Blockbuster"
Thanit Jitnukul, ein Routinier des thailändischen Films, reüssierte mit seinem historischen Schlachtengemälde Bang Rajan (2000), einer Art Film gewordenem Nationalepos, in dem die Bewohner des gleichnamigen Dorfes sich im 18. Jahrhundert gegen burmesische Hegemonieansprüche zur Wehr setzen. Dass sie am Ende unterliegen, tat der Publikumsbegeisterung keinen Abbruch. Wesentlich überraschender kam da schon der Erfolg von Yongyuth Thongkongthuns The Iron Ladies (2000) über eine in Thailand nicht eben anerkannte soziale Randgruppe: Die fulminante Tragikomödie über ein Volleyballteam, bestehend aus Transvestiten (bzw. „Ladyboys"), spielte in nur zehn Tagen 60 Mio. Baht (1,35 Mio. Dollar) ein und kam schließlich auf stattliche 2,47 Mio. Dollar.
Doch damit ist der thailändische Filmboom noch nicht zu Ende: Der slicke Gangster-Thriller Bangkok Dangerous (2000) der aus Hongkong stammenden Brüder Danny und Oxide Pang besteht zwar mehr aus Stil denn aus Inhalt, die Saga um einen taubstummen Killer, der vor allem mit der Waffe spricht (Wong Kar-wais Fallen Angels lässt grüßen), sorgte dennoch asienweit für Furore. Produziert wurden Bang Rajan und Bangkok Dangerous von Film Bangkok, einer neuen Major Company, gebildet aus BEC World, dem Betreiber des TV-Senders Channel 3, und Tero Entertainment. Film Bangkok, eine junge Firma modernsten Zuschnitts, löste die „alte" Grammy Film ab, die mit Youth Soldiers (1999), einem allzu ambitionierten Projekt des verdienten Regisseurs Euthana Mukdanasit über thailändische Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Schiffbruch erlitten hatte. Auch zwei andere Veteranen, Prinz Chatri Chalerm Yukol und Cherd Songsri, wollten es noch einmal wissen, nachdem sie die letzten Jahre eher frustriert beim Fernsehen gearbeitet hatten. Songsri schuf mit Behind the Painting (2001) eine in Japan angesiedelte Geschichte über die verbotene Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau.
Der Prinz wiederum, Regisseur herausragender sozialkritischer Filme wie Salween (1991) und Daughters (1994), drehte mit Suriyothai (2001) den mit einem Budget von mehr als 5 Mio. Dollar teuersten thailändischen Film aller Zeiten; ein Teil des Budgets soll dem Vernehmen nach direkt aus der königlichen Schatzkammer stammen. Wie in Bang Rajan handelt es sich auch bei Suriyothai um ein nationales Anliegen. Die Geschichte der thailändischen Königin, die im 16. Jahrhundert an der Spitze ihres Heeres gegen burmesische Invasoren kämpfte, gilt jetzt schon als größte Materialschlacht in der Geschichte des Thai-Films. Nach zwei Jahren Dreharbeiten und mehreren Startverschiebungen kam der Film im Herbst 2001 in die Kinos, und man erwartet einen neuen Box-Office-Rekord.
An der Produktion war auch Nonzee Nimibutr beteiligt, ohne den im thailändischen Kino nichts mehr zu gehen scheint. Zunächst produzierte er das Regiedebüt des Autors von Dang Bireley und Nang Nak, quasi als Gegenleistung: Wisit Sasanatiengs stylische Genrespielerei Tears of the Black Tiger (2000, ebenfalls von Film Bangkok produziert) sorgte dieses Jahr beim Festival in Cannes für Aufsehen und landete ebenso bei dem in Amsterdam und in Hongkong angesiedelten renommierten Weltvertrieb Fortissimo wie Nimibutrs neueste Regiearbeit Jan Dara (2001), die kürzlich beim Festival in Venedig Weltpremiere feierte, und wie Eye, der neue Horrorthriller der Brüder Pang. In letzterem geht es um eine blinde Frau, deren Augenlicht durch eine Operation wiederhergestellt wird, wenn auch mit fürchterlichen Folgen: Ihr Leben wird für sie ab sofort zur Hölle, sie wird von Tragödien und Unglücksfällen geplagt. Jan Dara wiederum ist die Geschichte eines Mannes, der in sein Dorf zurückkehrt, um sich an seinem Vater zu rächen, sich dann aber in ein leidenschaftliches Drama zwischen seiner Stiefmutter, seiner Stiefschwester und seiner Jugendliebe verstrickt.
Produziert wurde Jan Dara von Peter Chans Applause Pictures aus Hongkong. Dies ist ein weiterer deutlicher Hinweis auf die sich abzeichnende Vision eines „panasiatischen" Filmschaffens: Immer häufiger, mit immer größeren Budgets und immer erfolgreicher kooperieren Japan und Hongkong (so bei Norio Tsurutas Horrorfilm Akashi, 2001), Japan und Taiwan (bei den Filmen Edward Yangs und Hou Hsiao-hsiens) bzw. Hongkong und Thailand (so bei Daniel Lees A Fighter's Blues, 2001).
Wenn der Filmboom weiter anhält, könnte Thailand zu einem Major Player in diesem erfolgsträchtigen Spiel werden.
Erschienen in: epd Film, Nr. 12/2001, S. 20–25.


