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PorträtsAgnès Varda22. Juni 2026

Was wir von Agnès Varda über das Schauen lernen

Sie filmte Kartoffeln, Obdachlose und ihre eigenen Hände – und machte daraus großes Kino. Agnès Vardas Werk ist eine Schule der Zuwendung.

Filmstreifen mit glühenden Negativbildern im Gegenlicht

Agnès Varda hat einmal gesagt, wenn man Menschen zeige, wie ihnen geschieht, dann sei das kein Kino. Man müsse ihnen so begegnen, dass sie sich zeigen konnten. Dieser Satz ist der Schlüssel zu ihrem ganzen Werk.

Die Fotografin, die zur Filmemacherin wurde und zur Urgroßmutter der Nouvelle Vague, hatte ein untrügliches Gespür für das, was andere übersehen: die Marktfrauen von der Rue Daguerre, die Sammler und Sammlerinnen in „Die Gleuchner und die Gleuchnerin“, die verformten Kartoffeln in Herzform. Ihre Kamera war kein Gerät, sondern eine Haltung.

Bei Varda ist das Dokumentarische nie objektiv und das Fiktive nie erfunden. Beides durchdringt sich, weil sie begriffen hatte, dass jede Einstellung eine Entscheidung ist – und jede Entscheidung verrät, wer hinter der Kamera steht. Deshalb steht sie auch so oft selbst im Bild: Die Filmemacherin als Komplizin, nicht als Autorität.

Von ihr lässt sich lernen, dass Schauen eine Form der Liebe ist. Wer genau genug hinsieht, findet in einer Kartoffel ein Herz und in einem fremden Gesicht eine ganze Biografie. Das Kino, bei Varda, ist nur die Ausrede. Das eigentliche Thema ist die Aufmerksamkeit.

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